Fürth: Jugendzentrum Kommiz (1973/74)

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 31.10.2015


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Von der Fürther Initiative für ein Jugendzentrum bzw. ein Kommunikationszentrum (Kommiz), in der auch der RJVD des KABD mitarbeitete, können hier bisher nur wenige Dokumente vorgestellt werden. Wir bitten um Ergänzungen.

Wir danken dem Berliner Archiv Papiertiger für die freundliche Unterstützung.

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

Juni 1973:
Der RJVD des KABD (vgl. Jan. 1974) berichtet aus Fürth vom Kampf um ein Jugendzentrum (JZ - vgl. Sept. 1973) u.a. aus dem Juni:"
KAMPF UMS JUGENDZENTRUM

FÜRTH: Was tun während der Freizeit? In Kneipen hocken und flippern? In teuren Discotheken sich bloß immer den Kopf volldröhnen lassen, ohne mal mit jemand reden zu können? Ein eigenes Haus müßten man haben, ein Jugendzentrum, wo man sich treffen und selber mal was 'losmachen' kann!

In Fürth taten sich einige Jugendliche zusammen, um für so ein Jugendzentrum einzutreten. Wer ist zuständig? Der Stadtrat natürlich! Die Stadt muß so ein Haus bereitstellen! Und wie erreicht man das? Die Kollegen machten es zuerst so, wie man das im Sozialkundeunterricht lernt: Sie stellten als 'Bürger' einen Antrag an den Stadtrat. Aber es stellte sich heraus, daß das Sozialkundebuch ein Märchenbuch ist. Es tat sich nämlich nichts. Was nun? Die Kollegen der 'Initiativgruppe' richteten einen Aufruf an die politischen Jugendorganisationen, um Verstärkung zu bekommen. Im Lauf der Zeit rückten an: Junge Union (JU der CDU/CSU, d.Vf.), Jungsozialisten (Jusos der SPD, d.Vf.), SDAJ (der DKP, d.Vf.), und wir, Kommunisten vom RJVD. Die Junge Union rückte gleich zähneklappernd wieder ab, weil ihr das ganze Unternehmen gleich 'verdächtig' vorkam. In der Initiativgruppe bildeten sich nun nach vielen Diskussionen zwei 'Lager' heraus: Die Jusos rühmten sich ihres Einflusses bei den Stadträten und wollten durch 'überzeugende Argumente' bei der Stadtbürokratie etwas erreichen. Wir vom RJVD und andere Kollegen warten in der Diskussion und in unserer Berufsschulzeitung ROTES KLEEBLATT vor solchen Illusionen. Statt auf die Gnade des Stadtrats zu hoffen, müssen wir die Jugendlichen selber für ihre Interessen mobilisieren, um ein Jugendzentrum zu erkämpfen! Die Jusos wiegelten ab. Das müsse man natürlich auch machen, das sei ja ganz im Sinn ihrer berühmten 'Doppelstrategie'. Aber in der Praxis blieben dann immer bloß Mauscheleien mit den Behörden hinter verschlossenen Türen übrig. Ergebnis? Zuerst sollte ein altes Brauereigelände als Jugendhaus hergerichtet werden. Der zweite Bürgermeister (SPD) machte Versprechungen. Und im Juso-Vorstand ließ man die Muskeln spielen. Wenig später aber wurde das Gebäude einfach abgerissen, um Kundenparkplätze für die Geschäftswelt der Innenstadt zu schaffen. Der ehrenwerte Bürgermeister konnte sich beim besten Willen an kein Versprechen mehr erinnern.

Jetzt stimmte die Mehrheit der Kollegen für eine Demonstration. Mehr als 300 Jugendliche demonstrierten dann im Juni für ein Jugendzentrum. Und siehe da, endlich zeigte der Stadtrat 'Wirkung'. Wieder sollte ein Haus zur Verfügung gestellt werden. Wie groß war aber die Empörung, als sich das zukünftige Jugendzentrum als winziges Liliput-Häuschen (ein ehemaliger Kindergarten) entpuppte. Viele meinten: Da müssen wir gleich öffentlich zeigen, daß wir damit nicht einverstanden sind. Das wollten auch wir vom RJVD. Aber den Juso-Führern gelang es noch einmal, die gemeinsame Aktion abzublocken. Ein SPD-Stadtrat versicherte der Initiativgruppe. er wolle sich für eine Vertagung des unmöglichen Beschlusses einsetzen. Und einen Tag später telefonisch: Alles in Butter, die SPD-Fraktion hat die Vertagung beschlossen. Wieder einen Tag später war Stadtratssitzung. Einige Kollegen gingen als Beobachter hin. Sie trauten ihren Ohren nicht. Glatt ging der Antrag durch, der Fürther Jugend das besagte Mini-Häuschen 'zu gewähren'. Also belogen und verschoben hatte man uns! Jetzt wurde mehr und mehr abgerechnet mit der Doppelstrategie der Jusos. Was war denn los mit ihrem berühmten 'Einfluß'? War das unser Einfluß beim Stadtrat, oder war es nicht gerade umgekehrt der Einfluß des Stadtrats bei uns, um uns besser übers Ohr hauen zu können? Bald erschienen die Juso-Führer gar nichtmehr, weil sie nur noch ausgelacht würden, wie sie selbst sagten.

Zu dieser Zeit suchte eine Organisation türkischer Kollegen einen Kindergarten. Dafür war das Mini-Häuschen gerade richtig. Gemeinsam mit den Türken startete jetzt die zweite Demonstration: 'Kindergarten für die Türken - wir wollen ein richtiges Jugendzentrum!' Um der Hetze des Stadtrates entgegenzutreten, wurden extra Flugblätter an die älteren Kollegen verteilt, um den Sinn unseres Kampfes zu erklären.

Da erschienen wieder die Juso-Funktionäre auf der Bildfläche: als Spalter! Gemeinsam mit der Jungen Union, die auf einmal auch wieder gekrochen kam, wollten sie als Konkurrenz zur 'Initiativgruppe' einen 'Verein für das Jugendzentrum' gründen, um stellvertretend für die Jugend das unbrauchbare Mini-Häuschen vom Stadtrat entgegenzunehmen. Für jeden sichtbar, verloren die Juso-Führer jetzt den letzten Fetzen ihres roten Mäntelchens und standen ganz schwarz da."

Für die 'Wir wollen alles' (WWA - vgl. 15.10.1973) berichtet die Initiativgruppe für ein jugendeigenes Kommunikationszentrum (IJK), die über Chris Weise und Renée Kraft in der Pfisterstr. 20 in Fürth erreichbar ist, über Jugendzentren in Erlangen und Nürnberg, Schickedanz (Quelle - HBV-Bereich) und Grundig (IGM-Bereich) sowie, dass im Juni ein Fest mit einer dreistelligen Anzahl von Besuchern durchgeführt wurde und von dort eine Demonstration. Die Jusos der SPD wollten einen Verein gründen und luden dazu alle Jugendgruppen ein, woraufhin eine 'Unzahl' dieser erschienen sei, u.a. die Kulturmasochisten von 'Moloch' und eine Musikgruppe aus Ammerndorf. Es sei kein Verein gegründet worden, dafür wurde aber eine Aktionswoche mit Straßentheater in täglich wechselnden Stadtteilen organisiert. Da Türken das selbe Haus für einen Kindergarten wollten wurde die zweite Demonstration in Solidarität mit dieser Forderung durchgeführt und von 250 Schülern und Lehrlingen besucht.
Quellen: Wir wollen alles Nr. 9, Gaiganz Okt. 1973; Rebell Nr. 1, Tübingen Jan. 1974, S. 7

Rebell926


September 1973:
Der RJVD des KABD - Ortsgruppe Fürth gibt die Nr. 7 seines 'Roten Kleeblatts' für September heraus, in der er sich u.a. mit dem Kampf für ein Jugendzentrum (JZ) befaßt.
Q: Rebell Nr. 1, Tübingen Jan. 1974, S. 7

September 1973:
Der RJVD des KABD (vgl. Jan. 1974) berichtet aus Fürth vom Kampf um ein Jugendzentrum (JZ - vgl. Juni 1973, Dez. 1973) evtl. u.a. aus dem September:"
Nachdem also alle Tricks und Schwindeleien nichts genützt hatten und unser Kampf nicht 'einschlief', sondern immer größere Unterstützung fand, machten jetzt einige Mitarbeiter des Jugendamts einen Vorstoß: Ein größtenteils ungenutztes Jugendheim soll geräumt und uns zur Verfügung gestellt werden. Wenn das erreicht wird, dann nur durch die Kraft unseres gemeinsamen Kampfes!

Aber damit ist der Kampf noch lange nicht beendet. Im Gegenteil. Viele Kollegen haben durch den Kampf der Initiativgruppe Erfahrungen gesammelt, die eine weitergehende Verwendung des Jugendzentrums verlangen: für den Interessenkampf in Betrieb und Schule nämlich. Seit den Sommerferien hat die Initiativgruppe deshalb einen Lehrlings- und einen Schülerarbeitskreis gebildet, wo Themen wie Stufenplan, Jugendarbeitsschutz, Schulordnung (ASchO, d.Vf.) besprochen werden."
Q: Rebell Nr. 1, Tübingen Jan. 1974, S. 7

01.10.1973:
Die Initiative jugendeigenes Kommunikationszentrum (IJK) Fürth gibt vermutlich in dieser Woche ihre 'Kommiz Nachrichten' in einer Auflage von 10 000 Stück heraus zur Aktionswoche vom 8. bis. 13.10.1973.

Enthalten sind die Beiträge:
- "Was is'n Kommiz?";
- "Kommiz-Comic";
- "Interview";
- "Kommiz-Story";
- "Jusos und Judos von der Mitarbeit zur Sabotage";
- "Das Neueste"; sowie
- "Kommiz-Song".
Q: Kommiz Nachrichten, Fürth o. J. (1973)

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Dezember 1973:
Der RJVD des KABD (vgl. Jan. 1974) berichtet aus Fürth vom Kampf um ein Jugendzentrum (JZ - vgl. Sept. 1973) vermutlich u.a. aus dem Dezember:"
Aber auch in Sachen Freizeitgestaltung hat sich was getan. Vorschläge, wie gemeinsame Ausflüge machen, Fußball, Tischtennis und gemeinsames Singen wurden zum Teil schon verwirklicht, ein vor kurzem gegründete Theatergruppe hatte bereits ihren ersten vielbeklatschten Auftritt.

Noch etwas muß erwähnt werden, wenn der Bericht über mehr als ein Jahr Kampf ums Jugendzentrum vollständig sein soll. Einige Kollegen haben aus ihren Erfahrungen die Konsequenz gezogen, daß die fortschrittliche arbeitende und lernende Jugend eine eigene politische Organisation braucht und wollen in Zukunft am ROTEN KLEEBLATT (Berufsschulzeitung des RJVD Fürth, d.Vf.) und im RJVD mitarbeiten."
Q: Rebell Nr. 1, Tübingen Jan. 1974, S. 7

01.03.1974:
Die Jugendinitiative für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum in Fürth gibt vermutlich Anfang dieser Woche ihr 'Kommiz Info' Nr. 4 für April heraus. Enthalten sind die Beiträge:
- "Was wir wollen. Sofortprogramm der Jugendinitiative für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum in Fürth";
- "Oktober 73 - März 74" zur Geschichte der Initiativgruppe;
- "Verwaltungsmodell";
- "Kommiz-Arbeitskreise" die es gibt zu Theater, Programm, und Musik, für eine Reportage über die Lage der Jugendlichen, den Schülerarbeitskreis, der eine Schulzeitung erstellt hat, und den Lehrlingsarbeitskreis, der mittlerweile acht Mitglieder habe; sowie
- "Einladung zur öffentlichen Diskussion" am 3.4.1974.
Q: Kommiz Info Nr. 4, Fürth März 1974

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Letzte Änderung: 21.11.2017