Biafra

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 30.9.2020

Der Krieg aufgrund der Unabhängigkeitserklärung der Republik Biafra von Nigeria, der zur Hungerkatastrophe in Biafra führte, war im Jahr 1968 in den bundesdeutschen Medien stark präsent, so dass Biafra zum Synonym für hungernde Kinder wurde.

Studentische Gruppen engagierten sich vermutlich nur vereinzelt zu diesem Thema (vgl. 6.12.1967, 23.1.1968). Mit Biafra befasste man sich vor allem im Schülerbereich (vgl. 15.3.1968, 20.7.1968, Nov. 1968). Die Linke blieb zurückhaltend, obwohl der Krieg sehr wohl als durch den Imperialismus hervorgerufen analysiert wurde (vgl. Nov. 1968, 7.12.1968, Dez. 1970, 6.11.1972).

Nicht die imperialistischen Interessen aber, sondern vor allem das Leid der hungernden Menschen bzw. vor allem der Kinder, scheint auch in der Linken das Bild geprägt zu haben, so dass es teilweise sogar zu eher ungewöhnlichen Aktionsgemeinschaften gekommen zu sein scheint (vgl. 30.12.1968).

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

06.12.1967:
An der TU Berlin gibt das Außenreferat der Studentenvertretung (SV) eine "Information" heraus. Angekündigt wird ein Informationsabend zu Biafra bzw. Nigeria.
Quelle: SV TU-Außenreferat: Information, Berlin 6.12.1967

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23.01.1968:
In Berlin riefen die Biafra Union und die Studentenvertretungen der FU und TU auf zur Biafra-Demonstration um 14 Uhr ab Bismarckstraße Ecke Wilmersdorfer Straße.
Q: SV TU, Biafra Union: Warum schweigt die Welt dazu?, O. O. (Berlin) O. J. (1968); SV TU, Biafra Union, SV FU: Heute Demonstration. Warum schweigt die Welt dazu?, O. O. (Berlin) O. J. (1968)

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15.03.1968:
In Berlin erscheint spätestens heute aufgrund einer Initiative von Oberschülern ein Flugblatt "Das große Schweigen" zum Biafrakrieg.
Q: Das große Schweigen, O. o. O. J.

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Juli 1968:
Der Allgemeine Studentenausschuß der Universität Heidelberg gibt das 'forum academicum' - Heidelberger Studentenzeitschrift Nr. 3 (vgl. Feb. 1968, Nov. 1968) für Juni / Juli heraus mit dem Artikel "Völkermord" zu Biafra, von Hans Dettweiler.
Q: forum academicum Nr. 3, Heidelberg Juni / Juli 1968, S. 18f

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20.07.1968:
Laut 'apo press' München findet in München ungefähr heute eine Biafra-Aktion der Unabhängigen Schülergemeinschaft (USG) statt.
Q: apo press Nr. 7, München 14.7.1968, S. 4

September 1968:
Vermutlich im September erscheint die 'Was tun' Nr. 3 (vgl. Juli 1968, Sept. 1968) für August/September mit dem Artikel "Der Krieg zwischen Nigeria und Biafra" von Peter Brandt.
Q: Was tun Nr. 3, Mannheim Aug./Sept. 1968, S. 12f

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November 1968:
Mit der Nr. 4 ändert die Zeitschrift 'Rote SDAJ-Opposition' (vgl. Okt. 1968, 27.12.1968) ihren Namen in 'Rebell' (ehemals Rote SDAJ-Opposition) und berichtet in "Biafra: Ein afrikanischer Bruderkrieg vom Neokolonialismus geschürt" aus Nigeria.
Q: Rebell Nr. 4, Mannheim Nov. 1968, S. 4

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November 1968:
Vermutlich Anfang November erscheint 'Skandalon' - Zeitung von Schülern für Schüler in Schleswig-Holstein und Hamburg Nr. 1 (vgl. März 1969). In "KZ in Biafra" wird auch berichtet:"
- In Hamburg-Rahlstedt tritt sich regelmäßig eine Gruppe Jugendlicher, um Zeitungsmeldungen zu analysieren (Widersprüche, Überschriften, Stellung der Artikel in der Zeitung, Vermischung von Bericht und Kommentar usw.). Demnächst sollen auch Fernsehsendungen in diese Analyse einbezogen werden.
- Im Ostsee-Gymnasium Timmendorfer Strand wollen in vier Klassen die Schüler sich nicht länger an der Nordschleswig-Sammlung beteiligen: Sie fördere einen überholten Nationalismus. Statt dessen sammeln die Schüler für Biafra.
- In Flensburg, St. Johannis, 'verkaufte' die Junge Gemeinde Obst. Alle Einnahmen (2 265 DM in 4 Tagen) wurden an die Biafra-Hilfe überweisen. Zugleich verteilten diese Jugendlichen mehrere tausend Flugblätter mit Informationen über das Geschehen in Biafra. 524 Personen trugen sich in Listen ein, in denen die Regierungen zur Einstellung von Waffenlieferungen in das Kriegsgebiet aufgefordert werden.
- In Hamburg 'verkauften' Schüler (Ev. Schülerarbeit Hamburg-Rissen) Orangen für 1 DM das Stück. Der Ertrag 7 500 DM an einem Sonnabend!) wurde der Aktion 'Terre des hommes' übergeben. Am 2.11. will diese Schülergruppe für denselben Zweck 10 000 kleine Schokoladentafeln 'verkaufen'.

- Die 'Aktion 68', zu der sich in Rendsburg 200 Jugendliche verschiedener Nationen zusammenschlossen, brachte bei der Landesregierung in Kiel, bei der Stadt Rendsburg und beim Landeskirchenamt Resolutionen ein. 1 % des jeweiligen Steuereinkommens wird für Entwicklungshilfe erbeten. Die Kirchenleitung der Landeskirche Schleswig-Holsteins beschloß daraufhin, verschiedene Baumaßnahmen so zurückzustellen, daß 1 Million DM für die Bekämpfung des Hungers in der Welt frei werden."

Enthalten ist auch der Artikel "Jesus, Biafra und die neue Orgel" zur geringen Beteiligung der Evangelischen Landeskirche an den Biafraspenden.
Q: Skandalon Nr. 1, Kiel 1968, S. 4f

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November 1968:
In Wolfsburg beteiligt sich, laut RKJ der GIM, auch der Unabhängige Schülerbund (USB - vgl. Apr. 1968, Dez. 1968) am Protest gegen den Biafra-Krieg.
Q: RKJ-Info Nr. 9, Mannheim Mitte Jan. 1971, S. 15

07.12.1968:
In Berlin wird das Vorwort verfaßt für die Broschüre "Biafra - Bürgerkrieg der Ölkonzerne", deren Redaktion Rosemarie Jacob-Baur übernahm und die als Basisarbeitsheft 1 der Oberbaumpresse erscheint mit den Abschnitten:
- "Vorwort";
- - "Situation vor der Unabhängigkeit";
- - "Von der Unabhängigkeit zum Bürgerkrieg";
- - "Kolonialismus und Wirtschaftsimperialismus";
- "Nigeria - Land im Westen";
- "Lasst Sie Öl essen!";
- "Chronologie";
- "Statistische Angaben".
Q: Baur, Rosemarie-Jacob: Biafra - Bürgerkrieg der Ölkonzerne [Basisarbeitsheft 1], Berlin 1968

30.12.1968:
In Berlin erscheint die 'NEUE Aktion ' Nr. 3 (vgl. Nov. 1968, März 1969) mit dem Artikel "APO-Kehraus unter Mitwirkung kirchlicher Institutionen / Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und Schwarze Garde / Wie die Kommune 99 zum Handlanger des Systems geworden ist", denn diese habe als Antwort auf die Rote Garde die Schwarze Garde gegründet, die nun auf ein kirchliches Konto für die "Toten (!) in Biafra" Spenden sammele.
Q: NEUE Aktion Nr. 3, Berlin 30.12.1968, S. 5f

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Mai 1969:
Die Katholische Deutsche Studenten-Einigung (KDSE) gibt ihre 'Initiative' Nr. 2 (vgl. Jan. 1970) heraus. Geworben wird für den 'Afrika Presse Dienst' aus Bonn-Beuel u. a. zu Biafra und Nigeria. Die Zentrale der Aktionskomitees Biafra / Sudan in Beuel bittet um Unterstützung für Biafra.
Q: Initiative Nr. 2, Bonn Mai 1969, S. 23 und 27

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Juli 1969:
Innerhalb der deutschen Sektion des Vereinigten Sekretariats (VS) der Vierten Internationale erscheint der 'Zentralredaktions-Rundbrief' Nr. 12 (ZR-RB - vgl. Mai 1969, 15.7.1969) mit den Abschnitten:
- "Die Anfänge des Bürgerkriegs in Nigerien" von der Marxist Revolutionary Group of Nigeria vom Juli 1967;
- "Zum Konflikt zwischen Nigerien und Biafra"; sowie
- "Das nigerianisch-biafranische Problem".
Q: VS-deutsche Sektion-ZR: Rundbrief Nr. 12, O. O. Juli 1969, S. 19ff

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Januar 1970:
Die Katholische Deutsche Studenten-Einigung (KDSE) gibt ihre 'Initiative' Nr. 1 (vgl. Mai 1969) für Januar / Februar heraus mit dem Artikel "Der Tod eines Volkes" zu Biafra und dem "KDSE-Telegramm an Brandt: Bundesregierung soll Biafra helfen".
Q: Initiative Nr. 1, Bonn Jan. / Feb. 1970, S. 3 und 27

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13.01.1970:
Laut Freimut Duve kapituliert die aufständische nigerianische Provinz Biafra. Die dortige Hungersnot geht weiter.
Q: Duve, Freimut: Aufbrüche. Die Chronik der Republik 1961 bis 1986, Hamburg 1986

Februar 1970:
In Berlin gibt Spartacus - IAfekJO die Nr. 10/11 seines 'Spartacus' (vgl. Jan. 1970, Apr. 1970) heraus mit dem Artikel "Der Sieg Nigerias über Biafra und die Moral der SEW".
Q: Spartacus Nr. 10/11, Berlin Feb. 1970, S. 16f

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April 1970:
In Berlin gibt Spartacus - IAfekJO die Nr. 12/13 seines 'Spartacus' für April und Mai (vgl. Feb. 1970, Juni 1970) heraus mit einer Redaktionellen Notiz zu Biafra.
Q: Spartacus Nr. 12/13, Berlin Apr./Mai 1970, S. 16

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Dezember 1970:
Die Nr. 11 des 'Roten Morgens' der KPD/ML-ZK (vgl. Nov. 1970, Jan. 1971) erscheint. Im Artikel "Zwei Wege des westdeutschen Imperialismus" wird auch ausgeführt:"
Wenn Stalin 1952 schrieb, imperialistische Kriege zwischen den westlichen imperialistischen Mächten würden in Zukunft unvermeidlich sein, so ist diese These durch den Biafra-Krieg bestätigt worden. Nur handelt es sich dabei um einen imperialistischen Stellvertreterkrieg, in dem auf beiden Seiten Schwarze für ihre weißen Herren kämpften. Frankreich (mit ihm sympathisierte Westdeutschland) versuchte, mit Gewalt das Erdölgebiet Ostnigerias (Biafra) dem Einfluß der amerikanischen und angloamerikanischen Erdölkonzerne zu entreißen. De Gaulle hoffte, auf diese Weise mit Algerien und Biafra zwei wichtige Erdölgebiete unter seinen Einfluß zu bekommen und diese Mitgift in die Ehe mit dem westdeutschen Imperialismus einzubringen."
Q: Roter Morgen Nr. 11, Hamburg Dez. 1970

06.11.1972:
Bei Hoesch Dortmund geben die DKP-Betriebsgruppen vermutlich spätestens in dieser Woche eine zehnseitige Ausgabe ihrer 'Heisse Eisen' (vgl. 18.10.1972, 13.11.1972) heraus, die uns noch nicht vorlag.

Die Marxisten-Leninisten (ML) Dortmund (vgl. 13.11.1972) berichten:"
'KOMMENTAR ZUR WAHLAUSGABE VON 'HEISSE EISEN', BETRIEBSZEITUNG DER DKP- BETRIEBSGRUPPEN HOESCH

Wir meinen, daß dahinter die falsche Theorie vom Rechtskartell steckt, die die DKP vertritt. Sie besagt, daß die Kapitalistenklasse sich in zwei Gruppen teilt, eine kriegslüsterne, revanchistische, deren politischer Hebel die CDU/ CSU und die NPD seien, die nach außen Kriege planen und nach innen die faschistische Unterdrückung der Arbeiterklasse - und eine zweite Gruppe, die realistisch und vernünftig ist und für Entspannung und Frieden eintritt. Diese Theorie revidiert die grundlegenden Erkenntnisse des Marxismus-Leninismus, auf den sich die DKP so gerne beruft, deshalb nennen wir diese Theorie revisionistisch. Sie leugnet, daß im Kapitalismus, der sich aus dem Stadium der freien Konkurrenz entwickelt hat in ein monopolistischs, in dem einige wenige riesige Konzerne die Konkurrenz fast vollkommen ausschalten (in der BRD folgende Industriemonopole):
Auto - VW, Daimler, BMW
Elektro - Siemens, AEG, Telefunken
Stahl - Thyssen, Mannesmann, Krupp, Hoesch
Chemie - Bayer, BASF, Hoeschst
Rüstung - Rheinstahl, Klöckner, Messerschmitt, Bölkow-Blohm
Energie - Ruhrkohle, RWE, Veba),
daß diese Monopole notwendig eine imperialistische Politik machen, d.h. auf dem Weltmarkt den Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte aufnehmen mit allen Mitteln der Erpressung, Unterdrückung, Räuberei und mit Krieg. Sie müssen diesen Kampf bis zum letzten führen, um bestehen zu können, um besser und billiger sein zu können, sodaß sie den Markt beherrschen mit ihren Produkten. Deshalb ist der Kapitalismus im Stadium des Imperialismus auch so gefährlich für die friedliebenden Völker (wir haben es in den letzten Jahren allein bei sieben Kriegen erlebt: Vietnam, Biafra, Palästina, Pakistan, Angola/Mozambique, CSSR), deshalb muß er vernichtet werden."
Q: Die Rote Front Nr. 3, Dortmund Nov. 1972, S. 6

Letzte Änderung: 30.09.2020