Bochum:
Dokumente des SDS, des AStA und des Arbeiter- und Studentenkomitees (1969)

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Dietmar Kesten, Gelsenkirchen, 24.3.2018


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Hier können nur einige wenige Flugblätter und Papiere des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) und des Arbeiter-und Studentenkomitees aus Bochum aus dem Jahr 1969 vorgestellt werden. Wir bitten um Ergänzungen. Die Frühphase markiert teilweise schon den Übergang zum Marxismus-Leninismus. Dokumente der "Bochumer Betriebsgruppe 1", die sich teilweise aus dem SDS rekrutierte, werden hier nicht berücksichtigt.

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

1969:
Es erscheint das Papier "Thesen zur Diskussion über das verwandelte Selbstverständnis des SDS". Hier geht es um eine kritische Betrachtung des SDS und eine marxistische Kritik der Begriffsapparate der bürgerlichen Gesellschaft. Die Verwendung der Begriffe "Menschlichkeit, Freiheit und Selbstbestimmung einerseits und Repression, Herrschaft und Entfremdung andererseits" seien "beliebig und nichtssagend". Der SDS müsse "mit anderem Selbstverständnis und wahrscheinlich mit einer Verlagerung der Schwerpunkte" seine Arbeit fortsetzen. Unterschrieben ist das Papier von Frank Böckelmann, Uwe Thomsen, Reinhard Wetter, Norbert Oswald, Inge Presser, Sylvia Tewes und Hanfried Brenner.
Quelle: SDS Bochum: Thesen zur Diskussion über das verwandelte Selbstverständnis des SDS, o. O., o. J. (1969).

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1969:
Vom Arbeiter- und Studentenkomitee Bochum erscheint vermutlich 1969 das Flugblatt " Statt Mitbestimmung Kampf um Arbeiterkontrolle der Produktion". Es richtet sich gegen die Mitbestimmung und fordert stattdessen "Arbeiterkontrolle der Produktion".
Q: Arbeiter- und Studentenkomitee Bochum: Statt Mitbestimmung Kampf um Arbeiterkontrolle der Produktion, Bochum, o. J. (1969).

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1969:
Vom SDS Bochum erscheint vermutlich 1969 das Flugblatt "'Entwicklungshilfe' = neoimperialistische Ausbeutung!" Agitiert wird gegen die ökonomische "Entwicklungshilfe" durch "Direktinvestitionen" in die Länder der Dritten Welt, die die "kapitalistischen Profitraten" in die Höhe treibt. Parole: "Unterstützt die revolutionären Befreiungsbewegungen durch euren Kampf gegen die Institutionen des Spätkapitalismus".
Q: SDS Bochum: "Entwicklungshilfe" = neoimperialistische Ausbeutung!, Bochum, o. J. (1969).

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1969:
Vom SDS Bochum erscheint vermutlich 1969 das Flugblatt "Wir treiben Bochum den Notstand aus, die Christfaschisten ziehn nach Haus!" Das Flugblatt fragt: "Wer ist die CDU?" und erklärt: "Die CDU ist die Partei, die mit Hilfe ihrer nützlichen Idioten von der SPD am konsequentesten den Kapitalismus in Westdeutschland wiederbeleben half". Aufgerufen wird zu Aktionen gegen die CDU.
Q: SDS Bochum: Wir treiben Bochum den Notstand aus, die Christfaschisten ziehn nach Haus!, Bochum, o. J. (1969).

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31.01.1969:
Vom SDS Bochum erscheint das "Flugblatt Nr. 2" mit dem Titel: "CDU = NPD = Faschismus". Aufgerufen wird zu Aktionen gegen Barzel, der am 1.2. in die Uni und in eine Bochumer Schule komme. Parolen: "Verjagt Barzel aus der Uni. Vertreibt seine braunen Zöglinge (NPD)".
Q: SDS Bochum: CDU=NPD=Faschismus, Bochum, 31. Januar 1969.

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31.01.1969:
Vom SDS Bochum erscheint das Flugblatt mit dem Titel: "Wer treibt die technokratische Hochschulreform voran?" Die Hochschulreform sei "die Reform der kapitalistischen Monopole". Man wolle keine "formierte Universität". "Wir müssen gemeinsam eine neue Strategie entwickeln, die uns den Kampf an der Universität bestehen lässt".
Q: SDS Bochum: Wer treibt die technokratische Hochschulreform voran?, Bochum, 31. Januar 1969.

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31.01.1969:
Vom SDS Bochum erscheint ein Flugblatt, das am 1.2. u. a. zu Aktionen gegen die NPD aufruft. "Morgen, Samstag, 1. 2. 14.30, Aktion gegen die NPD" …. "mit Schülern, Lehrlingen, Studenten, Eiern, Tomaten, Steinen, Bierflaschen, Farbbeuteln …, an der Graf Engelbert Schule". Merke: "SDS macht Braune bunt (mit Farbbeuteln)".
Q: SDS Bochum: Morgen, Aktion gegen die NPD, Bochum, o. J. (31.1.1969).

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März 1969:
In Bochum nimmt eine Gruppe, vermutlich aus dem SDS, die Lehrlingsarbeit auf: "Unsere Motivation zur Lehrlingsarbeit entsprang der Beschränktheit der Arbeit im Uni-Bereich; der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital mußte konsequent im proletarischen Bereich aufgegriffen werden. Kontakte zu Lehrlingen bestanden über Berufsschule; die B1 (Betriebsgruppe 1, d. Verf.) hatte keine spezielle Jugendproblematik miteinbezogen, deshalb erschien uns der Aufbau einer eigenen Gruppe notwendig".
Q: N.N.: Lehrlingsarbeit in Bochum, März 69-Januar 70, o .O., o.J. (Bochum, 1970), S. 1.

19.03.1969:
Laut dem 3. Mitgliederbrief des SDS Bochum existiert im SDS Bochum eine Basisgruppe "Betriebsanalyse". Daneben arbeiten noch die Projektgruppen Bundeswehr, Räte und der Frauen-Ruhr-Kreis. Aufgerufen wird dazu, "solidarische Impulse für die Organisation der Bochumer Linken zu schaffen.

Zudem soll am 21.3. eine "vorbereitende strategische Diskussion für die Bildung eines sozialistischen Mai-Komitees in Bochum" stattfinden: "Diese strategische Diskussion soll neben der unbedingt notwendigen Vorbereitung für die technische Durchführung die wichtigen Fragen: Antiimperialismus und Gewerkschaftsprobleme behandeln." Aufgerufen wird zur "Vorbereitenden strategischen Diskussion für die Bildung eines sozialistischen Maikomitees". Parole: "Für Arbeitermacht in den Betrieben. Für Selbstbestimmung der Produzenten an den Universitäten!" Berichtet wird noch darüber, dass "die Revisionisten" sich am 30. 3. in Essen zum Ostermarsch versammeln.
Q: SDS Bochum: 3. Mitgliederbrief, Bochum, 19.3.1969.

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27.03.1969:
Es erscheint die "Bochumer Studenten Zeitung" Nr. 40 mit einem Artikel des SDS-Aktionsrates Bochum zum Ostermarsch: "Für uns Marxisten-Leninisten stellt sich die Frage, wie die schlimmsten Auswirkungen dieser von der sowjet-revisionistischen Koexistenzpolitik initiierten Ohn-Machts-Orgie verhindert werden können, indem Teilen der Ostermarschierer die Funktion dieser verbalradikalen Schaumschlägerei transparent gemacht wird. Unsere Überlegungen müssen einerseits von der Struktur des Marsches ausgehen, andererseits Repressalien seitens revisionistischer Schlägertrupps … miteinkalkulieren … Unsere Propaganda muss klar die Ziele, die die westdeutschen Lakaien der sowjetrevisionistischen Sozialfaschisten und Sozialimperialisten mit diesem Ostermarsch verbinden, aufdecken usw.".
Q: Bochumer Studenten Zeitung, Nr. 40, Bochum, 27.3.1969.

April 1969:
Im SDS Bochum wird von der Schülerarbeit berichtet: "Anfang SS 1969 begann die Basisgruppe Germanistik die Planung eines Seminars 'Germanistik und Deutschunterricht' für das kommende WS, zu dem Oberschüler herangezogen werden sollten. Genossen initiierten eine Schülergruppe, mußten den Versuch theoretischer Arbeit über politische Diskussion des Deutschunterrichts und der technokratischen Schulreform als zu abstrakt aber bald aufgeben: es spaltete sich eine größere antiautoritäre Gruppe, die ihre Arbeit auf die psychischen Probleme (Repression in Schule und Elternhaus) konzentrieren wollte. Rest meist auf Studenten fixierte Schülerinnen".
Q: N.N.: Protokoll des SDS-Seminars vom 19.9.69, o. O. (Bochum), o. J. (1969), S. 1.

17.04.1969:
Die Nr. 41 der "Bochumer Studenten Zeitung" erscheint u. a. mit einem Bericht von der letzten StuPa-Sitzung an der RUB, dem Essener Ostermarsch sowie vom Basis- und Projektgruppentreffen des SDS in Frankfurt.
In einer Stellungnahme der Bochumer SDS-Mitglieder Werner Lehrke und Kaspar Heinrichs zu dieser Arbeitskonferenz heißt es: "Eine zweite revolutionäre Front gegen den Imperialismus in dessen Metropolen kann nur dann aufgebaut werden, wenn die anti-imperialistische Oppositionsbewegung lernt, die spätkapitalistischen Widersprüche politisch zu aktualisieren und den Kampf um revolutionäre Lösungen in Betrieben, Büros, Universitäten und Schulen aufzunehmen!"

Zur Frage der Organisation wird hervorgehoben: "Die Ambivalenz der Linksentwicklung von Teilen der Intelligenz kann deshalb nur dann aufgehoben werden, wenn der Kampf gegen das nationale und internationale imperialistische System konkretisiert wird als Kampf um die Organisation der Arbeiterklasse und zugleich als Kampf gegen den Revisionismus aller Schattierungen … Daraus ergibt sich, dass der Kampf gegen den westdeutschen Imperialismus zugleich ein Kampf gegen den westdeutschen (und internationalen) Revisionismus sein muss … Für den internationalistischen antirevisionistischen Kampf des SDS und der Basisorganisationen ist es von entscheidender Bedeutung, von der klassischen pluralistischen Einheitsfrontpolitik abzugehen und situativ bedingte Absprache- oder Schutzfunktionspolitik … sehr genau auf die Konsequenzen hin zu analysieren. Eine auf dialektische Weise funktionierende zentralistisch-dezentralisierte Organisation, die an der Basis situativ dezentralisiert arbeitet, für die Perspektiven der verschieden strukturierten Basisbereiche zentralisierte Kommunikations- und Korrektivorgane entwickelt, muß für alle Arbeitskollektive eine gemeinsame, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln anzuwendende Strategie erkennbar machen und inhaltlich vermitteln …

Für den Hochschulbereich heißt das, dass die Koordinierung aller Basisgruppen in ständigen Arbeitskonferenzen entscheidend durch die SDS-MV und die aktiven SDS-Kader zu leisten ist. Die außeruniversitären Projekt- und Basisgruppen müssen in ständigem Kontakt zu den SDS- und Hochschul-Basis-Gruppen-MVs stehen, damit eine inhaltliche Vermittlung der verschiedenen Arbeitsprozesse und ihrer Verwertungsmöglichkeiten für die verschiedenen Produktivkräfte des Kapitals erreicht werden kann … Daraus ergibt sich für die revolutionäre Organisation die gleichzeitige Notwendigkeit, die Produktivkraft Wissenschaft in die Hand zu bekommen … In der BRD steht die revolutionäre Bewegung erst ganz am Anfang der Entwicklung ihrer Organisationsfähigkeiten, weil diese Bewegung bisher … noch in starkem Maß eine Studenten- und Schülerrevolte ist".

Im Artikel "Perspektiven für politische Arbeit an der Ruhr-Universität- Bochum " wird ausgeführt: "Die Ausweitung der Basisgruppen hat gezeigt, dass der liberale Journalismus überwunden werden muß. Das hat konkrete Folgen für die BSZ, die glaubte, durch Veröffentlichung von Konflikten in den jeweiligen Teilbereichen von Universität und Gesellschaft zur Politisierung der Studenten beizutragen. Sie glaubt, durch bloße Information und Kommentare schon politisch zu wirken, vernachlässigt aber, dass der Skandal und Konflikt vom Leser stets in der unpolitischen Konsumhaltung aufgenommen wird … Daraus folgt, dass eine Zeitung in erster Linie von den aktiven Basisgruppen für die arbeitenden Genossen gemacht werden muß, um die Koordinierung und Intensivierung der Arbeit zu gewährleisten. Nur im Zusammenhang mit dem täglichen politischen Kampf verliert der Journalismus sein liberales Gehabe und wird zur revolutionären Arbeit. Nur dadurch kann den tendenziell Unpolitischen eine Alternative aufgezeigt werden. Außerdem ist eine solche Basisgruppenzeitung wichtig für die überregionale Zusammenarbeit.

Was nun die Organisationsfrage betrifft, so hat sich auf der Arbeitskonferenz klar gezeigt, dass die Diskussion über abstrakte Modelle der Organisation (Kader, Partei) sinnlos ist. Zur Zeit kommt es darauf an, die Basisarbeit an den einzelnen Unis zu erweitern. Das führt vorerst auf überregionaler Ebene zur weiteren Dezentralisierung und Polarisierung … Die zahlreichen Gruppen auf der AK zeigten, dass wir unsere Arbeit noch sehr intensivieren müssen. Insgesamt gab es folgende Gruppen: Germanistik (allgemein Philologiestudium, Vorbereitung einer revolutionären Berufspraxis, Syndikalisierung der Überbauberufe), Slavistik, Betriebsprojektgruppe, Justizkampagne, Technologie, Bundeswehr (nirgendwo sind soviele junge Arbeiter am Ort), Internationalismus (im Ruhrgebiet sind Tausende von Gastarbeitern), Schüler, Kinderläden (Revolutionierung des Privatlebens, Kommune, Betriebskindergarten, Schülerläden). Das Schema der Berliner Basisgruppen zeigt auf, wie die Basisarbeit zu organisieren ist. Erst ein relativ hoher Organisationsgrad der Basisarbeit ermöglicht deren Erfolg …

Über die Basisarbeit werden die Aktionen, Demonstrationen nicht überflüssig, aber sie bekommen einen anderen Aspekt. Die Mobilisierung braucht nicht mehr abstrakt und voluntaristisch zu sein …, sondern eine kontinuierliche Basisarbeit ermöglicht es, genau abzusehen, ob eine Aktion sinnvoll ist und welches Potential zu aktivieren, was für die Art der Demonstration (z.B. militant oder nicht) sehr wichtig ist. Die Organisierung der jeweiligen Aktion wird dann einer ad-hoc-Gruppe übertragen, die sich aus den verschiedenen Basisgruppen zusammensetzt … In dieser Organisation an der Basis konkretisiert sich dann, was mit der Parole 'Von der antiautoritären zur sozialistischen Bewegung' ausgedrückt wird. Sie bedeutet eine Überwindung der mehr oder weniger aus abstrakter Negation des Bestehenden motivierten Phase der Studentenbewegung, die notwendig war, aber jetzt historisch überholt ist, da die einzige Möglichkeit einer Revolutionierung der Gesellschaft in einer an den Massen orientierten Praxis außerhalb der Uni besteht, ohne die Uni als Rekrutierungsfeld den technokratischen Reformen zu überlassen".
Q: Bochumer Studenten Zeitung Nr. 41, Bochum 17.4.1969.

30.04.1969:
Vom Bochumer SDS erscheint das Flugblatt: "Zum Ostermarsch am 30. April". Agitiert wird gegen die "Kampagne für Demokratie und Abrüstung" und gegen "die westdeutschen Lakaien der sowjetrevisionistischen Sozialfaschisten und Sozialimperialisten", die wir "mit diesem Ostermarsch verbinden". Ferner soll die "sozialistische Maidemonstration" in Bochum bekannt gemacht werden. Auf der Rückseite heißt es zum 21. April, zum Jahrestag der "faschistischen Machtübernahme durch die Athener CIA-Marionetten", dass eine Demo "Für die Revolution in Griechenland - Für die Revolution in Westdeutschland" abgesagt worden sei.
Q: SDS Bochum: Zum Ostermarsch am 30. April, Bochum, o. J. (30. April 1969).

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Mai 1969:
Eine Bochumer Gruppe des SDS, die Lehrlingsarbeit betreibt, berichtet über sich selbst:
"Unsere Analyse 'Zur Lehrlingsarbeit' vom Mai-Juni 1969 basierte nicht auf historisch-materialistischer Untersuchung der Etappen der Klassenkämpfe in der BRD. Die 'Analyse' war nicht mehr als eine empirische Materialsammlung über die Situation der Berufsausbildung in Industrie und Handwerk. Konsequenzen daraus für das Proletariat und Tendenzen der Entwicklung wurden nicht deutlich. Unsere Unkenntnis erschien in der Übertragung der Arbeiterkontrolle auf die Ausbildung und Forderung einer Widerstandspraxis im Betrieb'. Die Notwendigkeit einer überregionalen Organisation wurde entsprechend als eine informative Verbindung der Gruppen untereinander gesehen (Lehrlingsinformationszentrum des SDS-BV in Frankfurt)".
Q: N.N.: Lehrlingsarbeit in Bochum, März 69-Januar 70, o.O. o.J. (1970), S. 1.

Mai 1969:
Vom Bochumer SDS erscheinen zu den StuPa-Wahlen im Mai eine Reihe von Flugblättern:
- "2. These: Die technokratische Hochschulreform dient ausschließlich den Interessen des Kapitals!"
- "3. These: Die technokratische Hochschulreform hat darüber hinaus die Funktion, den studentischen Widerstand gegen die Unterjochung durch das Kapital zu brechen."
- "4. These: Der von den Interessen der Kapitalisten abhängigen Wissenschaft muss eine den Interessen des Proletariats dienenden Wissenschaft entgegengesetzt werden!"
- "5. These: Die sozialistischen Basisgruppen müssen den revolutionären Wissenschaftsprozess organisieren!"

Aufgerufen wird dazu, "SDS Liste 4" zu wählen.
Q: SDS Bochum: Thesen 2-5 (Flugblätter), o. O., o. J. (Bochum, 1969).

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Juni 1969:
Vom AStA Bochum (Sozialreferat) erscheinen Flugblätter zu einem Mensa-Chef: "Die Unternehmer-Allüren des Mensa-Chefs Fincken" und: "Mensa-Fincken". Agitiert wird gegen die Verhältnisse in der Bochumer Mensa, für die der Mensa-Chef verantwortlich sei.
Q: AStA Bochum (Sozialreferat): Die Unternehmer-Allüren des Mensa-Chefs Fincken, o. O., o. J. (Juni 1969).

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August 1969:
Im SDS Bochum wird von der Schülerarbeit berichtet: "Ende August erneuter Versuch eines Sozialistischen Schülerzentrums (Laden in der Schmittstr.) mit ca. 20 Schülern, gruppendynamische Probleme z. Zt. im Vordergrund; Ratlosigkeit in bezug auf weitere Strategie. Mögliche Perspektive: um das elitäre Selbstverständnis der Schüler abzubauen, erscheint Einbeziehen in die Lehrlingsarbeit sinnvoll, von deren Neukonzeption aus jedoch wieder sehr problematisch".
Q: N.N.: Protokoll des SDS-Seminars vom 19.9.69, o.O. (Bochum) o. J. (1969), S. 1.

August 1969:
Vermutlich im Sommer erscheint vom Bochumer SDS ein Flugblatt zur Buchhandlung Brockmeyer in Bochum: "Teach-in bei Brockmeyer, Freitag, 13.00 Uhr, Buchhandlung". Das Flugblatt richtet sich gegen die "skandalöse Unterdrückung und Ausbeuterei in der Buchhandlung".
Q: SDS Bochum: Teach-in bei Brockmeyer, Freitag, 13.00 Uhr, Buchhandlung, Bochum, o. J. (August 1969).

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25.08.1969:
Vom Bochumer SDS erscheint das Flugblatt: "Karl Schiller = der beste Knecht, den die Unternehmer je besaßen". Agitiert wird gegen Karl Schiller und die Politik des Bochumer Oberbürgermeisters Heinemann. Das Flugblatt endet mit der Aufforderung: "Zieht die Konsequenzen!!!"
Q: SDS Bochum: Karl Schiller = der beste Knecht, den die Unternehmer je besaßen, Bochum, 25. August 1969.

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12.09.1969:
Der Bochumer SDS ruft, laut IMSF, zur Solidarität mit den streikenden Arbeitern auf und veranstaltet eine Solidaritätsdemonstration in der Bochumer Innenstadt.
Q: IMSF: Die Septemberstreiks 1969, Frankfurt 1969, S. 111.

18.09.1969:
In Bochum beginnt ein zweitägiges SDS-Seminar, an dem offensichtlich auch Berliner GenossInnen, vermutlich von der Ruhrkampagne, teilnehmen.
In einem Protokoll von unbekannter Seite heißt es:
"Betriebsgruppe I
Bericht: Analyse des Rheinstahlkonzerns liegt schriftlich vor.
Diese endet so:
"Möglicherweise werden eine große Zahl von bisher juristisch selbständigen Töchtern auf die Obergesellschaft umgewandelt … Der Bereich der Mitbestimmung wird eindeutig durch die Umstrukturierungsmaßnahmen tangiert. So ist bei einer Steuerung von Produktion und Betriebsgebaren direkt durch die Konzernspitze die in den einzelnen Gesellschaften durchgeführte Mitbestimmung (teilweise nach MontanMBestG) weitegehend irrelevant geworden. Durch Zuordnung von Bereichen der mitbestimmten Industrien zu verschiedenen Gruppen / Geschäftsbereichen des Konzerns wird die Mitbestimmung im Betrieb organisatorisch umgangen. Auch wird die Konzerngesellschaft bei der Weiterentwicklung der Umsätze im nichtmitbestimmten Bereich 1970 aus der paritätischen Mitbestimmung herausfallen … Weitere Folgen der Umstrukturierung sind aufgrund von zentral angeordneten Rationalisierungsmaßnahmen deutlich in der Personalentwicklung des Konzerns abzusehen. Wurde schon die Rezession dazu benutzt, 'Bereinigungen' durchzuführen und den drastisch gesenkten Personalbestand auch bei dem Wiederaufleben der Konjunktur nicht wieder auf den alten Stand zu bringen (die Produktionssteigerungen wurden von weniger Leuten getragen, d.h. die Produktivität ist erheblich gestiegen), so kann unter dem Deckmantel der Umstrukturierung weiter eingespart werden. Man spricht von 5 000 zu entlassenden Arbeitern und Angestellten sowie von Stillegungen größeren Umfangs. Die Umstrukturierung erzeugt einen starken zwischenbetrieblichen Wettbewerb, wobei innerhalb einer Gruppe dann die Betriebe stillgelegt werden können, die nicht rentabel genug arbeiten, und nur in den anderen werden die wichtigen Investitionen durchgeführt. Da die Personalkostenateile gesunken sind (30, 3 - 28, 9%) kann man durch weitere Maßnahmen die zu erwartenden Lohnsteigerungen (wilde Streiks bzw. Kündigung der Tarifverträge) auffangen und dadurch die Gewinnsituation weitgehend unberührt lassen …

Diese organisatorischen Maßnahmen zur Straffung der Konzernstruktur gehen Hand in Hand mit einer Straffung des Befehls- und Verantwortungssystems. Die Beratung wurde von der weltweiten Beratungsfirma Mac Kinsey übernommen, die den Konzern nach amerikanischem Muster zu gliedern vorschlug. So wird von der direkt vorgesetzten Stelle (Vorstand / Gruppe / Geschäftsbereich / Betrieb usw.) eine Zielvorstellung entwickelt, die die untergebene Stelle in freier Gestaltung ihrer Politik erreichen muß. Der Beitrag zum Profit wird verstärkt als ausschlaggebendes Kriterium verwendet. Dadurch entsteht auch eine eindeutige Verantwortung der Leiter, die so einem starken Konkurrenz- und Leistungsdruck unterliegen. Fraglich ist, ob Rheinstahl mit diesen konzernintern getroffenen Maßnahmen der nachteiligen Situation der deutschen Stahlindustrie strukturell entgeht. Wahrscheinlich ist, dass mittelfristig eine Verbesserung der Position erreicht werden kann, allerdings auf Kosten der Arbeitnehmer, die durch Entlassungen und Abwertung der Mitbestimmung betroffen sind".

Im Protokoll heißt es weiter:
"Diskussion: Die Rheinstahl-Analyse wurde zunächst aufgrund zufälliger Kontakte begonnen. Wichtig wird sie, weil Rheinstahl einer der größten Stahlkonzerne ist und weil die Frage eines zeitweiligen strategischen Bündnisses mit der DKP sich hier besonders deutlich stellt. Im Stahlbereich, wo es eine starke kommunistische Tradition gibt, haben die Kommunisten seit dem KPD-Verbot besser überwintert als im Montanbereich, wo durch Entlassungen während der Rezession die letzten Kader zerschlagen wurden. Die DKP hat in Betrieben des Konzerns mehrere Betriebsgruppen und Betriebszeitungen, die die Arbeiter vor allem über das niedrige Lohnniveau, die gefährdeten Arbeitsplätze und die Mitbestimmung zu agitieren versuchen. Der DKP-Spitze ist das, was die BG I über konzerninterne Vorgänge berichtet, durchaus bekannt, aber diese Informationen dringen nicht an die Basis. Vielleicht wäre es sinnvoll, eine Kurzfassung der Analyse in den Betrieben zu verteilen. Die bisherigen Kontakte der BG zur Parteispitze und zu Betriebsgruppen stellen die Bündnisfrage noch nicht konkret. Es kann sich nicht um ein Bündnis SDS - DKP handeln, ebenso ist Entrismus sinnlos. Die Frage nach einem Bündnis mit der revisionistischen DKP kann erst konkret gestellt und beantwortet werden, wenn es geschulte antirevisionistische Arbeiterkader gibt, die auf DKP-Betriebsgruppen treffen. Hier tauchen Probleme auf, die z.T. von der BG I weiter analysiert, z.T. vom SDS in einer Strategie- und Organisationsdebatte unter dem gemeinsamen Aspekt 'Klassenanalyse des Ruhrgebiets' behandelt werden müssen:

Wie weit sind die DKP-BGs an die revisionistische Parteipolitik fixiert? Aus welchen Lohn- und Altersgruppen stammen die bisherigen und potentiellen Kontakte? Welche Teile des Konzerns sind im Zuge der Umstrukturierung von Schließung bedroht? Welche Rolle spielen die berichteten politischen Moment innerhalb der Streiks in vier Rheinstahl-Betrieben? Welche Ansatzpunkte für die weitere Strategie bieten sich hier? Wo sind die zentralen Lehrwerkstätten? Wie ist die Ausbildungssituation dort? Wo wohnen die Rheinstahl-Arbeiter? Gibt es geschlossene Arbeitersiedlungen (die etwa in Dortmund eine wichtige Rolle beim Streik bei Hoesch gespielt haben)? Wie weit versucht der DKP-Apparat die Arbeit der BG I für seine Parteipolitik auszunutzen? Wie wird sich die DKP bei der Umstrukturierung des Konzerns verhalten? Wahrscheinlich wird sie sich an spontane Aktionen der Arbeiter anschließen, aber es wäre wichtig zu wissen, ob sie ein darüber hinausgehendes Konzept hat. Welche Rolle spielt die Rezession 1966/67 für die Planung des Konzerns und für das Klassenbewußtsein der Arbeiter? Welchen Stellenwert nimmt die Arbeit der BG I im Rahmen des SDS und gegenüber den arbeitenden Gruppen ein? Welche Rolle spielten die anderen arbeitenden Gruppen im Konzept der BG I? Wieweit kann oder muß die BG I noch Arbeit an der Hochschule betreiben? Was ist überhaupt die Rolle der Intellektuellen im Klassenkampf, speziell die Rolle sozialistischer Studenten im Ruhrgebiet im zu erwartenden verschärften Klassenkampf? Beschränkt sie sich auf Hilfsfunktionen von Kinderhüten und Kurierdiensten bis zu Übersetzungsarbeiten und dem Liefern ökonomischer und soziologischer Analysen? Welche Organisationsformen bieten sich für die Kaderschulung an? Alle diese Fragen laufen auf die ungeklärte Frage hinaus: Wie läßt sich die Konzernanalyse organisatorisch wenden, und welche Rolle spielt dabei der SDS?

II Lehrlingsarbeit:
"Das Konzept der Gruppe Lehrlingsarbeit läuft auf Betriebsarbeit hinaus, auf die Schulung von jungen Kadern in den Großbetrieben, wobei in Zusammenarbeit mit der BG I zunächst der BV (Krupp Bochumer Verein, d.Vf.) zentral ist. Neben arbeitsökonomischen Gründen spielen dabei folgende theoretische Überlegungen eine Rolle:
1. Verzicht auf Arbeit mit den handwerklichen Lehrlingen (2/3 aller Lehrlinge), da ein Ansatz bei den Problemen der handwerklichen Lehre nur zu dem revisionistischen Ziel der besseren Anpassung führen könnte.
2. Verzicht auf antiautoritäre Mobilisierung, damit weitgehend Ausschaltung des Ansatzes in der Reproduktions- und Konsumsphäre. Eine solche Mobilisierung wäre wohl leichter zu erreichen, stände aber in der Gefahr, in Subkultur zu versacken.
Dagegen wurden folgende Gründe vorgebracht:
1. Das Entstehen von Klassenbewußtsein wird vor allem durch ideologische Momente erschwert, die hauptsächlich in der Konsum- und Reproduktionssphäre festgemacht sind. Möglicherweise muß diese Ideologie, die für Industrie- und Handwerkslehrlinge ähnlich wichtig ist, erst durchbrochen werden, um Betriebsarbeit mit Lehrlingen möglich zu machen.
2. Das Konzept rechnet mit der Schaffung von Kadern aus dem Nichts. In Analogie zur studentischen Oppositionsbewegung wäre eher mit einem Hervorwachsen sozialistischer Kader aus einer breiten antiautoritären Bewegung zu rechnen.
3. Das Bewußtsein der eigenen Klassenlage der Lehrlinge ist im Konsum- und Reproduktionsbereich sehr viel deutlicher …

III BG II
Obwohl die BG II mehr zufällig an den Nachhilfeunterricht für hilfsschulbedrohte Arbeiterkinder im Gebiet Engelsburg geriet, boten sich hier gute Ansatzmöglichkeiten: homogenes Arbeiterwohngebiet, Kontakte zu DKP-Genossinnen. Über die Arbeit mit den Kindern sollten die Eltern politisiert werden, um exemplarisch zu versuchen, ob Politisierung im Reproduktionsbereich möglich ist. Diesem Ziel widersprach zunächst der psychologistische Ansatz: Psychoanalytische Beobachtung der Kinder mit dem Ziel der psychischen Sanierung, intensive Beschäftigung mit gruppendynamischen Prozessen. Die Agitation der Eltern auf Elternabenden weckte zwar Unmut, führte aber nicht zu Politisierung. Die Versuche, eine Politisierung auf dem Weg über Forderungen an die Stadt (eigenes Haus für die Arbeit) zu erreichen, sind bisher ebenso gescheitert wie der Versuch, den Konflikt in den BV zu tragen. Die augenblickliche Perspektivlosigkeit der Arbeit der BG II könnte im Rahmen der Klassenanalyse des Ruhrgebiets durch eine Gebietsanalyse behoben werden, die, ausgehend von dem Sonder- aber nicht Einzelfall Engelsburg eine notwendige Ergänzung zur Konzernanalyse der BG I darstellt. Auch das BRD-Ausbildungssystem und die Rockerproblematik müßten einbezogen werden".
Q: N.N. (SDS-Betriebsgruppe 1 Bochum): Rheinstahl, o.O. (Bochum) o.J. (1969); N.N.: Protokoll des SDS-Seminars, Donnerstag, 18.9.69, o.O. (Bochum) o.J. (1969).

19.09.1969:
In Bochum wird das Seminar des SDS von 18. 9. fortgesetzt. In einem Protokoll von unbekannter Seite heißt es:
Im "Erfahrungsbericht Schülerarbeit" wird von der Geschichte dieser Arbeit in Bochum berichtet.
"II. Diskussion: Überbaufunktion und praktische Konsequenzen. Welche Perspektiven ergeben sich für eine Klassenanalyse des Ruhrgebiets, die außerhalb des Produktionsbereiches ansetzt?

a) Eine Stadtteilanalyse für Bochum wie für das Ruhrgebiet insgesamt steht noch aus; Sozialstrukturen homogener Stadtteile (z.B. Zechensiedlungen) - etwa unter dem Gesichtspunkt der Arbeitssituation, der Schulstruktru, des Straßen- wie Wohnungsbaus, der Strukturveränderung aufgrund abzusehender Arbeitsplatz- und Wohnungswechsel-sind bisher nicht exakt bestimmt; ebensowenig sind von einer Analyse der Kommunalpolitik aus bisher Ansätze zur Stadtteilagitation strategisch genau konzipiert. (Hier scheint allerdings die DKP eine intensive Vorbereitung auf die kommenden Kommunalwahlen in Angriff genommen zu haben.) Information bietet sich für den Bochmer Raum an durch Praktika von Jura-Studenten in der Stadtverwaltung. Speziell für die Arbeit der Betriebsgruppe II stellt sich die Frage nach Perspektiven möglicher Politisierung von Eltern über Nachhilfeunterricht bei ihren Kindern, der Politisierung von Hilfs- und Volksschülern als zukünftigen Arbeitern. Grundsätzlich: Welche Funktion kann eine Strategie begrenzter Konflikte im Sozialbereich einnehmen?

b) Problematisch erscheint dieser Ansatz unter folgenden Aspekten:
1) Die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt, dass im Klassenkampf Zugeständnisse im Erziehungs- wie z.B. auch im Gesundheitssektor erzielt wurden, die leicht einen verdinglichten Charakter im Bewußtsein der Arbeiter einnahmen, nicht mehr als Kompromisse durchschaut und damit zur Abwiegelung ausgenutzt werden konnten. Fraglich ist also einmal, ob weitere erkämpfte Zugeständnisse nicht die Spontaneität im innerbetrieblichen Kampf hemmen können, und zum andern, welche Bedeutung eine Entlarvungstaktik, ein Aufbrechen des verdinglichten Rechtsbewußtseins gewinnen kann.
2) Organisatorische Konsequenzen - z.B. Initiierung sozialistischer Arbeiterkader - scheinen sich von diesem Aspekt kaum zu ergeben; relevant bleibt er aber in Bezug auf die notwendige Emanzipation der studentischen Genossen, die Möglichkeit von Berufsperspektiven.

c) Grundsätzlich bleibt eine Begrenzung unserer Arbeit auf den Produktionsbereich fragwürdig:
1. Die zunehmende Bedeutung des Dienstleistungssektors, speziell der staatlichen Dienstleistung, bleibt ausgeklammert; (z.B. auch: Bedeutung der Streiks im Dienstleistungsbereich? ideologische Bedeutung der Streiks nach den Wahlen?) der Ausbildungssektor scheint in seiner Bedeutung für die Produktivitätserhöhung unberücksichtigt. (Allerdings: Erst eine ökonomische Analyse - der Konzerne, der Monopolisierungstendenzen etc. - erlaubt eine angemessene Einschätzung dieser Sektoren; Einwand außerdem: die Relevanz z.B. der Mobilisierung von Krankenschwestern scheint doch damit in Frage gestellt, dass sich ihrer Aufgabe, kapitalistisch bedingte Schäden zu heilen, keine revolutionäre Berufspraxis entgegensetzen lässt.)
2. Die Schwierigkeiten bei der Hervorbringung von Klassenbewußtsein sind weitgehend ideologisch bedingt. Uns fehlen die Analysen zur Einschätzung der Streiks in bezug auf die Bewußtseinsveränderung der Arbeiter.
3. Es wäre zu prüfen, wieweit eine Gesellschaft, die von der Produktion bestimmt ist, über die Konsumsphäre radikal aufzubrechen ist. Ebenso: wieweit eine Analyse, wo Konflikte am wirksamsten sind, nicht doch auch in der Konsumsphäre Organisations- und damit Praxismöglichkeiten erschließt.
4. Zwar zeigen die Beispiele des SDS in England und USA wohl, dass man durch politische Arbeit z.B. in den Slums über eine Politisierung nicht hinausgekommen ist, da keine Klassenkämpfe in der Produktionssphäre stattfanden; jedoch ist damit die Bedeutungslosigkeit der Politisierung über Konflikte im Überbau ausgewiesen? (z.B. Hochschule)

d) Unter pragmatischem Gesichtspunkt endlich erscheint unsere Konzentration auf den Produktionsbereich begründet:
1. Seine Analyse ist Grundbedingung.
2. Grundvoraussetzung: wir befinden uns in einer Anfangsphase des Klassenkampfes, am Beginn einer Politisierung bei den Lohnkämpfen.
3. Klassenkämpfe im Produktionsbereich bieten Organisationsmöglichkeiten, hier ist der notwendige Lernprozeß besser erfahrbar.

III. Vorschlag zu unserem Arbeitsprogramm 'Klassenanalyse Ruhrgebiet

A. Streikanalyse
a) politisch-ökonomische Grundlagen
b) Analyse der ökonomischen Abteilungen und der politischen Fraktionen der Streikenden

B. Schulung
1. Ideologische Grundschulung
a) Lohnarbeit und Kapital; Lohn, Preis und Profit; Klassenkampf / Bürgerkrieg in Frankreich.
b) Fragen des Revisionismus (Was heißt Revisionismuskritik für unsere Praxis?) (z.B. Mao: Widersprüche/Praxis)

2. Konzernanalyse
(Konzept etwa: Bilanz-, Profitanalyse; wie ist tatsächlicher Realgewinn zu ermitteln; Umsatzentwicklung in Produktbereichen; Bedeutung technischer und organisatorischer Rationalisierungen; Arbeitskräftestruktur; Sozialleistungen)
a) Rheinstahl-Analyse ergänzen
b) andere Konzerne (Kriterien z.B.> Streikteilnahme; Betriebsgruppen aktiv)

3. Historische Aufarbeitung des Staatsmonopolkapitalismus, speziell BRD (besonders Entwicklung der einzelnen Branchen; Bedeutung für die Entwicklung von Klassenkämpfen) (zur marxistischen Staatstheorie z.B. Lenin, Staat und Revolution, Staat und Marxismus)
4. Instrumentale Schulung (Rechtliche Fragen wie Arbeitsschutz, BVG usw.)
5. Frage nach der Koordination des Überbaus

- Die Koordination mit der 'Ruhrkampagne' Berlin ist noch ungeregelt.

IV. Bericht Uni Bochum

a) folgende Fragenkomplexe blieben offen:
1. wie kam es zur vollkommenen Isolation der bestehenden Basis- und Arbeitsgruppen (z.B. auch ESG, KK) (Evangelische Studentengemeinde und Kritischer Katholizismus, d.Vf.) und zur Hilflosigkeit der Baissgruppenkonferenz
2. wieso ist keine Mobilisierung zu kontinuierlicher Arbeit gelungen 3. wieso blieb die AStA-Politik isoliert und reformistisch

b) Zur zukünftigen Strategie
1. Der Ansatz bei Hochschulgesetzgebung, UP-Aktivität etc. würde nur wieder Strategielosigkeit belegen; zu bedenken, obder Angriff gegen die technokratische Hochschulreform nicht hauptsächlich den 'linken' Studenten zu überlassen ist und die sozialistischen Studenten sich auf Kritik und Einzelaktionen beschränken können.
2. Zur Bestimmung der Uni-Politik von der Klassenanalyse Ruhrgebiet aus ergab sich
a) als unser entscheidendes Problem das der Rekrutierung: einmal möglich durch marxistische Analysen des SDS in jours fixes über Wahlen, Streiks, Faschismus usw.; zum andern durch gezielte Mitarbeit von Genossen, die wegen unseres bisherigen Dilemmas keine Praxismöglichkeit fanden.
b) die Frage nach dem organisatorischen Rahmen für unsere Arbeit (z.B. Basisgruppen-Konferenz 11./12. Okt. in Dortmund).

Der AStA behält dabei folgende wesentliche Funktion:
1. wie bisher Organisationszentrale für gesamte politische Arbeit; Finanzen 2. er bleibt die politische Vertretung im Bewußtsein der Studenten (wichtig für Rekrutierung)
3. Schutzfunktion gegen Relegationsmaßnahmen; Freiraum".
Q: N.N.: Protokoll des SDS-Seminars vom 19.9.69, o.O. (Bochum) o.J. (1969).

25.09.1969:
In Bochum erscheint ein "AStA-Info" unter dem Titel: "Schlagzeile in der Frankfurter Rundschau von heute (25. Sept. 1969): Polizeiaktion im Morgengrauen gegen Münchener APO". Agitiert wird gegen Polizeiaktionen und gegen die Bochumer Uni Bürokratie. Aufgerufen wird zur Organisation der Studenten.
Q: AStA Bochum: AStA-Info: Schlagzeile in der Frankfurter Rundschau von heute: Polizeiaktion im Morgengrauen gegen Münchener APO, o. O., o. J. (25. September 1969).

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08.11.1969:
Der IKD-Regionalbeauftragte (RB) Ruhrgebiet gibt heute in Berlin der Leitung von Spartacus - IAfeKJO einen "Bericht über die Situation im Ruhrgebiet:
a) SDS: In Bochum gibt es ca. 40 aktive SDSler; sie betreiben z.T. Uni-Politik; ihre Diskussionen sind teilweise sehr verworren. Es bestehen folgende außeruniversitäre Gruppen:
Betriebsgruppe I (B1, d.Vf.): Bochumer Verein (Stahlproduktionsfirma des Krupp-Konzerns), im September beteiligten sich ca. zehn Arbeiter kontinuierlich, weitere 10 sporadisch; die Gruppe ist zusammengebrochen aus gruppeninternen Gründen und aufgrund einer fehlenden organisatorischen Perspektive; z.Z. noch ein Arbeiter aus dem Bochumer Verein.
Betriebsgruppe II: nicht betriebsspezifisch, eher Stadtteilbasisgruppe.
Lehrlingsgruppe Bochum: relativ gut funktionierend, 8 - 10 Lehrlinge, die SDSler haben eine geringe Einschätzung von besonderer Lehrlingsarbeit, sie orientieren sich an SALZ-Berlin und Projektgruppe Ruhrkampagne Berlin …".
Q: Spartacus - IAfeKJO: Leitungssitzung vom 8.11.69, Berlin 8.11.1969

04.12.1969:
Im Bochumer SDS erscheint eine Stellungnahme des SDS zur Hochschulpolitik, in dem diese als "Ausdruck neuer Illusionen" gewertet werden und als "Fehleinschätzung der gesellschaftlichen Relevanz von Hochschulrevolte" war. Aufgerufen wird dazu ein "zentrales theoretisches Organ der sozialistischen Lehrlinge, Schüler und Studenten im Ruhrgebiet aufzubauen". Vermutlich wirft die "Proletarische Linie" der Betriebsgruppe 1 hier ihre Schatten voraus. Im SDS soll ferner eine "Generaldebatte" darüber stattfinden, wie die "Handwerkelei" zu beenden sei, um die kommenden "Fraktionierungen" herauszukristallisieren
Q: SDS Bochum: Zur Hochschulpolitik, Bochum, 4. Dezember 1969.

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Letzte Änderung: 26.03.2018