Frankfurt / Groß-Gerau - Revolutionäre Jugend (ML): 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (1971/1972)

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 16.11.2016


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Die 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (JLP) der RJ/ML des KAB/ML für die Berufsschulen in Frankfurt und die Kreisberufsschule Groß-Gerau kann hier bisher nur unvollständig vorgestellt werden. Wir bitten um Ergänzungen. Fortgeführt wurde die JLP in separaten Ausgaben für Frankfurt und Groß-Gerau.

Liste der als Scans vorhandenen Zeitungen

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

14.12.1970:
Vermutlich aus dieser Woche berichtet die RJ/ML OG Walldorf/Mörfelden des KAB/ML aus der Kreisberufsschule (KBS) Groß-Gerau:"
In einem Flugblatt, das kurz vor den Weihnachtsferien an der KBS Groß-Gerau verteilt wurde, war auf eine Befragung der Lehrlinge hingewiesen worden. Die Lehrlinge und Jungarbeiter sollten konkrete Vorfälle aus ihren Betrieben berichten. Direktor Grossmann verbot kurzerhand diese Aktion. Er wies darauf hin, daß die Gewerkschaft durch eine ähnliche Aktion an der KBS aktiv geworden wäre und sich daraufhin die Vertreter der Kapitalisten, die IHK, eingeschaltet hätten. Er wolle keinen Ärger mehr bekommen, erklärte er weiter. Hier sehen wir ganz deutlich, wessen Helfershelfer der Sozialdemokrat Grossmann ist, wessen Interessen unsere Ausbildung unterliegt. Er verweigert Organisationen der Arbeiterklasse den Zutritt, während er der Industrie freien Lauf läßt. Der Sozialdemokrat Grossmann hat sich als Handlanger der Kapitalisten entlarvt. Wir Lehrlinge und Jungarbeiter dürfen uns nicht durch inhaltslose Phrasen von Kapitalisten und reaktionären Berufsschullehrern irreführen lassen. Wenn wir unsere Lage verbessern wollen, müssen wir selbst dafür kämpfen. Wir müssen uns in einer kampfkräftigen Organisation zusammenschliessen, die unsere Interessen wirksam vertritt.
ORGANISIEREN WIR UNS IN DEN BETRIEBS- UND BERUFSSCHULGRUPPEN DER RJ/ML."
Quelle: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 1, Frankfurt/Groß-Gerau Feb. 1971, S. 5

01.01.1971:
Bei Telefonbau und Normalzeit (T&N) Frankfurt wird ab heute, laut RJ/ML, die Freistellung der Lehrlinge zum Berichtshefteschreiben, wie im BBiG seit 1.9.1969 vorgeschrieben, eingeführt:"
Der ach so fortschrittliche Betrieb T&N hat sich nun auch dazu durchringen können ab 1.1.1971 zum Schreiben des Berichtsheftes freizustellen. Diese Firma hat also über ein Jahr gegen die Bestimmungen des BBiG verstoßen. Es ist uns nicht bekannt, ob beabsichtigt ist, die Lehrlinge, die bisher unrechtmäßig gezwungen wurden ihre Freizeit zu opfern, zu entschädigen. Wir meinen: EINE ENTSCHÄDIGUNG IST NUR RECHT UND BILLIG!"
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 1, Frankfurt/Groß-Gerau Feb. 1971, S. 6

11.01.1971:
Über diese Woche veröffentlicht die RJ/ML OG Walldorf/Mörfelden des KAB/ML einen Bericht aus Nauheim (Kreis Groß-Gerau), zu dem sie eine Vorbemerkung verfaßt:"
Der folgende Bericht, der uns von einem Lehrling zugestellt wurde, zeigt die verstärkte Ausbeutung in kleinen Handwerksbetrieben. Um der zunehmenden Konkurrenz standzuhalten, wie z.B. Großbetriebe, Einkaufscenter, sind die kleinen Unternehmer gezwungen verstärkt Lehrlinge auszubeuten.

Nauheim (Kreis Groß-Gerau). Ich bin Lehrling in einem Fleischerbetrieb. Mein Lehrherr mißachtet prinzipiell alle Gesetze. Als Beispiel brauche ich nur meine Arbeitszeit aufzuführen. Nehmen wir zum Beispiel die Woche vom 11.1. - 16.1.1971. In dieser Woche war meine Arbeitszeit, wie folgende Tabelle zeigt:
Mo. von 7 - 19 Uhr gleich 11 Stunden
Di. von 7 - 19 Uhr gleich 11 Stunden
Mi. von 7 - 14 Uhr gleich 7 Stunden
Do. von 7 - 20 Uhr gleich 12 Stunden
Fr. Schule gleich 8 Stunden
Sa. von 7 - 14 Uhr gleich 7 Stunden
macht zusammen 56 Stunden

Dies geschieht alles obwohl wir Jugendlichen unter 16 Jahren nicht mehr als 8 Stunden am Tag arbeiten dürfen; ebenso dürfen wir nicht mehr als 40 Stunden in der Woche beschäftigt werden."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 1 und 2, Frankfurt/Groß-Gerau Feb. 1971 bzw. März 1971, S. 6 bzw. S. 2

15.02.1971:
Vermutlich in dieser Woche erscheint in Frankfurt und Groß-Gerau erstmals die 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (JLP) (vgl. 29.3.1971) als Organ der Frankfurter und Groß-Gerauer Jungarbeiter- und Lehrlingsgruppen der Revolutionären Jugend/ML (vgl. 9.2.1971). Ungenannt bleibt die tatsächliche Herausgebergruppe, die Ortsgruppe Walldorf/Mörfelden der RJ/ML des KAB/ML. Verantwortlich für die 6 Seiten DIN A 4 zeichnet Fritz Kainer, der in der Frankfurter Ernst Thälmann Straße wohnen soll. Kontakt ist möglich über das Frankfurter Postfach von H. Schmidt. Der Leitartikel "Gegen das reaktionäre Berufsbildungsgesetz" (BBig) enthält folgende Zwischenüberschriften:" … Gewerbeordnung von 1871 … Wie kam es zum BBiG? … Profitplanung! … Die Entwicklung des Kapitalismus führt zum Stufenplan! … Der Stufenplan ist ein weiterer Versuch der Kapitalisten die Arbeiterklasse zu spalten!"

In einem Bericht "Lehrlingsausbildung bei Faulstroh, Groß-Gerau", der zu prompten Reaktionen (vgl. 16.2.1971) führt, wird geschildert:"
Wir Lehrlinge bei Faulstroh, einem Metallbetrieb in Groß-Gerau, werden im Werk 2 'ausgebildet', wenn wir nicht gerade in der Produktion arbeiten. Bei Faulstroh ist es nämlich Sitte, daß Lehrlinge ab dem 2. Lehrjahr in der Produktion abwechselnd (nach einem bestimmten Plan) beschäftigt werden. An Weihnachten 1970 hatte man eine besondere Überraschung für uns. Wir mußten Werkzeuge und Maschinen reinigen und anstreichen!

Das reaktionäre BBiG brachte uns auch einige wenige Verbesserungen, wie zum Beispiel:
- Freistellung zum Berichtshefteschreiben.
- Bezahlung der Arbeitskleidung und deren Reinigung.
- Stellung der Arbeitsmittel.
- Verbot von berufsfremden Arbeiten.

Wie sieht es bei Faulstroh mit der Durchführung … aus?

Wir müssen immer noch:
- den Wochenbericht zu Hause schreiben,
- unsere Arbeitsmittel selber kaufen,
- unsere Sicherheitsschuhe selber kaufen,
- unseren Arbeitsanzug zu Hause reinigen lassen, oder uns mindestens
einen zweiten kaufen, den wir dann vom eigenen Geld bezahlen müssen,
- auch Frühstück holen und in 'Ausnahmefällen' das Reinigen von Toiletten
bleibt uns nicht erspart.

Was heißt das für uns Lehrlinge und Jungarbeiter?
Was zeigen uns diese Beispiele?

Sie zeigen, daß im Kapitalismus selbst Gesetze wie das BBiG, die nur wenige Verbesserungen mit sich bringen, von den Kapitalisten nur insoweit eingehalten werden, als sie für die Kapitalisten von Nutzen sind. Unsere Rechte können wir nur dann durchsetzen, wenn wir sie im gemeinsamen Kampf den Kapitalisten abringen, denn dem Kapitalisten ist nichts an einer guten Ausbildung seiner Lehrlinge gelegen; für ihn ist nur wichtig, daß seine Profite stimmen. Ob sie ihm gut oder schlecht ausgebildete Lehrlinge einbringen, ist ihm völlig gleichgültig. Ihn interessiert nur unsere Arbeitskraft, die ihm die hohen Profite einbringt. Unsere Wünsche, nämlich eine gute Ausbildung, interessieren ihn nicht. Wir haben uns dies lange genug gefallen lassen, es wird Zeit, daß wir uns gegen die Willkür der Kapitalisten zusammenschließen."

Es findet sich auch eine "Erklärung":"
In Darmstadt, wo von Genossen der RJ(ML) die AKTUELLE LEHRLINGSPRESSE herausgegeben wird, wurde von Seiten der Berufsschulleitung und von einzelnen Lehrern versucht, die Redaktion der Zeitung als 'Studentenklüngel' zu diffamieren. Deshalb sehen wir uns veranlaßt, vorsorglich folgende Erklärung abzugeben: Schüler- und Studentengenossen helfen uns nur deshalb beim Verteilen der JLP und beim Verkauf unseres Zentralorganes REBELL, weil wir selbst arbeiten müssen, und daher nicht an allen Tagen in der Woche vor den Berufsschulen verteilen können." Ebenfalls veröffentlicht wird eine "Erklärung des Vesperkollektivs (Redaktion Berufsschule)", in der es u.a. heißt:"
Die 'Vesper', eine Zeitung, die von Groß-Gerauer Lehrlingen und Oberschülern herausgegeben wurde, hat ihr Erscheinen eingestellt. Die Berufsfachschüler und Lehrlinge, die bisher in der Redaktion mitarbeiteten, haben sich dazu entschlossen in Zukunft die JUNGARBEITER UND LEHRLINGSPRESSE der REVOLUTIONÄREN JUGEND (MARXISTEN - LENINISTEN) - RJ(ML) zu unterstützen und anderen Gestaltung mitzuarbeiten. Diese Zeitung wird sich unter anderem auch mit den speziellen Problemen von uns Lehrlingen und Jungarbeitern des Kreises Groß-Gerau beschäftigen. Es geht vor allem darum die bestehenden Mißstände aufzudecken und ein Organ zu schaffen, in dem unsere Interessen vertreten werden."

Weitere Berichte kommen aus Frankfurt ("Betrug bei Hertie"), wo ebenfalls das BBiG nicht eingehalten wird, von der (Nicht-) Freistellung zum Berichtshefteschreiben bei T&N (vgl. 1.1.1971) und Messer Griesheim, wo darüber noch nachgedacht wird, aus Groß-Gerau ("Helfer der Kapitalisten") über die Kreisberufsschule (KBS) (vgl. 14.12.1970) und aus dem Landkreis aus einem Fleischerbetrieb in Nauheim (vgl. 11.1.1971), "Verstärkte Ausbeutung".
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 1, Frankfurt/Groß-Gerau Feb. 1971

29.03.1971:
An Frankfurter und Groß-Gerauer Berufsschulen gibt die RJ/ML OG Walldorf/Mörfelden vermutlich in dieser Woche die auf März datierte Nr. 2 der 'Jungarbeiter- und Lehrlingspresse' (JLP - vgl. 15.2.1971, 12.4.1971) mit 8 Seiten DIN A 4 heraus.
Verantwortlich zeichnet nun Karl Napp, der ebenso wie Fritz Kainer in der Frankfurter Ernst Thälmann Straße wohnen soll, während Kontakt über das Postfach von H. Schmidt möglich ist. Der Leitartikel behandelt die Verbesserungen durch das BBiG, wie die Freistellung zum Schreiben des Berichtsheftes, die in Frankfurt bei T&N verspätet eingeführt (vgl. 1.1.1971) wurde, während es ebenfalls in Frankfurt noch schlimmer ist:"
Bei Messer Griesheim, Lurgi, Holzmann usw. denken die Kapitalisten bis heute noch nicht daran unseren im BBiG verankerten Rechten nachzukommen." Zu den anderen Verbesserungen wird u.a. auf eine Fleischerei in Nauheim (Kreis Groß-Gerau) eingegangen (vgl. 11.1.1971). Weitere Zwischenüberschriften sind:"
Weshalb verweigern die Kapitalisten uns unsere Rechte? … Wie reagieren die Kapitalisten?", hier wird berichtet von den angeblichen Ulmer Himmelwerken, die aber ebenso wie die Vorgänge in "Was tut die rechte Gewerkschaftsführung" aus Tübingen stammen. Der letzte Absatz fordert:"
KAMPF FÜR DEN STURZ DES KAPITALISMUS!

Kollegen!
Wir dürfen bei dem Kampf für die Durchsetzung der geringfügigen Verbesserungen des BBiG nicht stehen bleiben. Wir können unsere Lage nicht grundsätzlich verbessern, solange wir in einem kapitalistischen Staat leben. Im Kapitalismus zählen nur die Profitinteressen einiger weniger. Die Interessen und Rechte von uns Werktätigen werden mit Füssen getreten. Um unsere Lage wirklich verbessern zu können müssen wir für den Sturz des Kapitalismus kämpfen, den wir nur dann erreichen werden, wenn wir uns in einer revolutionären Organisation zusammenschließen. Die revolutionäre Organisation der Arbeiterjugend ist die REVOLUTIONÄRE JUGEND (ML) - RJ(ML)."

Aus Frankfurt wird in "Es ist soweit" berichtet von der anstehenden Einführung des Stufenplanes bei T&N und von der Metallberufsschule Werner von Siemens in "Der Lehrermangel ist kein Zufall", wo es heißt:"
WIE SIEHT ES AUS?
Seit Jahren herrscht an allen Berufsschulen ein akuter Lehrermangel. Er nimmt von Jahr zu Jahr krassere Formen an. An der Werner von Siemens Schule in Frankfurt wurden ca. 600 Lehrlinge kurz vor der Prüfung für 3 Monate von der Berufsschule beurlaubt." Danach folgt der Artikel in "Diese Zustände sind beabsichtigt! … Und das BBiG? … Erhöhte Profite … der Stufenplan ist ein weiterer Versuch die Arbeiterklasse zu spalten" grob dem Flugblatt der GE Frankfurt 2 der RJ/ML OG (vgl. März 1971) und fährt fort:"
Wir müssen uns gegen die unverschämten Angriffe auf die Interessen der Arbeiterjugend wehren.
Dies erkannten die betroffenen Lehrlinge der Werner von Siemens Schule. Sie wehrten sich mit der Waffe des Streiks gegen die unverschämten Angriffe auf ihre Lebensinteressen. Auch in Darmstadt, wo der Lehrermangel ebenfalls immer krasser wird, wehrten sich die Lehrlinge mit Streiks. In einer Demonstration unter Führung der RJ(ML) Darmstadt verliehen sie ihren berechtigten Forderungen Nachdruck. Die Groß-Gerauer Lehrlinge verliehen ihrem Protest gegen den Lehrermangel und der verschärften Ausbeutung im Betrieb durch eine Demonstration durch Groß-Gerau Ausdruck."

Aus Groß-Gerau wird berichtet aus der KFZ-Werkstatt Nold über Verstöße gegen das BBiG, ähnlich denen bei Faulstroh (vgl. 15.2.1971). In einer Vorbemerkung der Redaktion heißt es:"
In den Kleinbetrieben hat es der Kapitalist nötig, jede zur Verfügung stehende Arbeitskraft voll auszunützen, denn, um mit seiner Konkurrenz mithalten zu können, ohne auf ein schönes Leben zu verzichten, muß er immer wieder neu investieren, immer neuere Maschinen anschaffen. Dies ist ein unumstößliches Gesetz im Kapitalismus, daß der kleine Unternehmer seine Arbeiter stärker auspressen muß, um mit seiner Konkurrenz, den Großkapitalisten (Monopolbourgeoisie) , die über viel größere Mittel als er verfügt, mithalten zu können. Dies kam schon durch den letzten Bericht eines Metzgerlehrlings aus Nauheim klar zum Ausdruck" (vgl. 11.1.1971).

Mit dem BVG befaßt man sich in "Neuer Wein in alten Schläuchen!", wobei der Titel wohl ein wenig verrutscht ist, die Tendenz des Artikels jedenfalls entlarvt das BVG als alten Wein von 1952. Noch immer müsse das Streikrecht für Lehrlinge erkämpft werden.
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 2, Frankfurt/Groß-Gerau März 1971

12.04.1971:
Vermutlich in dieser Woche gibt in Frankfurt und Groß-Gerau die RJ/ML des KAB/ML die Nr. 3 ihrer 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (JLP) (vgl. 29.3.1971, 24.5.1971) in einem Umfang von 6 Seiten DIN A 4 heraus. Die Verantwortung übernimmt Karl Napp, angeblich wohnhaft im Frankfurter Fritz Kainer Weg. Der Leitartikel fordert: "Für eine starke Jugendvertretung!".

Aus Groß-Gerau wird berichtet in "Militaristen in der KBS":"
In den letzten Wochen vor den Osterferien wurde in einigen Klassen der Berufsschule Groß-Gerau ein Werbefilm der Bundeswehr gezeigt. Deshalb bringen wir folgenden Bericht, in dem sich die immer stärker werdende Tendenz zeigt, militaristisches Gedankengut in den Schulen und unter der werktätigen Jugend zu verbreiten. Am Montag sagte unser Lehrer zu uns: 'Ihr müßt Euch jetzt noch sehr anstrengen, wenn wir mit dem Lehrstoff fertig werden wollen. Wir stehen unter Zeitdruck, Ihr wißt, Ihr habt bald Gesellenprüfung.' Gleich darauf kam Direktor Großmann in unseren Klassensaal, hinter ihm her ein Offizier der Bundeswehr. Herr Großmann sagte, daß wir nach der Pause in den Filmsaal gehen sollten. Der Offizier gab sinngemäß etwa folgendes von sich: 'Ihr habt ein Recht auf Information, deshalb zeigen wir Euch einen Film, der Soldaten der Bergwacht während ihrer Ausbildung zeigt. Vor und nach dem Film können wir noch diskutieren, aber ich möchte nicht, daß eine politische Diskussion aufkommt, denn ich bin nur da um Euch zu informieren (?).' Wir wollten diesen Film nicht sehen, und teilten dies auch unserem Lehrer mit. Der meinte nun jedoch, das wäre vom Kultusministerium angeordnet und man könnte also nichts machen. Während der Diskussion sagte der Offizier, daß die Bundeswehr nur eine Verteidigungsarmee sei, und es lohne sich doch unsere Demokratie zu verteidigen. Auf unsere Frage, wofür eine Verteidigungsarmee Langstreckenbomber und chemische Kampfstoffe wie das Hautgift Lost und das Nervengas Tabun benötigt, antwortete er: 'Das stimmt nicht, wir wollen nur unseren demokratischen Rechtsstaat verteidigen. Das habt Ihr sicher in so linken Hetzblättern gelesen. Und auf diese sachliche Art setzte er seine 'Information' fort. Durch diesen Film wollte man uns angeblich informieren. Doch wir Lehrlinge wissen schon längst, daß die Bundeswehr nur ein Instrument, uns in Fällen von Streiks und Klassenkämpfen, wie es in den Notstandsgesetzen ausgeführt ist, niederzuhalten. Während unserer Zeit bei der Bundeswehr will man uns zu Handlangern der Kapitalisten erziehen. Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen! Es wäre besser gewesen, wenn man uns über unsere wenigen Rechte informiert hätte, die uns das neue BBiG bringt."

Aus Frankfurt wird ein Artikel aus dem eigenen 'T&N-Arbeiter' (vgl. 29.3.1971), nämlich "T&N betrügt Lehrlinge" nachgedruckt. Aufgefordert wird: "Heraus zum 1. Mai".
Q: Jungarbeiter- und Lehrlingspresse Nr. 3, Frankfurt/Groß-Gerau Apr. 1971

19.04.1971:
Vermutlich in dieser Woche gibt in Groß-Gerau der Ausschuß für Information der Schülervertretung (SV) des Gymnasiums Prälat Diehl Schule (PDG bzw. PDS) eine Sondernummer der 'SV-Information' (vgl. Nov. 1970, 24.5.1971) zum 1. Mai heraus. In "Zur Situation in Groß-Gerau" wird ein Artikel der RJ/ML Darmstadt aus dem 'Info' des AStA der TH Darmstadt zum 1. Mai 1970 (vgl. Apr. 1970) nachgedruckt:"
Lehrlinge fordern: Ausbildung statt Ausbeutung

Angesichts dieser Mißstände, die im Raum Groß-Gerau oft noch verstärkt auftreten (…) haben sich im Herbst 1970 Lehrlinge aus Groß-Gerau zu einer Lehrlingsgruppe zusammengeschlossen. Diese Gruppe der RJ/ML hat bereits eine Reihe von Flugblättern verteilt und gibt regelmäßig eine Zeitung, die 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' heraus. In dieser Zeitung werden die Mißstände, die in den Ausbildungsbetrieben und an der Berufsschule herrschen aufgegriffen und kritisiert."
Q: SV-PDG: Information Sdr.Nr. 1. Mai, Groß-Gerau 1971

30.04.1971:
In Frankfurt findet eine Demonstration der DGB-Jugend statt.
Auch die RJ/ML des KAB/ML rief zur Jugenddemo auf und berichtet:"
Am Vorabend des 1. Mai lud die DGB-Jugend Frankfurt zu einer Diskussion ein, bei der die Forderungen der Gewerkschaftsjugend behandelt werden sollten. Den Auftakt dazu sollte eine Demonstration vom Opernplatz zum Gewerkschaftshaus bilden. Am Opernplatz versammelten sich etwa 800 Jugendliche, darunter auch Mitglieder und Sympathisanten der RJ(ML) - Ortsgruppe Frankfurt. Doch einige trotzkistische Wirrköpfe und Spalter, meistens Schüler und Studenten, nutzten diese Situation zu einer chaotischen Aufführung ihrerseits aus. Es gelang ihnen den Demonstrationszug zu spalten und mit dem größten Teil zum Gebäude der Industrie- und Handelskammer zu ziehen. Dort konnten sie allerdings nicht viel erreichen, weil das Gebäude von der Polizei vollkommen abgeriegelt war. Während der andere Teil der Demonstranten sich in der Zwischenzeit im DGB-Haus eingefunden hatte, zogen die Spalter weiter durch Frankfurt, wobei sie solche, nach unserer Meinung vollkommen falsche Parolen, wie: 'Wer hat uns verraten - Gewerkschaftsbürokraten' riefen. Anschließend machten sie dann im DGB-Haus jegliche Diskussion, über die Ereignisse des Abends und die Forderungen der Arbeiterjugend unmöglich.

Wir meinen:
Es ist vollkommen klar, daß die rechte Gewerkschaftsführung die Arbeiterklasse durch ihre Arbeitsgemeinschaftspolitik mit den Kapitalisten verrät. Deshalb ist es notwendig in den einzelnen Gewerkschaften diese verräterische Politik anzuprangern und zu bekämpfen.
MACHEN WIR DIE GEWERKSCHAFTEN ZU UNSEREN KAMPFORGANISATIONEN!
Dies kann man aber nur durch harte Kleinarbeit erreichen, und nicht dadurch, indem man die Gewerkschaften vor den Augen der Kapitalisten spaltet und lächerlich macht. denn dadurch unterstützt man nur die Kapitalisten in ihrem Kampf gegen die Einheit der Arbeiterklasse."
Q: Der T&N-Arbeiter Nr. 2 und 3/4, Frankfurt Apr. 1971 bzw. Mai/Juni 1971, S. 7 bzw. S. 10; Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 4/5, Frankfurt/Groß-Gerau Mai/Juni 1971, S. 6

01.05.1971:
Zum 1. Mai werden in Offenbach die Fahrpreise, laut RJ/ML des KAB/ML, um 40% erhöht:"
Die SPD und die Stadtverwaltung besaßen dabei noch die Frechheit zu behaupten: 'Wir fahren nicht teurer als bisher. Nur auf den ersten Blick wirkt es so teuer.' Werfen wir einen Blick auf die neuen Fahrpreise:
Einzelfahrschein: 0, 70 - vorher 0, 50 DM
Sammelfahrschein: 0, 50 - vorher 0, 33 DM
Monatsfahrkarte: 20, 00 - vorher 16, 00 DM
Wochenkarte: 4 - 5 DM - vorher 3 - 3, 50 DM
In Offenbach regiert die SPD, die Partei, die immer noch behauptet, die Interessen der Arbeiter und Angestellten zu vertreten. Mit dieser Behauptung konnte sie bisher - auch in Offenbach - die Bevölkerung hinhalten. Doch nun war das Maß voll. Auf Initiative von kommunistischen und fortschrittlichen demokratischen Gruppe wurde ein 'Aktionskomitee Roter Punkt' gegründet, in dem RJ/ML auch vertreten war" (vgl. 5.5.1971).
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 4/5, Frankfurt/Groß-Gerau Mai/Juni 1971, S. 4

24.05.1971:
Vermutlich in dieser Woche gibt in Frankfurt und Groß-Gerau die RJ/ML des KAB/ML die Nr. 4/5 ihrer 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (JLP) für Mai/Juni (vgl. 12.4.1971, Sept. 1971) in einem Umfang von 8 Seiten DIN A 4 heraus. Die Verantwortung übernimmt Karl Napp, Kontakt geht über H. Schmidt in Frankfurt. Aus Frankfurt wird berichtet vom 1. Mai (vgl. auch 30.4.1971) und der Spaniendemonstration (vgl. 8.5.1971). Aus Groß-Gerau wird berichtet aus der Kaufmännischen Berufsschule und von den KFZ-Lehrlingen bei der Firma März, die eher als Maurer beschäftigt sind. Aus Offenbach wird berichtet von den Fahrpreiserhöhungen (vgl. 1.5.1971) und der Aktion Roter Punkt (vgl. 4.5.1971).

Im Leitartikel "Für die Erweiterung unserer demokratischen Rechte" heißt es:"
DGB STELLT FORDERUNGEN ZUM 'JAHR DES JUNGEN ARBEITNEHMERS'

Das Jahr 1971 ist vom DGB zum 'Jahr des jungen Arbeitnehmers' erklärt worden. Dazu hat er Forderungen aufgestellt, die wir darauf untersuchen wollen, was wir von ihnen zu halten haben: Wie sind die Forderungen des DGB einzuschätzen und welche Ziele verfolgt der DGB damit? Im Ganzen betrachtet, hören sich diese Forderungen alle sehr gut an. Wenn es dem DGB jetzt darum geht, diese Forderungen wirklich durchzusetzen, würde das unseren Kampf um einige Schritte weiterbringen. Unsere demokratischen Rechte wären dann um einiges erweitert. Sehen wir uns aber die Begründung der Forderungen genauer an, wird uns klar, daß dort versucht werden soll, diesen an sich richtigen Forderungen eine falsche Zielrichtung zu geben.

MEHR RECHTE FÜR DIE JUGENDVERTRETUNG

Die erste der fünf Hauptforderungen ist: Mehr Rechte für die Jugendvertretung. Diese Forderung wird seit langem von der RJ(ML) vertreten. Um unser Interesse im Betrieb wirksam vertreten zu können, brauchen wir eine starke Jugendvertretung. Deshalb sind die Teilforderungen des DGB: Zahl der Jugendvertreter erhöhen, Kündigungsschutz für Jugendvertreter, Sprechstunden der Jugendvertretung, richtig.

Dann aber wird gefordert: 'Die Teilnahme an Betriebs- und Personalratssitzungen mit beratender Stimme bzw. bei Jugendfragen mit Stimmrecht.'
Was heißt das? - Das heißt nichts anderes, als daß die Jugendvertretung in allen Fragen - Jugendfragen ausgenommen - kein Stimmrecht hat. Diese Forderung der rechten Gewerkschaftsführung weicht um keinen Deut von dem arbeiterfeindlichen BVG-Entwurf der sozialreaktionären SPD/FDP-Regierung ab. Damit sollen die Spaltungsversuche der Kapitalistenklasse unterstützt und unsere Kampffront geschwächt werden, indem man uns weismachen will, daß wir andere Interessen hätten als unsere älteren Kollegen im Betrieb und wir somit nicht mitentscheiden könnten.

REFORM DES BERUFSBILDUNGSWESENS

Auch die zweite Forderung des DGB nach einer 'Reform des Berufsbildungswesens' ist eine Forderung, hinter die wir uns voll und ganz stellen. Allerdings können wir uns auch hier nicht mit der Begründung der rechten Gewerkschaftsführung zu der Forderung zufriedengeben, denn die Reformvorschläge sehen so aus, daß die 'Ausbildungsstätten rechtlich und betriebswirtschaftlich unabhängig sein müssen.' Anders ausgedrückt ist das die Forderung nach 'staatlichen Lehrwerkstätten'. Dort soll unsere Ausbildung aus den Händen der einzelnen Kapitalisten in die Hände des kapitalistischen Staates gelegt werden. Auch da würde sich an unserer Lage nicht viel ändern. Auch da müßten wir für die Produktion arbeiten, denn im Kapitalismus ist die Ausbildung immer den Profitinteressen der Kapitalisten untergeordnet. Außerdem werden wir durch solche 'staatlichen Lehrwerkstätten' völlig von unseren Kollegen im Betrieb getrennt. Dort die Kollegen im Betrieb, hier wir. Damit soll ein einheitliches und geschlossenes Vorgehen der Arbeiterklasse verhindert werden. Jahre werden wir isoliert in 'staatlichen Lehrwerkstätten' arbeiten und von einem 'Lehrlingsstipendium' leben, das dadurch finanziert werden soll, daß die Kapitalisten eine 'Ausbildungsabgabe' leisten. Diese Forderung stellt eine glatte Irreführung der Arbeiterjugend dar. Welcher Kapitalist schenkt uns schon eine Ausbildung? Ihr Interesse liegt doch nicht darin, daß wir gut ausgebildet werden. Ihr Interesse ist einzig und allein, daß wir nur so viel lernen, daß wir ihnen möglichst schnell, möglichst viel Profit erarbeiten. Denn sonst hätten sie sich ja nicht das Berufsbildungsgesetz geschaffen, in dem sie sich diese Rechte klar sichern. Diese Forderung nach staatlichen Lehrwerkstätten müssen wir also klar zurückweisen, denn sie ist nicht in unserem Interesse. Wir wissen, daß nur gemeinsames, geschlossenes Auftreten mit den älteren Kollegen uns wirklich Erfolge bringt. Deshalb können wir es nicht zulassen, daß unsere Einheit gespalten werden soll.

BILDUNGSURLAUB

Die dritte Hauptforderung ist: 3 Wochen Bildungsurlaub. Auch diese Forderung gilt es durchzusetzen. Der Arbeiterjugend wird Bildung vorenthalten. Wir müssen jetzt dafür sorgen, daß wir von den Kapitalisten freigestellt werden und für diese Zeit unseren vollen Lohn erhalten, weil wir nur so die Möglichkeit haben, uns größeres Wissen anzueignen.

REFORM DES JUGENDARBEITSSCHUTZES (JuArschG, d.Vf.)

Die vierte Hauptforderung stellt die 'Reform des Jugendarbeitsschutzes' dar. Diese Forderung müssen wir unterstützen, wenn man bedenkt, daß allein 1968 50 000 Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz registriert wurden, aber nur gegen knapp 5% etwas unternommen wurde. Wir müssen die tagtäglichen Verstöße der Kapitalisten gegen dieses Gesetz, d.h. ihre Angriffe gegen unsere Gesundheit und unser Lebensrecht aufdecken, anprangern und bekämpfen.

MIT 18 JAHREN VOLLJÄHRIG

Die letzte der fünf Forderungen ist: Volljährigkeit mit 18 Jahren. Diese Forderung ist durchaus richtig und wird seit langem von den Jugendlichen gestellt. Warum legt sie der DGB aber gerade erste heute vor? Die rechte Gewerkschaftsführung arbeitet mit der sozialreaktionären SPD-Regierung Hand in Hand. Die SPD verspricht sich gerade von den Jungwählern eine große Stimmenzahl und fordert schon seit einiger Zeit die Herabsetzung des Wahlalters auf 18 Jahre. Mit dieser Forderung will die rechte Gewerkschaftsführung lediglich Schützenhilfe für die SPD leisten.

DIE FORDERUNGEN DURCHSETZEN

Wir haben gesehen, daß diese Forderungen zwei Seiten haben. Einerseits stellen diese Forderungen - wenn sie durchgeführt werden - eine wichtige Erweiterung unserer demokratischen Rechte dar. Andererseits begründet der DGB einen Teil dieser Forderungen mit irreführenden und arbeiterfeindlichen Argumenten. Für uns Lehrlinge und Jungarbeiter heißt das: Aktiv für die Durchsetzung dieser Forderungen kämpfen. Dabei wird es sich herausstellen, wie ernst es die Gewerkschaftsführung mit dem 'Jahr des jungen Arbeitnehmers' meint."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 4/5, Frankfurt/Groß-Gerau Mai/Juni 1971

02.07.1971:
Von der vermutlich heute stattfindenden Freisprechung der Koch- und Kellnerlehrlinge in Frankfurt berichtet die OG der RJ/ML des KAB/ML:"
KOCH-LEHRLING AM SPRECHEN GEHINDERT

Anfang Juli kam es bei dem Prüfungsessen zur Abschlußprüfung der Koch- und Kellnerlehrlinge in der Bergiusschule zu tumultartigen Szenen, als Prüfling Rainer H. etwas über seine Ausbildung sagen wollte. Mit Gewalt wurde er von rückschrittlichen Berufsschullehrern im Beisein von IHK-Vertretern daran gehindert seine Ansprache zu halten. Stattdessen wurde ein anderer Prüfling beauftragt einige 'Dankesworte' an die Prüfungskommission zu richten. Noch zwei Unverschämtheiten sind dann passiert:
Zuerst erdreistete sich der Direktor der Bergius-Schule in seiner Rede zu behaupten, 'Die Schule erziehe zur Kritik!', und dann erpreßte ein Berufsschullehrer die anwesenden Lehrlinge unter Ausnutzung ihrer rechtlichen Unkenntnis mit der Drohung: 'Wenn Ihr Euch nicht von Rainer H. distanziert, werdet Ihr nicht freigesprochen.'
In Wirklichkeit hat die Freisprechung gar nichts mit der Prüfung zu tun, sondern ist nur ein fauler Zauber mit dem man uns vormachen will: 'Jetzt beginnen die Herrenjahre'.
Später erklärten über 100 Lehrlinge in einer Protestresolution unter anderem: 50 Arbeitsstunden in der Woche und eine tägliche Arbeitszeit von 10 Stunden sind bei uns an der Tagesordnung."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 6, Frankfurt/Groß-Gerau Sept. 1971, S. 5

17.07.1971:
Die Ortsgruppe Frankfurt der RJ/ML des KAB/ML, die aus der OG Walldorf/Mörfelden entstand (vgl. 7.4.1971) verfaßt ihren ersten Bericht an ihr ZK. U.a. heißt es:"
3. Berufsschulgrundeinheit Frankfurt
… Weiterhin wird von dieser GE die JUNGARBEITER UND LEHRLINGSPRESSE herausgegeben. Es wird zur Zeit daran diskutiert, wie man die JLP auf das Niveau einer korrekten Berufsschulzeitung bringen kann. Zudem ist noch eine Selbstkritik an der letzten Nummer der JLP zu leisten. In dem Artikel über die Rote-Punkt-Aktion in Offenbach (vgl. 4.5.1971, d.Vf.) wurde schematisch die Forderung 'Nulltarif bezahlt aus Unternehmerprofit' übernommen. Erst nach einigen Diskussionen wurde klargestellt, daß dies eine typisch trotzkistische 'systemsprengende' Forderung ist. Wenn es Nulltarif im Kapitalismus geben sollte, wird er aus Steuergeldern bezahlt, und nicht aus Unternehmerprofit. Weiterhin wurde die Losung 'Die Gewerkschaft ist unsere Kampforganisation' in einem völlig anderen Zusammenhang gebracht und zwar so, als ob die jetzigen Gewerkschaften schon eine Kampforganisation der Arbeiterklasse seien."
Q: RJ/ML-OG Frankfurt: Gruppenbericht für die Zeit vom 7.4.1971-17.7.1971

September 1971:
Die Ortsgruppen Frankfurt und Groß-Gerau der RJ/ML des KAB/ML geben die Nr. 6 ihrer Berufsschulzeitung 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (vgl. 24.5.1971, 4.10.1971) in einem Umfang von 14 Seiten DIN A 4, unter Verantwortung von J. Möcks in Frankfurt, heraus. Der Leitartikel "Ausbildung gleich Ausbeutung" wendet sich an diejenigen, die am 1.9.1971 ihre Lehre begannen. Lehrlings- und Jungarbeiterberichte kommen aus Frankfurt von einer Bauzeichnerlehre bei der Firma Kögel und ohne Ortsangabe von einem KFZ-Schlosser. Berichtet wird auch von den Frankfurter Kochlehrlingen (vgl. 2.7.1971). Aus Leverkusen wird berichtet vom Streik der Bayerlehrlinge, aus Ludwigshafen von der Lehrlingsdemonstration bei BASF, aus Duisburg von der Verschacherung der Lehrlinge der Kupferhütte.

Im Artikel "Für eine starke SV" heißt es:"
An den meisten Berufsschulen hört man nichts über die Arbeit der Schülervertretung. Kein Wunder, denn dort wird auch so gut wie gar nichts getan. Die verschiedenen SV-Gremien sind kaum arbeitsfähig, da wo es den Anschein hat, als ob was getan wird, dort werden großartige Veranstaltungen, Seminare und sonstige 'Großartige' Sachen gemacht.

An der Phillipp Holzmann Schule z.B. erschöpfte sich die SV-Arbeit bisher in einem 'Kunstwettbewerb' und einer 'Trimm-Dich Aktion', statt an den Problemen in der Berufsschule zu arbeiten. Oft setzen Vertrauenslehrer und SV-Funktionäre ihre rein privaten Interessen oder politischen Ansichten durch und gestalten danach die 'Arbeit' der SV. Daran sind natürlich wir anderen Lehrlinge nicht interessiert. Aber es gibt auch eine Menge SV-Vertreter, die bereit sind, unsere Interessen zu vertreten, aber ihnen werden immer wieder von verschiedenen Seiten Steine in den Weg gelegt, z.B. von der Schulbürokratie, unseren Rektoren und Lehrern.

Es ist genauso wie im Betrieb mit der Jugendvertretung. Man hält überhaupt nichts davon, daß wir unsere Interessen selbst vertreten; ja, man geht sogar so weit uns Desinteresse vorzuwerfen. Das ist der alte Trick, man wiegelt fortlaufend ab, um dann zu sagen, wir wollten nicht.

Jeder weiß, daß die SV durch ihren Aufbau und ihre Struktur eng an die Schulbürokratie gebunden ist. So heißt es z.B. in der momentan gültigen Verordnung über die SV's in Hessen: 'Der Schulleiter kann nach Anhörung der zuständigen Stufenvertretung und nach Beratung im Vermittlungsausschuß der Durchführung einer Veranstaltung widersprechen, wenn sie mit einer besonderen Gefahr für die Schüler verbunden ist, oder wenn befürchtet werden muß, daß sie geeignet ist, den Erziehungsauftrag der Schule zu gefährden.' Diese Formulierung ist so allgemein gehalten, daß sie der Willkür gewisser Schulleiter Tür und Tor öffnet.

Trotz allem gibt es an allen Berufsschulen noch sehr viele andere Leute die bereit sind etwas zu tun und auch Zeit dafür aufbringen wollen. Doch diese Lehrlinge bekommen kaum Kontakt mit SV-Vertretern, einmal weil die SV's keine öffentlichen Veranstaltungen machen, zum anderen weil die Verbindungsmöglichkeiten an der Berufsschule schlecht herzustellen sind, da wir an verschiedenen Tagen Berufsschule haben und dazu noch viele auswärts wohnen.

Der einzige, der einen Überblick über die Arbeit der einzelnen Tagesgremien hat und auch die meisten von uns kennt, ist der Vertrauenslehrer. Dadurch hat dieser ein gefährliches Monopol. Der bekannteste Fall, wo ein Vertrauenslehrer das ausgenutzt hat ist der des Lehrers Fischborn aus Darmstadt an der Erasmus Kittler Schule. Er hatte einige SV-Vertreter um sich geschart, wie ein Hirte seine Schafe, und sich geweigert, seine Informationen rauszurücken. Als einige Lehrlinge ihn daraufhin ansprachen, drohte er die Veranstaltungen platzen zu lassen.

SOLCHE VERTRAUENSLEHRER HABEN NICHTS IN DER SV ZU SUCHEN!

Die Schul- und Tagessprecher müssen intensiver zusammenarbeiten; den interessierten Lehrlingen Möglichkeiten der Mitarbeit gegeben werden. Die SV kann nicht länger herumhandwerkeln - ohne Kontakt zu anderen Lehrlingen. Im September werden in allen Berufsschulen die Klassensprecher und Schulsprecher gewählt. Wir Jungarbeiter und Lehrlinge in der Revolutionären Jugend (ML) haben dazu folgende Forderungen aufgestellt:
- Regelmäßige Klassensprecherversammlungen
- Verwirklichung der 12-Stunden Berufsschulwoche (Von den 1, 3 Mill. Lehrlingen und Jungarbeitern erhalten viele weniger als 50% des Sollunterrichts.)
- Beseitigung des Raumnotstandes vor allem an der Siemens und Gutenbergschule
- Beseitigung des Lehrermangels
- Ordentliche Eß- und Aufenthaltsräume sowie Kantinen mit Selbstkostenpreisen
- Wahl eines fortschrittlichen Vertrauenslehrers durch die SV
- Bezahlung des Materialgeldes
- Bei der Namensgebung von neu eingerichteten Berufsschulen in Zukunft keine Kapitalisten wie Siemens, Kleyer, Holzmann, Bethmann, sondern Benennung nach führenden Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung."

In "Für unsere Forderungen müssen wir kämpfen" wird zu den Metalltarifverhandlungen gefordert:
- Einheitlicher Tarifvertrag für Arbeiter und Lehrlinge!
- 60% vom Ecklohn einheitlich für alle Lehrlinge!
- Für Arbeit in der Produktion - Arbeiter- oder Gesellenlohn!
- Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!
- Wegfall der Lohnstaffelung nach Altersgruppen!
- Weg mit dem arbeiterfeindlichen BVG!.

Mit dem BVG befaßt man sich auch in "Für eine fortschrittliche, demokratische Betriebsverfassung", wo es u.a. heißt:"
Die Herren von der SPD/FDP-Regierung wollen uns Lehrlingen noch immer nicht das Streikrecht zugestehen. Wir sollen als Streikbrecher gegen unsere älteren Kollegen eingesetzt werden (die Lehrlinge des Degussa-Werkes in Hanau haben den Chemiebossen gezeigt, daß sie sich nicht für dumm verkaufen lassen. Sie haben genau wie ihre älteren Kollegen gestreikt). Doch wir werden den Kampf für das Streikrecht aufnehmen."

In "2. Bildungsweg" (ZBW) heißt es:"
An den meisten Frankfurter Berufsschulen gibt es sogenannte Berufsaufbauklassen, dort, so heißt es, können alle fleißigen, willigen und begabten Lehrlinge die Fachschulreife in Abend- oder Tageskursen nachholen. Stimmt das? Nein, das ist eine plumpe Lüge. Diese Schulen sind nämlich in Wirklichkeit für eine Minderheit gemacht. Wollten wir alle auf diese Schulen gehen, sie würden aus den Nähten platzen: Lehrer und Räume würden überhaupt nicht ausreichen. Auch das Geld, mit dem die Schüler des sogenannten zweiten Bildungswegs gefördert werden (Höchstsatz 380 DM) ist nur begrenzt vorhanden. Wenn es also einen Massenansturm auf diese Schulen gäbe, würde man in noch größerem Maße sieben als bisher, man würde ganz einfach die Prüfungen schwerer machen. Dieses Prinzip hat man an der Universität schon lange unter dem Namen Numerus Clausus eingeführt.

Die Taktik ist also klar:
Einerseits die Propaganda, jeder könne es bis zum Ingenieur bringen (Wer sollte dann die Arbeit machen?), - andererseits scharfe Auslese. Denjenigen, denen es trotzdem 'gelingt', redet man ein, sie seien 'was besseres'. Immer wieder heißt es auf diesen Schulen 'Sie als zukünftige Ingenieure', 'Sie, die Sie später in gehobene Positionen kommen' und ähnliche Sprüche. Es ist klar was damit erreicht werden soll: Diese Arbeiterjugendlichen will sich die Bourgeoisie (Kapitalistenklasse) rechtzeitig kaufen. Sie versucht ihnen ein arbeiteraristokratisches Bewußtsein einzureden. Hinter diesem Gerede von der 'Elite', versteckt sich die alte Unternehmerregel: 'Teile und herrsche'. Entsprechend ist auch der Aufbau des Unterrichts: sehr viel Stoff wird in kurzer Zeit durchgenommen, damit wir nicht zuviel Freizeit haben, in der wir über unsere Lage nachdenken können.

Die meisten Fächer sind technische Fächer, dazu ein Schuß Allgemeinbildung, damit man in 'höheren Kreisen' mitreden kann. Im Sozialkundeunterricht wird völlig praxisfern die parlamentarische Demokratie, die Menschenrechte u.ä hochgelobt, aber wie es in den Betrieben aussieht, was Lohnraub ist, was es mit dem BBiG und dem BVG auf sich hat, warum Lehrlinge kein Streikrecht haben und der Betriebsrat mit Gefängnis bestraft wird, wenn er sich für uns einsetzt, von allem kein Wort. Es gibt keinen Zweifel: Der zweite Bildungsweg ist ein weiterer Versuch der Kapitalisten die Arbeiterklasse zu spalten, der zweite Bildungsweg ist Sand in den Augen der Arbeiterjugend. Die Kollegen, die schon auf diesen Schulen sind, dürfen nicht vergessen: Wir sind eine Arbeiterklasse!!!"

In "Hasch an der Berufsschule" wird z.T. der einschlägige Artikel im 'Rebell' Nr. 32 (vgl. Juni 1971) als Vorlage benutzt, aber auch selbst formuliert:"
Seitdem auch hier in Frankfurt Lehrlingsdemonstrationen und Streiks stattfinden und immer mehr von uns ihre beschissene Situation erkennen und bereit sind, etwas dagegen zu unternehmen, ist der Handel mit dem Hasch an den Frankfurter Berufsschulen enorm gestiegen. Dem Hasch ist zum Teil Opium beigemischt, um sich einen festen Kundenkreis zu sichern."
Es folgt der 'Rebell' zur Popkultur, die jugendliche Kaufkraft abschöpft:"
Auch in Frankfurt wird uns in den Diskotheken und Plattenläden der sauer verdiente Lohn aus den Taschen gezogen. Der Trick mit der Schließung der Haschkneipe 'Zoom' wegen Rauschgiftverkaufs ist in der Zwischenzeit allenthalben bekannt. Jeder weiß, daß die Dealer eben in andere Diskotheken umgezogen sind."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 6, Frankfurt/Groß-Gerau Sept. 1971

September 1971:
Die OG Frankfurt der RJ/ML des KAB/ML berichtet aus der Berufsschule Paul Ehrlich in Frankfurt-Höchst:"
Die alte Schülervertretung … gab in den Septemberwochen ein Flugblatt heraus, in dem sie Informationen zur Neuwahl der SV gab. Die Kollegen traten für eine leistungsfähige SV ein, die zusammen mit den anderen Frankfurter SV's gemeinsame Probleme anpackt. Als Kandidaten forderten sie fortschrittliche Kollegen, bei denen man sich darauf verlassen kann, daß sie sich ernsthaft für uns einsetzen. Weiterhin forderten sie: Beseitigung von Mißständen, wie Büchermangel, zu wenig Unterricht, veraltete Lehrmethoden. … die Weiterführung des Kampfes für einen Schulneubau. … Schülervertreter auf Konferenzen. … eine Schülerzeitung in der jeder seine Meinung frei äußern kann."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 7, Frankfurt/Groß-Gerau Okt. 1971, S. 8

18.09.1971:
Die RJ/ML des KAB/ML berichtet:"
ANTI-BVG-DEMONSTRATION

Am Samstag, den 18. September fand in Wetzlar eine Demonstration der Gewerkschaftsjugend Mittelhessens statt. An der Demonstration beteiligten sich ca. 400 Jungarbeiter und Lehrlinge. Unter den Losungen 'Für freie politische Betätigung im Betrieb', 'Für ein fortschrittliches BVG', 'Sitz und Stimme für die Jugendvertretung im Betriebsrat', 'Für starke Gewerkschaften', 'Weg mit der Friedens- und Schweigepflicht' zogen sie durch die Altstadt und ein Arbeiterviertel."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 7, Frankfurt/Groß-Gerau Okt. 1971, S. 8

25.09.1971:
Die RJ/ML des KAB/ML berichtet aus Frankfurt:"
JUGENDVERTRETER FORDERN MEHR RECHTE IM BETRIEB!
Am Samstag, 25. September, fand im Gewerkschaftshaus eine Arbeitstagung von 150 IGM-Jugendvertretern statt. Die Kollegen verurteilten die unhaltbaren Zustände an der Werner von Siemens Schule, wo viele Klassen nur drei Stunden Unterricht pro Woche haben und einige Klassen sogar nur 14-tägig zur Schule gegen können. Anschließend berichteten sie über die Situation in den Betrieben und stellten fest, daß sie fast rechtlos sind und dadurch aktive Jugendvertreter ständig von den Geschäftsleitungen unterdrückt werden. Sie forderten mehr demokratische und politische Rechte im Betrieb und eine Anhebung der Lehrlings'vergütung'."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 7, Frankfurt/Groß-Gerau Okt. 1971, S. 9

02.10.1971:
Die RJ/ML Gross Gerau des KAB/ML berichtet aus Limburg:"
Über 1 000 Lehrlinge folgten am 2.10. dem Aufruf des DGB-Lehrlingszentrums und des DGB Limburg zu einer Protestkundgebung gegen die Durchsuchung des Gewerkschaftshauses durch die Polizei (…) (vgl. 26.9.1971, d.Vf.). Seit der Zerschlagung des Hitlerfaschismus war diese Durchsuchung die erste Polizeimaßnahme gegen ein Gewerkschaftshaus. Dieses Beispiel zeigt, daß der Justizapparat nur der Kapitalistenklasse dient. Während auf die Strafanzeige des DGB gegen den Kapitalisten Jaster wegen schwerer Körperverletzung eines Lehrlings bisher nichts geschah, wurde auf die Anzeige dieses Kapitalisten hin sofort die Durchsuchung des Gewerkschaftshauses vorgenommen. Die Entscheidung zugunsten des Kapitalisten entspricht nach den Worten des hessischen Justizministers Hemfler der 'richterlichen Unabhängigkeit'."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 8, Frankfurt/Groß-Gerau Dez. 1971, S. 5

04.10.1971:
Die Ortsgruppen Frankfurt und Groß-Gerau der RJ/ML des KAB/ML geben vermutlich in dieser Woche die Nr. 7 ihrer Berufsschulzeitung 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (vgl. Sept. 1971, 25.10.1971) in einem Umfang von 10 Seiten DIN A 4, unter Verantwortung von J. Möcks in Frankfurt, heraus.

Im Leitartikel "Lehrlingsausbildung in Frankfurt" werden die Ergebnisse einer Untersuchung von Frankfurter Gewerkschaftsjugendlichen über die Mißstände in der Ausbildung veröffentlicht.
Angekündigt wird eine Reihe von Filmveranstaltungen der RJ/ML in Frankfurt (vgl. 8.10.1971, 22.10.1971, 5.11.1971).
Ein Soldat berichtet aus der Bundeswehr und eingegangen wird auch auf die "Lehrlingsausbildung bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung", wozu es u.a. heißt:"
Nach den Jugendvertreterwahlen, Ende April 1971, haben wir für jeden Monat eine Lehrlingsversammlung durchgesetzt. Auf diesen Versammlungen wurde uns klar, daß eine Menge an unserer Ausbildung faul ist, wie Büroarbeiten, Unterricht, Vorträge, Berufsschule und Bezahlung. Deshalb hatten wir beschlossen, dies in einem Brief zusammenzufassen und an die Direktion der FAZ zu übergeben. Die Antwort darauf erhielten wir in einem Rundschreiben: Sämtliche Lehrlinge machen nach einem Jahr Stenounterricht eine Prüfung bei Herrn Kapp und dieser wählt dann die Lehrlinge aus, die noch weiterhin am Stenokurs teilnehmen. Den anderen wird der Kurs ersatzlos gestrichen, d.h. daß sie in dieser Zeit im Büro arbeiten müssen."

In "SV-Wahlen" heißt es:"
An den wenigsten der 22 Frankfurter Berufsschulen sind bis jetzt Klassen-, Tages- und Schulsprecher gewählt worden. Es gibt noch immer Direktoren, denen es aus verschiedenen Gründen lieber ist, keine SV zu haben. Einige gehen dabei soweit die Wahlen zu verhindern, andere tun zumindest nichts, um sie zu ermöglichen. Nur sehr wenige fortschrittliche Vertrauenslehrer versuchen, zusammen mit den Schülern, eine leistungsfähige SV aufzubauen. An der Philipp Holzmann Schule z.B. gab es 2 1/2 Monate keine SV mehr, weil der damalige Schulsprecher zurückgetreten war. An der KB 1 (Kaufmännische Berufsschule 1, d.Vf.) gibt es schon lange keine SV mehr, ebenso in der KB 5. Obwohl die SV in ihrem Aufbau und ihrer Struktur eng an die Schulbürokratie gebunden ist, meinen wir, daß der Aufbau einer starken SV als Interessenvertretung der Berufsschüler notwendig ist. Wir müssen auf ihrer Wahl bestehen."
Meldungen kommen von der Paul Ehrlich Berufsschule in Frankfurt-Höchst (vgl. Sept. 1971), über das Nicht-Ablehnen von Kultusminister Friedeburg gegenüber Werbeveranstaltungen der Kapitalisten und der Bundeswehr in den Schulen, aus Wetzlar (vgl. 18.9.1971), Limburg (vgl. 26.9.1971), der IGM-Jugend Frankfurt (vgl. 25.9.1971) und aus Groß-Gerau erneut vom Autohaus März.
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 7, Frankfurt/Groß-Gerau Okt. 1971

06.10.1971:
Die OG Frankfurt der RJ/ML des KAB/ML will heute im Haus Gallus in der Frankenallee 111 zweimal (17 Uhr 30 und 20 Uhr) den Film "Arbeitskampf im Ruhrgebiet" zeigen (vgl. 8.10.1971).
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 7, Frankfurt/Groß-Gerau Okt. 1971, Beilage

08.10.1971:
Die OG Frankfurt der RJ/ML des KAB/ML will im Camera-Kino in der Gräfstraße den Film "Arbeitskampf im Ruhrgebiet" für Berufsschüler zeigen (vgl. 6.10.1971, 22.10.1971).
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 7, Frankfurt/Groß-Gerau Okt. 1971, S. 4 und Beilage

18.10.1971:
Die RJ/ML des KAB/ML berichtet aus Frankfurt:"
Am Montag, den 18.10.1971, hatten die Berufsschüler der Werner von Siemens Schule genug: Lehrermangel, Raummangel und fehlende Lehrmittel brachten das Faß zum Überlaufen. (…) Die Berufsschüler traten in den Streik. Gemeinsam mit Delegationen der Heinrich Stefan Schule, der Bergius Schule und der Paul Ehrlich Schule, sowie Lehrlingen von Telefonbau und Normalzeit, den Siemenswerken und der Post, fuhren 1 500 Berufsschüler mit Bussen, Autos, Mopeds und der Bahn nach Wiesbaden, und veranstalteten dort einen Demonstrationszug zum Kultusministerium.
Sie protestierten dagegen daß:
- 32 Klassenräume fehlen,
- 25 Lehrer fehlen,
- keine Lehrmittel vorhanden sind,
- manche Klassen, z.B. das erste und zweite Lehrjahr des Fernmeldeamtes II, nur zwei Stunden in der Woche und andere Klassen alle 14 Tage nur 3 Stunden Unterricht haben.
Eine Verbesserung der Situation wurde schon lange versprochen, aber die Zustände wurden immer schlimmer. Als die Berufsschüler der Siemens-Berufsschule auf die Straße gingen, bekamen sie immer wieder vorgehalten, daß die Mängel an der Berufsschule doch nur vorübergehend seien und daß die Mißstände bald beseitigt würden. Vor allem die SPD-Politiker in der Stadt- und in der Landesregierung ritten auf dieser Welle, um die Lehrlinge von ihrem berechtigten Kampf für ihre Interessen abzuhalten. Was von diesen Sprüchen zu halten ist, war allen Berufsschülern klar: Seit 1922 keinen vollen Unterricht an der Siemensschule - das ist keine Zufälligkeit, keine Fehlplanung - und wer es trotzdem behauptete wie die beamteten SPD-Demagogen und die SPD-treue 'Frankfurter Rundschau' wurde entlarvt als 'Schwätzer und Schaumschläger'. …

Der Streik an der Siemensschule ist erst der Anfang!

Durch unseren solidarischen Kampf können wir an den Berufsschulen und auch in den Betrieben Verbesserungen erreichen. Wir dürfen uns aber nie die Illusion machen, daß sich unsere Lage im Kapitalismus grundlegend ändert. Ändern wird sich unsere Lage erst dann, wenn die Arbeiterklasse die Macht hat, den kapitalistischen Staat zerschlägt und ihren eigenen Staat errichtet. Forderungen nach staatlichen Lehrwerkstätten als Alternative zur betrieblichen Ausbildung wie sie von der SDAJ, den Jusos, dem FLC und diversen trotzkistischen Gruppen aufgestellt werden, gehen am Ziel vorbei, weil damit die Hoffnung verbunden ist im Kapitalismus den Staat gegen die Kapitalisten verwenden zu können."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 8, Frankfurt/Groß-Gerau Dez. 1971, S. 1f

22.10.1971:
Die OG Frankfurt der RJ/ML des KAB/ML will im Camera-Kino in der Gräfstraße den Film "Streik" von Eisenstein zeigen (vgl. 8.10.1971, 5.11.1971).
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 7, Frankfurt/Groß-Gerau Okt. 1971, S. 4

25.10.1971:
Die Ortsgruppen Frankfurt und Groß-Gerau der RJ/ML des KAB/ML geben vermutlich in dieser Woche die Nr. 8 ihrer Berufsschulzeitung 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (vgl. 4.10.1971, Dez. 1971) in einem Umfang von 8 Seiten DIN A 4, unter Verantwortung von J. Möcks in Frankfurt, heraus. Der Leitartikel widmet sich dem "Streik an der Siemens-Berufsschule" (vgl. 18.10.1971).
Berichtet wird auch aus Limburg (vgl. 2.10.1971), über Streiks bei Bayer Leverkusen, einen Koch-Lehrling in Bamberg, Wehrkunde in Baden-Württemberg und eine Untersuchung des DGB Darmstadt, der auch für Groß-Gerau zuständig ist, über Lehrlingsausbildung. Weitere Artikel sind "Wehrdienst verkürzt - Militarisierung verschärft" und "Streikrecht für Lehrlinge durchsetzen!". Eingegangen wird auch auf die Lehrlingsmetalltarifrunde. Angekündigt werden Filmveranstaltungen in Frankfurt (vgl. 5.11.1971) und Groß-Gerau (vgl. 4.11.1971).
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 8, Frankfurt/Groß-Gerau Nov. 1971

04.11.1971:
Die OG Groß-Gerau der RJ/ML des KAB/ML will im Anne Frank Heim einen Film "Lohnkampf ist Klassenkampf" zeigen.
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 8, Frankfurt/Groß-Gerau Dez. 1971, S. 8

05.11.1971:
Die OG Frankfurt der RJ/ML des KAB/ML wollte im Camera-Kino in der Gräfstraße einen Film über die Arbeit des KAB/ML zeigen, bei dem es sich dann aber um den Film "Lohnkampf ist Klassenkampf" handelt (vgl. 22.10.1971).
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 7 und 8, Frankfurt/Groß-Gerau Okt. 1971 bzw. Nov. 1971, S. 4 bzw. S. 8

Dezember 1971:
Die Ortsgruppen Frankfurt und Groß-Gerau der RJ/ML des KAB/ML geben die Nr. 9 ihrer Berufsschulzeitung 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (vgl. 25.10.1971, 17.1.1972) in einem Umfang von 8 Seiten DIN A 4, unter Verantwortung von J. Möcks in Frankfurt heraus.
Im Leitartikel "Verstärkter Lehrermangel im nächsten Schuljahr" heißt es:"
DER LEHRERMANGEL WIRD ZUNEHMEN!

Der Streik an der Siemens-Berufsschule (vgl. 18.10.1971, d.Vf.) hat es ans Licht gebracht: der Lehrermangel, der Raum- und Materialmangel sind kein Zufall, keine Fehlplanung, sondern eine BEABSICHTIGTE Verschlechterung der Lage der Arbeiterjugend.

Wie versuchen die Kapitalisten und ihre Handlanger die Wahrheit zu vertuschen? Erstens, indem sie vom 'menschlichen Versagen' der 'zuständigen Behörden' reden, zweitens, indem sie die Tatsachen einfach leugnen und frech das Gegenteil behaupten.
DAS SIEHT SO AUS: Wo Lehrermangel herrscht redet man von 'Lehrerschwemme', wo die Zahl der Schüler immer mehr zunimmt (1970: 12, 5 Mio. Jugendliche im Schulalter - 1975 ca. 13, 4 Mio.) redet man vom 'Pillenknick', d.h. man erzählt das Ammenmärchen, 'weil immer mehr Frauen die Pille nähmen, würde die Schülerzahl spürbar abnehmen.'"

Betont wird "Lehrlinge - Teil der Arbeiterklasse" und gefordert "Unterstützt die SV":"
Die Jungarbeiter und Lehrlinge haben vor ca. 6 Wochen in den Berufsschulen ihre Schülervertretungen gewählt. Diese Wahlen waren der Anlaß für viele Kollegen die Mißstände in der Schule und auch im Betrieb anzuprangern und die Rechtlosigkeit der Arbeiterjugend aufzuzeigen. In einigen Berufsschulen (z.B. Werner von Siemens Schule) fanden Vollversammlungen statt, in denen unmißverständlich zum Ausdruck gebracht wurde, daß wir Lehrlinge und Jungarbeiter bereit sind gegen den Widerstand der Kapitalisten für unsere Interessen zu kämpfen. Wir haben die Mißstände beim Namen genannt und unsere Forderungen auf den Tisch gelegt:
- Volle 12 Stunden Berufsschulunterricht!
- Weg mit dem Lehrermangel!
- Weg mit dem Raummangel!
- Ordentliche Eß- und Aufenthaltsräume!
- Bereitstellung der Lehrmittel!

In den letzten Jahren mußten wir aber immer wieder feststellen, daß die Schülervertretung (SV) ziemlich wenig Einfluß hatte und daher wenig für uns tun konnte. Einige Handlanger der Kapitalisten wußten, daß wir Jungarbeiter und Lehrlinge kaum die SV unterstützten und wiegten sich in Sicherheit. Damit machen wir jetzt Schluß!

Wenn alle geschlossen hinter den SV-Vertretern stehen und sie unterstützen, bekommen diejenigen, die auf unsere Inaktivität gebaut hatten, kalte Füße. Die SV-Vertreter müssen die Forderungen und Probleme der Berufsschüler aufgreifen und zugleich den Kollegen über ihre Arbeit genau berichten. Viele SVler haben bisher die Kollegen kaum über ihre Arbeit unterrichtet und glaubten, daß sie in Verhandlungen mit der Schulleitung etwas durchsetzen können. Die bisherige Erfahrung hat aber gezeigt, daß wir damit nicht weit kommen. Forderungen der Lehrlinge und Jungarbeiter im Stillen beschließen und sich in Verhandlungen mit der Schulleitung oder dem Stadtschulamt hinters Licht führen zu lassen, das ist nicht der Stil von SV-Vertretern, die die Interessen der Arbeiterjugend vertreten. Mit solchen Methoden arbeitet die rechte Gewerkschaftsführung.

Alle Kollegen müssen die SV in ihrer Arbeit unterstützen, ihr helfen, sie kritisieren und Vorschläge besprechen. Nur so wird die SV unsere SV."

Jungarbeiter- und Lehrlingsberichte entstammen der Presse des KAB/ML und seiner Freunde, berichten aus Neckarsulm, Baden-Württemberg (GEW zum Wehrkunde-Erlaß (WKE)) und Darmstadt. Ebenfalls zentral geschrieben wurde der Artikel "'Neues' BVG soll die Arbeiterklasse niederhalten".

Aus eigener Feder stammt der Beitrag "Religionsunterricht", wo es u.a. heißt:"
Obwohl viele von uns weniger als 5 Stunden (8, 4%) bzw. 8 Stunden (46, 4%) Berufsschule haben ist zu allem Übel eine dieser Stunden noch Religionsunterricht.
WOZU ??? Es steht fest, daß wir Jungarbeiter und Lehrlinge eh schon viel zu wenig Bildung erhalten, sowohl fachlich als auch politisch. So z.B. an der Kaufmännischen Berufsschule I (Bethmann-Schulhaus) wo einige Klassen 1 1/2 Jahre lang keinen Sozial-Politischen Unterricht (SPU) erhielten bzw. heute noch nicht erhalten, dafür aber 'ihren Religionsunterricht' verpaßt bekamen bzw. bekommen. Was bekommen wir hier zu hören? Teils Geschichten aus einer 'heilen Welt', teils aber auch 'Kritik' - die allerdings nie die Übel an der Wurzel packt, sondern schlicht und EINFACH bei den Geschehnissen und Auswirkungen der Habsucht 'der Reichen' stehen bleibt. … Die Religion verschleiert den Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, um uns vom Kampf gegen den wahren Feind in der Welt, den Kapitalismus, abzuhalten. Mit dem 'Friede, Freiheit, Pfannekuchen'-Gerede versucht man unsere Ausbeutung im Betrieb aus der Sicht des Kapitalisten zu rechtfertigen, da der Kapitalist ja auch nur ein 'Mensch' ist. So versucht man uns von unserem Kampf für mehr demokratische Rechte in Betrieb und Berufsschule und im Kampf gegen den Kapitalismus abzuhalten.
DESHALB:
Statt Religionsunterricht mehr fachlichen und sozialpolitischen Unterricht! Volle 12 Stunden Unterricht ohne Religionsunterricht!"
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 9, Frankfurt/Groß-Gerau Dez. 1971

14.12.1971:
Die RJ/ML des KAB/ML berichtet aus Frankfurt:"
Große Betrugskampagne der Frankfurter Rundschau

Am 14. Dezember startete die FR Hand in Hand mit den Kapitalisten eine Betrugskampagne gegen uns Jungarbeiter und Lehrlinge. Unter der Überschrift 'Wer will WAS werden' gaukelte sie uns vor, wir hätten die große Chance im Berufsleben nur noch nicht erkannt. Alles sei eine Frage der Berufsberatung. Dabei weiß jeder von uns, welche Funktion die 'Berufsberatung' im Kapitalismus hat: Sie lenkt uns entsprechend den Bedürfnissen der Industrie in bestimmte Berufe, die gerade 'verlangt' werden. Mit Tests und ähnlichen 'wissenschaftlichen' Methoden wollen sie uns erzählen, wir seien für diesen oder jenen Beruf begabt. Unverschämt wird die FR dann, wenn sie schreibt: 'Noch nie hatten junge Menschen bei der Berufswahl so viele Möglichkeiten wie heute. Das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage klafft immer mehr zugunsten der Suchenden auseinander.' …
Zum Schluß rät uns dieses 'unabhängige' Sprachrohr der sozialreaktionären SPD-Führung noch höhnisch: ' Auch im Berufswunsch gilt es, den gesunden Kompromiß zwischen Illusion und Realität zu finden.' Nun wir werden dem Tip der FR folgen, und uns 'erst informieren - dann entscheiden.' Unsere Entscheidung aber wird heißen: Kampf dem kapitalistischen Ausbeutungssystem und seinen Handlangern."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 10, Frankfurt/Groß-Gerau Jan. 1972, S. 5

10.01.1972:
Vermutlich aus dieser Woche berichtet die RJ/ML des KAB/ML aus Frankfurt:"
NEBENAMTLICHE LEHRER ENTLASSEN

Mitte Januar verfügte der Regierungspräsident, daß die Zahl der in Frankfurt beschäftigten nebenamtlichen und nebenberuflichen Lehrer 'drastisch eingeschränkt' werden müsse. Zur Begründung wurde auf die leeren Kassen des Landes verweisen. Nicht genug damit, daß man uns den Wandertag und die damit verbundenen Zuschüsse streicht, nicht genug damit, daß gegen den katastrophalen Lehrermangel nichts unternommen wird, will man uns nun die von Eltern und Schülern gemeinsam erkämpften nebenamtlichen Lehrkräfte nehmen. Das ist der Gipfel der Unverschämtheit und entlarvt einmal mehr, wie sehr die sozialreaktionäre SPD-Regierung eine Dienerin des Kapitals ist. Die Jungsozialisten (Jusos, d.Vf.) und die DKP werden jetzt bedauernd feststellen: 'Ein gescheiterter Reformversuch'. Daß diese Angriffe auf unsere sowieso schon miserable Ausbildung kein Ausrutscher ist und - auch zum Bedauern unserer Freunde von der - nicht (nur) von der CDU kommt, schreibt sogar die SPD-treue Frankfurter Rundschau am 8.2.1972: 'Am Wortlaut der Verfügung wurde von den Landtagsabgeordneten kein Wort geändert.'
Durch den Abzug dieser nebenberuflichen Lehrer wird nicht nur unsere Stundenzahl sinken, sondern auch die Qualität des Unterrichts. In Zukunft werden wegen des Mangels an naturwissenschaftlichen Lehrkräften nämlich viele Deutschlehrer z.B. Mathematikunterricht geben. Zudem ist geplant, 'Fachkräfte aus der Industrie' ohne pädagogische Kenntnisse heranzuziehen. Für die Kapitalisten ist das ein zusätzliches Plus, weil sie sich eine Durchdringung der Schulen mit Unternehmerideologie davon erhoffen. Ein konkretes Beispiel für die Auswirkung an einer Schule gibt der Direktor der Helmholtzschule in einem Interview mit der FR: 1 425 Pflichtstunden müßten an dieser Schule gegeben werden. Die hauptamtlichen Lehrkräfte bewältigen aber nur 1 162. 171 Stunden bewältigen zusätzlich bisher noch die nebenamtlichen und nebenberuflichen Lehrer. Macht ein Minus von 93 Stunden. Durch die Kündigungen mußten noch 27 Stunden (bis jetzt!) gestrichen werden, so daß künftig insgesamt 120 PFLICHTSTUNDEN AUSFALLEN.

In ganz Frankfurt werden aber in diesem Jahr nur 15 (!) Junglehrer eingestellt. Welche Konsequenz kann ein Berufsschüler aus dieser Entwicklung ziehen? Wir können lernen, daß die Kapitalisten immer wieder versuchen, ihre Krise auf dem Rücken der Werktätigen abzuwälzen. Wir können lernen, daß Bildungsausgaben für den kapitalistischen Staat Investitionen sind, die sich kurzfristig nicht lohnen, und daß deshalb rationalisiert wird, wo's nur möglich ist. Wir können lernen, daß die Entwicklung des Kapitalismus dahin geht, die große Masse der lernenden und studierenden Jugend zu entqualifizieren und nur einer kleinen, privilegierten Minderheit eine gute, ja sehr gute, Ausbildung zukommen zu lassen. Und letztlich können wir lernen, daß in diesem System die jeweilige Regierung der geschäftsführende Ausschuß des Monopolkapitals ist und jede Illusion über die Rolle der SPD, wie sie die Jungsozialisten und die trotzkistische 'Junge Garde' (JG der IAK, d.Vf.) (deren objektive Aufgabe es ist, uns für die sozialreaktionäre SPD-Regierung einzufangen) sowie die SDAJ (Jugendorganisation der DKP) ständig zu wecken versuchen, uns auf den Holzweg der Klassenzusammenarbeit, also der Zusammenarbeit mit den Kapitalisten führt. Wohin diese Klassenzusammenarbeit führt, das zeigt uns am besten die Entwicklung der SPD, von einer revolutionären Partei der Arbeiter zu einer Dienerin des Monopolkapitals. (Es ist klar, daß wir hier nicht die vielen sozialdemokratischen Kollegen meinen, die sich durch die unverschämte Demagogie ihrer Führer haben täuschen lassen.)

Es gilt nun, da uns der ständige Verrat der sozialreaktionären SPD-Führer an unseren Interessen die Augen geöffnet hat (Lohndiktat von Schiller, Wehrkundeerlaß (WKE, d.Vf.) von Brandt, Militarisierung und Aufrüstung durch Schmidt) die Konsequenzen zu ziehen und den Aufbau eines revolutionären kommunistischen Jugendverbandes für Westdeutschland zu unterstützen. Die RJ(ML) ist sozusagen eine Keimzelle dieses Verbandes".
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 11/12, Frankfurt/Groß-Gerau Feb./März 1972, S. 2f

10.01.1972:
Die RJ/ML des KAB/ML berichtet aus Frankfurt:"
Am 10. Januar marschierten vor dem Gebäude der Postgewerkschaft fast 200 Lehrlinge des Frankfurter Fernmeldeamtes II auf und forderten eine Erhöhung ihrer lächerlich niedrigen 'Lehrlingsvergütung'. Sie eröffneten damit die 3. Runde der Tarifverhandlungen für die 195 000 Arbeiter und Angestellten der Bundespost. Die Demonstration ist ein Zeichen der Einheit zwischen den Arbeitern und den Lehrlingen als Teil der Arbeiterklasse."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 10, Frankfurt/Groß-Gerau Jan. 1972, S. 4

17.01.1972:
Vermutlich in dieser Woche geben die Ortsgruppen Frankfurt und Groß-Gerau der RJ/ML des KAB/ML die Nr. 10 ihrer Berufsschulzeitung 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (vgl. Dez. 1971, März 1972) mit 6 Seiten DIN A 4 heraus. Verantwortlich zeichnet J. Möcks in Frankfurt. Im Leitartikel "Unsere Interessen verkauft" äußert man sich zu den Lehrlingsmetalltarifverhandlungen (LMTR der IGM):"
Für die hessischen Metall-Lehrlinge ist die Tarifrunde abgeschlossen. Der Kampf der Arbeiterklasse für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen wurde von den rechten Gewerkschaftsführern sabotiert. Das Ergebnis für uns Lehrlinge: 50 - 70 DM Erhöhung der 'Ausbildungsvergütung'. Das ist ein Hohn und eine Unverschämtheit. Das wußten auch die rechten Gewerkschaftsführer und vollzogen diesen Verrat an unseren Interessen stillschweigend hinter den Kulissen. Wer Glück hatte, konnte dann in der Zeitung eine kleine Notiz darüber entdecken. Was bleibt uns zu tun? Wenn wir nach Baden-Württemberg schauen, wo die Metall-Lehrlinge noch im Kampf stehen und wenn wir uns deren Forderungen ansehen, dann können wir etwas lernen für die nächsten Tarifverhandlungen. In Baden-Württemberg haben die rechten Gewerkschaftsführer einfach und ohne auf die Wünsche der Lehrlinge einzugehen 80 DM mehr von den Kapitalisten gefordert." Im Gegensatz dazu fordert die RJ/ML u.a. einheitliche Tarifverträge und 60% vom Ecklohn:"
Die RJ/ML hat den entschiedenen Kampf für die Forderungen der Metallehrlinge in Baden-Württemberg aufgenommen. Viele gewerkschaftliche Jugendgruppen haben sich bereits hinter diese berechtigten Forderungen der Arbeiterjugend gestellt. In Betriebsjugendversammlungen, Betriebsjugendzeitungen und Berufsschulzeitungen werden unsere Forderungen diskutiert und um ihre Durchsetzung gekämpft. Mit Unterschriftensammlungen und Demonstrationen zeigt die Arbeiterjugend an vielen Orten ihre Bereitschaft, für diese Forderungen zu kämpfen, bis sie durchgesetzt sind. Besonders die Lehrlinge und Jungarbeiter an der Philipp Holzmann Schule müssen aufpassen, wenn Ende März - Anfang April die Gewerkschaft Bau Steine Erden die Tarife kündigt und müssen dann ihre Forderungen klar auf den Tisch legen" (vgl. 27.2.1972). Lehrlings- und Jungarbeiternachrichten kommen aus Nürnberg, Stuttgart, über Jugendvertreterentlassungen in Reutlingen und Rottenburg, eine Lehrlingsbefragung in Kaiserslautern und von der Frankfurter Post (vgl. 10.1.1972). Eingegangen wird auch auf die Lehrstellenkampagne der 'Frankfurter Rundschau' (vgl. 14.12.1971).

"In eigener Sache" wird erklärt:"
Kolleginnen, Kollegen!
Es sind jetzt bereits 10 Nummern unserer Berufsschulzeitung 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' erschienen. Wie Ihr wißt, verteilen wir sie kostenlos. Doch Ihr könnt Euch vorstellen, daß die Kosten für das notwendige Material nicht gering sind. Diese Kosten tragen bisher die Mitglieder unserer Ortsgruppe. Dazu kommen noch die zahlreichen Stunden, die die Genossen nach Feierabend oder am Wochenende aufbringen, um die Artikel zu schreiben, das Layout anzufertigen und um die Zeitung schließlich zu drucken.

Kolleginnen, Kollegen, da die Zeitung immer besser werden soll, die jetzigen Mängel behoben werden müssen, brauchen wir die Hilfe derjenigen, die die 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' regelmäßig lesen. Berichtet uns über die Lage im Betrieb und über Diskussionen in der Berufsschule, schreibt SELBST Artikel!

Die anfallenden Kosten können wir langfristig nicht alleine tragen. Wir bitten Euch, uns finanziell zu unterstützen. Die Spenden könnt Ihr auf unser Konto überweisen. Ihr könnt auch den Verteilern regelmäßig einen Groschen geben.

Weiter bitten wir diejenigen, die Interesse haben bei den technischen Vorbereitungen zu helfen, uns anzusprechen.

Nur wenn die technischen und finanziellen Voraussetzungen erfüllt sind, kann unsere Zeitung auch weiterhin und immer besser auf die Interessen der Arbeiterjugend eingehen und dazu beitragen, daß immer mehr Kollegen den richtigen Weg zur grundlegenden Verbesserung unserer Ausbildung und unserer Lage im Betrieb einschlagen."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 10, Frankfurt/Groß-Gerau Jan. 1972

01.02.1972:
Die Ortsgruppen Frankfurt und Groß-Gerau der RJ/ML des KAB/ML berichten aus Hessen:"
WANDERTAG GESTRICHEN

Anfang Februar startete der hessische Kultusminister einen weiteren Angriff gegen alle Schüler. Ab sofort ist der Wandertag gestrichen, und damit auch alle Zuschüsse für 'sozial schwache Familien'. Selbst den Lehrern wurde der Spesensatz empfindlich gekürzt. Zuschüsse gibt es noch für die Mauerbejammerungsfahrten nach Berlin. Dieser Entscheidung liegen natürlich keine 'pädagogischen Motive' zugrunde, sondern es geht hier einzig und allein darum, an uns zu sparen, während den Kapitalisten UNSERE Steuer'groschen' in den Rachen geworfen werden (Subventionen)."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 11/12, Frankfurt/Groß-Gerau Feb./März 1972, S. 8

21.02.1972:
In dieser Woche finden in Frankfurt, laut der RJ/ML des KAB/ML, an mehreren Berufsschulen die halbjährlichen Schülervollversammlungen statt (vgl. 22.2.1972).
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 11/12, Frankfurt/Groß-Gerau Feb./März 1972, S. 1

22.02.1972:
Aus Frankfurt berichtet die RJ/ML des KAB/ML vermutlich von den heutigen oder morgigen Schülervollversammlungen der Berufsschulen Werner von Siemens und Philipp Holzmann:"
Während ihrer Versammlung entschlossen sich die Siemens-Schüler spontan, zu der Philipp Holzmann Schule zu marschieren und die Diskussion mit den Bauschülern fortzusetzen. So marschierten kurze Zeit später über 100 Lehrlinge los. Der Weg führte sie dabei an der Universität vorbei, wo gerade 300 Mann der Bereitschaftspolizei dabei waren, die Studenten zu verprügeln, weil diese sich im Streik gegen Prüfungswillkür befanden und in diesem Zusammenhang das Schreiben einer Klausur verhindern wollten. Als die Lehrlinge nun mit Spruchbändern und Sprechchören an der Uni vorbeizogen, sah die Polizei 'rot' im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hetzten gleich eine Hundertschaft hinter dem Demonstrationszug her. Mit diesen Einschüchterungsversuchen wollte sie die Solidarisierung der beiden Berufsschulen aufhalten. Doch die Jungarbeiter und Lehrlinge ließen sich nicht provozieren. In einem diszipliniertem Marsch setzten sie den mehrere Kilometer langen Weg fort. Die Ordnungshüter der Kapitalisten setzten die EinschüchterungsVERSUCHE fort, indem sie ihre in Frankfurt beliebte 'Sandwich-Taktik' anwendeten: Links und rechts sowie vorne und hinten marschierten Polizisten. Von außen hätte das dann ausgesehen wie eine Polizeidemonstration, wenn nicht ein Transparent mit der Parole: 'Für freie politische Betätigung' aus dem Zug herausgeragt hätte. Inzwischen lief in der Philipp Holzmann Schule die Vollversammlung weiter. Nachdem der Schulsprecher in seinem Rechenschaftsbericht für das letzte Vierteljahr den Betrugscharakter des 'Ausschusses für Zusammenarbeit' und des 'Vermittlungsausschussses' entlarvte und zu deren Boykott aufgefordert hatte (…) wurde der neue Tagessprecher gewählt. Die ordentliche Tagesordnung der Vollversammlung war schon beendet, als eine Delegation der Siemens-Schüler eintraf und berichtete, daß die Kollegen von der Siemensschule unterwegs seien. Das wurde mit großem Jubel zur Kenntnis genommen. Als die Philipp Holzmann Schüler allerdings von der 'Begleitung' erfuhren, herrschte natürlich Empörung. Der Entschluß stand fest: 'Die Bullen kommen hier nicht rein, auch nicht die Spitzel und Zivilbullen.' Ein Teil der Schüler rannte runter zum Hof, um die Siemenskollegen zu empfangen und den Polizisten eine Abfuhr zu erteilen. Der Schulsprecher lud die Siemens-Kollegen offiziell über Lautsprecher als Gäste der SV ein. Somit hatten die 'Grünen' kein Recht, diese am Betreten der Schule zu behindern. Nach langem Warten trafen die Kollegen - umringt von mindestens 100 Polizisten - bei uns, also der PHS, ein. Sie wurden begeistert begrüßt und gemeinsam zogen wir zur Aula. Die Polizisten mußten draußen bleiben, denn einmal waren sie nicht als Gäste der SV eingeladen und zum anderen wagten sie es nicht - angesichts unserer Überzahl - das Schultor zu versperren. Gemeinsam wurde die Vollversammlung fortgeführt. Einstimmig verurteilten wir das Vorgehen der Staatsgewalt gegen uns.

Was konnten wir an dieser Polizeiaktion erkennen? Nur eins: Bei Auseinandersetzungen mit dem kapitalistischen System steht der Staat und seine bewaffnete Macht auf der Seite der Kapitalisten. Das ist auch logisch, denn es ist IHR Staat. In der weiteren Diskussion wurde vor allem die Notwendigkeit der Solidarität zwischen den Berufsschülern dargelegt. Ein Kollegen nannte das Beispiel der Siemens-Schüler, die nach einem Streik Lehrer von anderen Schulen bekamen, die dort letzen Endes wieder fehlten. Um diesem Katz- und Mausspiel ein Ende zu bereiten, brauchen wir das EINHEITLICHE Vorgehen aller Frankfurter Berufsschüler. Alle Anwesenden waren sich darüber einig, daß diese gemeinsame Vollversammlung ein Anfang war, dem weitere Aktionen folgen werden. Am Ende der Veranstaltung wurde eine gemeinsame Resolution verfaßt und einstimmig angenommen, die die Verschlechterung unserer Ausbildungsbedingungen verurteilte und sich mit einer geplanten Demonstration der Lehrergewerkschaft gegen Lehrermangel und Berufsverbot (BV, d.Vf.) für Demokraten und Sozialisten solidarisch erklärte. Eins steht fest: Weder Bereitschaftspolizei noch politische Polizei (die sich zum Beispiel beim Direktor der Holzmann Schule über den Schulsprecher erkundigte) wird es verhindern können, daß wir Berufsschüler uns fester zusammenschließen."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 11/12, Frankfurt/Groß-Gerau Feb./März 1972, S. 1f

27.02.1972:
Die RJ/ML des KAB/ML berichtet aus der Frankfurter IG BSE-Jugend:"
LEHRLINGE VERSCHAUKELT!

Heimlich, still und leise haben die Führer unserer Gewerkschaft Bau Steine Erden eine Erhöhung der Lehrlingsvergütung um 6, 4% ausgehandelt. Die Kapitalisten wollten uns noch weniger geben. Wir hätten aber mehr bekommen können, wenn uns die rechten Führer der BSE besser informiert hätten. Das stellten auch viele Lehrlinge am 27. Feb. auf der Bezirksdelegiertenkonferenz der BSE-Jugend fest. Sehr schlecht ist zusätzlich noch, daß die 6, 4% nicht linear sind, d.h., daß nicht alle gleich viel mehr bekommen. Im Gegenteil: 6, 4% von 200 DM sind halt weniger als 6, 4% von 400 DM. So werden die Differenzen hier immer größer. Überhaupt, die gestaffelte Lehrlingsbezahlung nützt nur den Bossen, weil sie uns spaltet."
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 11/12, Frankfurt/Groß-Gerau Feb./März 1972, S. 5

März 1972:
Im März geben die Ortsgruppen Frankfurt und Groß-Gerau der RJ/ML des KAB/ML die Nr. 11/12 ihrer Berufsschulzeitung 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (vgl. 18.1.1972, Apr. 1972) mit 8 Seiten DIN A 4 sowie, zumindest bei unserem Exemplar, einer zweiseitigen Beilage heraus. Verantwortlich zeichnet J. Möcks in Frankfurt.
Erstmals wird eine Auflagenhöhe (4 000) angegeben und auch der Verbreitungsbereich benannt, bei dem es sich um die Kreisberufsschule Groß-Gerau sowie in Frankfurt um die Berufsschulen Siemens, Gutenberg, Kleyer, Philipp Holzmann, Heinrich von Stephan und die Kaufmännische Berufsschule 4 handelt.
Im Leitartikel "Polizei gegen Berufsschüler" wird berichtet von der Siemens- und der Holzmann-Schule (vgl. 22.2.1972).
Eingegangen wird auch auf die Entlassung der nebenamtlichen Lehrer in Frankfurt (vgl. 10.1.1972).
Von der Philipp Holzmann Schule wird berichtet über Bundeswehr-Propaganda, von den Gebäudereinigern, der Fliesenlegeroberstufe, den Kunststoff-Lehrlingen und den Berufsfachschülern. Ebenfalls eingegangen wird auf die Bau-Lehrlingstarifrunde in Frankfurt (vgl. 27.2.1972) und die Streichung des Wandertages in Hessen (vgl. 31.1.1972). Von der Heinrich von Stephan Schule wird ein eigenes Flugblatt (vgl. 29.2.1972) nachgedruckt.

In "Die Funktion der SV" heißt es:"
Die SV wurde 1953 als SMV (Schülermitverwaltung) ins Leben gerufen. Sozusagen als Antwort auf eine damalige Bewegung unter den Schülern. Die SMV sollte den Schülern einen gewissen Bewegungsraum einräumen, der aber genau abgesteckt und dadurch jederzeit kontrollierbar war. Die SMV stand von Anfang an unter der Kontrolle des Kultusministers, der Schulleitung und des Vertrauenslehrers. Sie durfte die Pausenaufsicht führen und dem Schulhof das Papier aufheben. Im Laufe der Jahre, vor allem in den Jahren 66 - 69, erkämpften sich die Schüler einige zusätzliche Rechte. In Hessen sind das folgende: Das Recht, die SV-Sitzung während der Schulzeit abzuhalten. Das Recht der Berufsschüler, einmal im Monat ab 10 Uhr für die Tätigkeit in der SV von der Arbeit freigestellt zu werden. Das Recht auf eine Monatsstunde als Verfügungsstunde während des Unterrichts. Das Recht auf zwei Schülervollversammlungen im Jahr und die Möglichkeit, außerordentliche Vollversammlungen einzuberufen. Das Recht auf Verweigerung der Wahl des Verbindungslehrers.

Diese vorhandenen Rechte auszunützen und auszubauen ist die Pflicht jedes SV-Mitglieds, wenn es ein guter Interessenvertreter seiner Kollegen sein will. Diese vorhandenen Rechte sind an der überwiegenden Mehrheit der Frankfurter Berufsschulen nicht genutzt und dort oft unbekannt. Dort, wo sich die SV's darauf berufen, stoßen sie trotzdem noch auf Widerstand von Seiten der Schulleitungen. Den Schulleitungen stehen dabei mehrere Möglichkeiten zur Verfügung. Eine davon ist die, mit den Lehrern keine Stunden festzulegen, in denen die SV-Stunde abgehalten wird und so die SV-Mitglieder dazu zu zwingen, jeden einzelnen Lehrer zu kontrollieren.

Diese wenigen Rechte, die wir haben, sind aber geschickt mit einer Menge von Scheinrechten verflochten. Diese sind so abgefaßt, daß derjenige, der seine Rechte wahrnimmt, zwangsläufig auf die Zusammenarbeitspolitik hereinfällt. Selbst fortschrittliche SV-Mitglieder merken meistens erst nach längerer Zeit, was hier gespielt wird. Und dann müssen sie feststellen, daß es schwer ist, aus diesen Fesseln zu entkommen. Denn es gibt einen ZWANG zur Mitarbeit. Die Paragraphen 14 und 15 schreiben die Besetzung des 'Ausschusses für Zusammenarbeit' und des 'Vermittlungsausschusses' zwingend vor. Der Sinn dieser Ausschüsse wird erst klar, wenn man weiß, daß der Schulleiter oder der Kultusminister in Zweifelsfällen oder 'dringenden Fällen' das letzte Wort haben. Diese beiden Ausschüsse sind also nichts als Betrugsgremien, in denen sich die Schüler totdiskutieren sollen, während die Entscheidungen irgendwo anders fallen. Es ist deshalb wichtig, diese Gremien zu boykottieren - wie es schon viele Schulen machen - und darauf hinzuweisen, daß eine Zusammenarbeit nur FREIWILLIG sein kann. Einen weiteren Betrugseffekt stellt das 'Recht' der Schüler zur Teilnahme bei Konferenzen dar. Jede SV wird schon am eigenen Leib gespürt haben, was für ein Recht das ist: Die SV hat nämlich kein Stimmrecht und kann bei Zeugnis-, Versetzungs- und Personalangelegenheitenkonferenz ausgeschlossen werden. Über bestimmte Tagesordnungspunkte kann dann noch die Schweigepflicht verhängt werden. Fazit: Die SV gibt der Lehrerkonferenz ein demokratisches Mäntelchen und nützt den Schülern damit überhaupt nichts. Mit solchen Betrügereien geht es weiter in der SV-Satzung. Wir dürfen uns eine eigene Satzung geben - doch der Regierungspräsident muß sie genehmigen; wir dürfen Presseveröffentlichungen herausgeben - doch der Vermittlungsausschuß muß sie vorher kontrollieren. Weiterhin kann das Schwarze Brett zensiert, Veranstaltungen der SV verboten werden, der Schulleiter in die Schülerversammlungen eingreifen. Man sieht also: Die SV ist völlig abhängig und soll zur Mitarbeit gezwungen werden. Wir müssen deshalb für die Unabhängigkeit der SV kämpfen, die vorhandenen Rechte ausnutzen und ausbauen, aber die Betrugsgremien boykottieren!"

In der Beilage wird gefragt:"
WIE HEISS IST DAS 'HEISSE EISEN'?

Vor ca. 14 Tagen wurde an der Siemens-Schule eine 'Zeitung für die Werner von Siemens Schule' mit dem Namen 'Heißes Eisen' verteilt. Auf Seite 2 schreiben die Verfasser selbst von sich, daß sie 'verrückte Heinis' sind und die Zeitung zurechtgeschustert haben. Dann behaupten sie 25 Zeilen darunter: 'Das ist unsere Zeitung! Unsere Zeitung, die unsere Interessen vertritt an der Schule und auch, wo es sonst darauf ankommt.' Wir, die Redaktion der JUNGARBEITER UND LEHRLINGSPRESSE, haben die Sache untersucht. Warum? Weil seit nun über einem Jahr an der Siemensschule unsere Zeitung verteilen und darin immer wieder aufgefordert haben, bei uns mitzuarbeiten. Das haben einige Kollegen auch getan und deshalb konnten wir z.B. in unserer Nr. 8 (vgl. 25.10.1971, d.Vf.) aktuell über den Streik an der Siemensschule (vgl. 18.10.1971, d.Vf.) berichten. Die Herren, die nun das 'Heiße Eisen' herausgeben, haben sich aber nie blicken lassen. Und das hat auch seine Gründe. Diese Herren sind nämlich von der DKP und ihrer Jugendorganisation SDAJ. Das verschweigen sie aber wohlweislich in ihrer Zeitung. Und das hat auch seine Gründe. Sie sind sich nämlich im Klaren, daß sie dabei sind, die Arbeiterjugend zu spalten. Und da soll der Name DKP nicht so in den Vordergrund geschoben werden.

Wir erwarten gewiß nicht, daß die SDAJ vorbehaltlos bei der JUNGARBEITER UND LEHRLINGSPRESSE mitarbeitet. Aber wir erwarten, daß eine Gruppe, die behauptet kommunistisch zu sein, sich ideologisch mit anderen Gruppen auseinandersetzt. Die Herausgabe einer weiteren Lehrlingszeitung an der Siemens-Schule ist nur dann gerechtfertigt, wenn die Heißes-Eisen-Leute sich vorher mit uns auseinandergesetzt hätten und nun sagen würden: 'Denen ist nicht mehr zu helfen. Die JLP vertritt nicht die Interessen der Arbeiterjugend'. Aber bis jetzt ist die SDAJ jeder Diskussion mit uns ausgewichen. Das hat auch gute Gründe. Denn wie kam das Heiße Eisen zustande. Die SDAJ samt DKP hat einen einzigen halbwegs aktiven Mann an der Siemens-Schule und der geht bewußt jeder Diskussion aus dem Weg. Auch weiß die SDAJ, daß sie auf keinen grünen Zweig kommt. So hatte sie z.B. eine Woche lang einen Bänkelsänger vor die Siemensschule gestellt um für eine Veranstaltung zu werben. Der Erfolg? Zu der DKP-Veranstaltung kam außer den Genossen der Revolutionären Jugend ein Kollege und der wurde von uns aufgefordert sich die Diskussion anzuhören. Diese Diskussion kam jedoch nicht zustande, weil die DKP-Studenten uns mit Androhung von Schlägen aus dem Saal werfen ließen. Was blieb für die SDAJ zu tun? Einige Mitglieder vom Landesvorstand versuchten den einen SDAJler 'aufzubauen'. Er bringt die Informationen, sie schreiben die Zeitung. Ein paar Fakten mit etwas Revisionismus gemischt und fertig ist 'unsere' Lehrlingszeitung. Schnell noch ein popiges Blatt hintendran geheftet mit Werbung für die Ratifizierung der Ostverträge, und nun braucht man nur noch auf Lehrlinge zu warten. Denkste!
Aber nicht genug damit, daß die Art und Weise verlogen ist, wie die SDAJ versucht, sich das Vertrauen der Lehrlinge zu erschleichen. Sie verbreitet in ihrem angeblich Heißem Eisen kalten Kaffee und abgestandene revisionistische Illusionen! So versprechen sie uns, daß wir dann, wenn wir eine solide Grundausbildung hätten, 'nicht mehr so stark der Willkür der Unternehmer ausgesetzt wären', und 'unsere Zukunft gesichert' wäre. Kein Wort vom Stufenplan, kein Wort, daß schon bald 70% von uns ohne Facharbeiterbrief aus der Lehre ausscheiden, wie heute schon bei Krupp. Statt ihre Aufgabe darin zu sehen, die Lehrlinge auf DAS vorzubereiten was sie erwartet, statt gemeinsam mit den Lehrlingen die nächsten Schritte zu beraten, stattdessen hängt sich die SDAJ an Rockzipfel der Bewegung, läßt sich treiben, von der spontanen Bewegung mitreißen. Dabei weckt sie am laufenden Band schlimme Illusionen bei den Lehrlingen, und liefert diese so den Angriffen der Bourgeoisie aus. Die Lehrlinge sind ihr dabei so egal, daß sie diese auch bedenkenlos zu spalten versucht, indem sie ihr Blättchen herausgibt. Ein weiteres Beispiel für die ideologische Verkommenheit dieser Leute ist der durch und durch falsche SV-Artikel. Die SV wird hier hochstilisiert und als DIE Kraft hingestellt, die die Arbeiterjugend aus der schlechten Lage rettet. Doch gerade das ist die SV nicht! Die SV kann den Kampf von uns Lehrlingen nur unterstützen, niemals führen. Die Satzung der SV ist ein geschickter Betrug, auf den konsequenterweise die SDAJ hereingefallen ist (…). Statt uns zu sagen: 'Vorsicht, Kollegen, dieses und jenes sind die Rechte, die euch die SV-Satzung zugesteht und das sind die Fesseln, die ihr dafür bekommen sollt', empfiehlt sie die SV PAUSCHAL als gute Interessenvertretung. Zum Schluß wird das Blatt noch anmaßend und verschimpft die Schüler, die nicht mitarbeiten wollen, als 'Karl Ottos'. Im arroganten Ton wird da uns Lehrlingen vorgeworfen, wir würden nur sehr wenig denken. Das ist eine Unverschämtheit gegenüber all den Kollegen, die sich aus vielerlei Gründen noch nicht entschließen konnten in der SV mitzuarbeiten. Fassen wir zusammen:
1. Die SDAJ gibt ein Spalterblättchen heraus, ohne sich die Mühe zu machen, einer bereits vorhandenen Lehrlingszeitung nachzuweisen, daß sie eventuell ihre Berechtigung verloren hätte.
2. Die SDAJ ist zu feige ihren Namen zu nennen und versucht sich demagogisch in das Vertrauen der Lehrlinge einzuschleichen, indem sie Parteilosigkeit vorspielt und ihr Blatt 'unsere' Zeitung nennt.
3. Die SDAJ sieht sich zu dieser Politik gezwungen, weil sie endlich ihre schwache Ortsgruppe auch mal außerhalb der Gymnasien und Sozialarbeiterschule verankern will.
4. Die SDAJ 'baut' zu diesem Zweck ein neues Mitglied 'auf'. Der Lehrling, der jeder Diskussion aus dem Weg geht, bringt die Informationen, die Profis setzen diese dann um in illusionistische Theorie.
5. Die SDAJ ist nicht in der Lage, uns Lehrlingen eine Perspektive zu bieten. Deshalb hängt sie sich unserer Bewegung an den Rockzipfel um ihr nachzulaufen und bekannte Dinge zu wiederholen.

HEISSES EISEN GLEICH KALTER KAFFEE

Wir haben kein Interesse daran, weitere Spalten unserer Zeitung mit diesem Thema zu füllen, aber wir wollen das Problem lösen. Wir schlagen deshalb den Sprechern der Redaktion des 'Heißen Eisen' vor, zusammen mit den Sprechern der Redaktion unserer Zeitung eine öffentliche Diskussion zu veranstalten, an der alle Siemens-Schüler teilnehmen können, etwa im FLC. Die Tagesordnung legen wir gemeinsam fest. Die Sprecher müssen Lehrlinge sein.
Für die Einheit der Arbeiterklasse!"
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 11/12, Frankfurt/Groß-Gerau Feb./März 1972

April 1972:
Im April geben die Ortsgruppen Frankfurt und Groß-Gerau der RJ/ML des KAB/ML die Nr. 13 ihrer Berufsschulzeitung 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (vgl. März 1972, Mai 1972) in einer Auflage von 4 000 Stück heraus, die nun an der Kaufmännischen Berufsschule 5 statt 4 verteilt wird.

Aufgerufen wird zur 1. Mai-Demonstration in Frankfurt ab Opernplatz.

Berichtet wird von der Heinrich von Stephan Schule über die Fachschule und die Tankwirte. Eingeladen wird zum neuen Berufsschularbeitskreis.

Aus dem Kreis Groß-Gerau wird berichtet von der Berufsschule, der Kfz-Innung und den Kfz-Betrieben März und Nohl.
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 13, Frankfurt/Groß-Gerau Apr. 1972

Mai 1972:
Im Mai geben die Ortsgruppen Frankfurt und Groß-Gerau der RJ/ML des KAB/ML die Nr. 14 ihrer Berufsschulzeitung 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' (vgl. Apr. 1972) heraus.

Berichtet wird aus Bayern von der Verbandsberufsschule Rosenheim über die SV, die Gewerkschaftsjugend, die Bäcker, Köche, Kellner und Gaststättengehilfen (NGG-Bereich). Von der Kampftruppenschule 1 der Bundeswehr in Hammelburg wird berichtet über die Lehrwerkstatt für Kfz-Mechaniker.

Aus Frankfurt wird berichtet vom 1. Mai, von der Werner von Siemens Schule über die anonyme Zeitung 'Heiße Eisen', hinter der die SDAJ stecke. Von der SDAJ wird auch berichtet von der Holzmann-Schule.

Aus dem Kreis Groß-Gerau wird berichtet vom 1. Mai in Groß-Gerau und von der Kreisberufsschule aus der Klasse Kfz U 1.

Aufgerufen wird zur Theaterveranstaltung in Frankfurt am 10.5.1972.
Q: Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr. 14, Frankfurt/Groß-Gerau Mai 1972

Juli 1972:
Die Nr. 7 des 'Rebell' (vgl. Juni 1972, Aug. 1972) der RJ/ML des KAB/ML berichtet aus Frankfurt von der Herausgabe der 'Jungarbeiter und Lehrlingspresse' durch die Berufsschulgruppe.
Q: Rebell Nr. 7, Tübingen Juli 1972, S. 7

Rebell680


Letzte Änderung: 21.11.2017