Aktuelle Lehrlings Presse - Organ der Darmstädter Jungarbeiter- und Lehrlingsgruppen, Jg. 1, Nr. 4, Sept. 1970

31.08.1970:
In Darmstadt erscheint die 'Aktuelle Lehrlings Presse' (ALP) Nr. 4 (vgl. 30.11.1970) als Organ der Darmstädter Jungarbeiter- und Lehrlingsgruppen für September vermutlich bereits in dieser Woche. Für die 6 Seiten ist Klaus Krekeler verantwortlich. Der Leitartikel ist "Der Lehrermangel ist kein Zufall", in dem es heißt:"
An allen Berufsschulen herrscht seit Jahren ein anhaltender, akuter Lehrermangel. jetzt ist es hier in Darmstadt an der Erasmus-Kittler-Schule besonders drastisch geworden. 12% der Lehrerstellen sind nicht besetzt. Das heißt, für einen Teil der Unterstufe und für die gesamte Oberstufe gibt es nur noch alle 14 Tage Unterricht. Nur die Mittelstufe hat jede Woche Unterricht. Bei dem meist sowieso schon zu kurzem und schlechten Unterricht eine Verkürzung um die Hälfte, bedeutet, daß einmal für die Unterstufe eine Gefahr für die grundlegende theoretische Ausbildung und für die Oberstufe eine weitere Erschwerung zum Bestehen der Gesellenprüfung. Dies wird zwar von allen zuständigen Ämtern und Behörden bedauert und versprochen bald Abhilfe zu schaffen. Aber versprochen worden, ist in dieser Hinsicht schon viel, getan worden meist sehr wenig. Außerdem ist die EKS kein Einzelfall, wie es vom Regierungspräsidium, das dafür zuständig ist, hingestellt wird. Das ganze wäre dadurch passiert, daß einige Lehrer überraschend gekündigt hätten. Anscheinend gibt es sehr viele überraschende Kündigungen, denn an den anderen Berufsschulen in Darmstadt sieht es nicht viel anders aus: die Lehrerstellen sind zwischen 6% und 10% nicht besetzt. Noch viel schlimmer ist es an den Frankfurter Schulen, besonders den kaufmännischen. Dort schwankt es zwischen 17% und 36%, von den ländlichen Berufsschulen ganz zu schweigen. Es fragt sich nur, wo diese vielen Lehrer, die 'überaschend gekündigt' haben, alle geblieben sind; denn wären genug Lehrer da, würde sich das ganze ja ausgleichen. … In diesem Staat wurde seit jeher zu wenig für die Bildung getan, und gerade die unteren Bildungszweige, d.h. die Volksschule und Berufsschule, in denen meistens die Kinder der Werktätigen sind, die die meisten Steuern dafür zahlen, werden immer am wenigsten gefördert. Auch bei dem neuen Bildungshaushalt der SPD hat sich nichts daran geändert, die Berufsschulen bekamen wieder den kleinsten Brocken ab. … In der Praxis zeigt sich das folgendermaßen: ausgerechnet an der EKS wird der Aufbau der Fachoberschule trotz des bestehenden Lehrer- und Raummangels weiter vorangetrieben. Jedes Jahr wird die FOS um mehrere Klassen erweitert. Dafür müssen ziemlich viele Lehrer eingesetzt werden, die vorher an der Berufsschule unterrichtet, so daß hier noch weniger Lehrer sind. … Wir müssen uns dagegen wehren, daß wir nun auch in der Berufsschule schlechter ausgebildet werden. Wenn wir uns nicht darum kümmern, werden wir uns nach der Gesellenprüfung sehr wundern, wenn der Unternehmer uns mit einem Hungerlohn abspeist. Wir müssen zeigen, daß man mit Lehrlingen und Jungarbeitern nicht mehr machen kann, was man will."

In einem Leserbrief der Maschinenschlosserklasse Ma 05 der EKS will auch diese sich "mit aller Schärfe" gegen den Lehrermangel wenden.

In "Arbeiter, Jungarbeiter, Lehrlinge: eine Arbeiterklasse" wird der Stufenplan als Spaltungsinstrument angegriffen und für die Metalltarifrunde (MTR) eine einheitlicher Tarifvertrag für Arbeiter und Lehrlinge gefordert:"
Wir fordern: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Für Arbeit in der Produktion - Arbeiter- oder Gesellenlohn. Weg mit den Alterstarifen! Wir kämpfen gemeinsam mit unseren älteren Kollegen gegen Lohnraub, Teuerung, Mietwucher und Inflation, und schließen uns ihren Forderungen für die Tarifrunde der Metallindustrie voll und ganz an. Die Forderungen sind:
1. 1 Mark pro Stunde effektiv für alle Arbeiter.
2. Tariferhöhungen um mindestens 20%.
3. 180 DM pro Monat mehr Gehalt für alle Angestellten.
4. Einführung einer Gleitklausel, die bei mehr als 3%iger Preisteigerung Kündigung des Tarifvertrages ermöglicht.

Diese Forderungen orientieren sich an allen lohnräuberischen und arbeiterfeindlichen Maßnahmen der Kapitalisten und ihrer Regierung und natürlich auch an den Rekordprofiten der Metallbosse. Für diese Forderung müssen wir unermüdlich eintreten und konsequent kämpfen. Unsere letzte Forderung heißt deshalb: Streikrecht für Lehrlinge!

Jungarbeiter und Lehrlinge organisiert Euch in den Betriebs- und Berufsschulgruppen der RJ/ML Darmstadt."

Berichtet wird von der Firma NohT, wo 25 Lehrlinge zu spät zur Prüfung angemeldet wurden und nun ein halbes Jahr nachdienen müssen. Bei Bank- und Industriekaufleuten fiel fast die Hälfte bei der Abschlußprüfung durch. Ein Leserbrief von der Peter Behrens Schule berichtet von der Absage der Vertreter von IHK und Gewerkschaft zu einer Diskussion der SV über das Berufsbildungsgesetz (BBiG).
Kommentiert wird das Interview des Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks mit dem 'Spiegel', zu dem es heißt:"
Männer wie Wild sind nicht nur lächerlich, sie sind noch viel mehr gefährlich. Wir müssen uns gegen solche Leute, und die Organisationen denen sie angehören oder die sie repräsentieren, entschieden zur Wehr setzen. Wir müssen die Absichten und Beweggründe dieser Organisationen erkennen und sie bloß stellen. Wir müssen ihren arbeiterfeindlichen reaktionären Charakter total entlarven. Wir müssen erkennen, daß die IHK oder Handwerkskammer nur der verlängerte Arm der Unternehmer sind. Doch um uns wirkungsvoll zur Wehr setzen zu können und um unsere Interessen in Betrieb und Berufsschule wirkungsvoll vertreten zu können, um all die oben aufgezählten Dinge leisten zu können, müssen wir uns ORGANISIEREN."

Auf der letzten Seite erscheint eine "Erklärung der Redaktion":"
Die ALP ist das Organ der Darmstädter Lehrlings- und Berufsschulgruppen. Sie wird von Lehrlingen und Jungarbeitern gemacht und nicht wie oft behauptet von Studenten und vertritt konsequent die Interessen der Lehrlinge und Jungarbeiter. Die RJ(ML), an deren Flugblätter zum BBG Ihr Euch sicher noch erinnert, ist ebenfalls eine Organisation, die aus Lehrlingen und Jungarbeitern besteht und für deren Interessen eintritt. In Zukunft wird sich deshalb die Darmstädter Berufsschulgruppe und die Redaktion der Ortsgruppe der RJ (ML) anschließen, um einen gemeinsamen Kampf für die Interessen der werktätigen Jugend und der gesamten Arbeiterklasse zu führen."
Quellen: Aktuelle Lehrlings Presse Nr. 4, Darmstadt Sept. 1970; RJ/ML-Ortsgruppe Walldorf/Mörfelden: Bericht für die Zeit vom 22.8. bis 18.9.1970, Walldorf o.J. (1970)

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