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Groß-Gerau

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, Juni 2004

Materiallage

Aus Groß Gerau stand uns eine reichhaltige Sammlung der Schülerpublikationen am Prälat-Diehl-Gymnasium (PDG) sowie der Roten Zelle Groß Gerau (ROTZGG) zur Verfügung. Ergänzt wird dies um örtliches internes und öffentliches Material der RJ/ML aus Mörfelden-Walldorf und später Groß Gerau selbst sowie um persönliche Berichte von einem damaligen örtlichen Aktivisten am PDG.

Die Organisationen

Die Darstellung beginnt mit der Herausbildung des USSB Groß Gerau (vgl. Dez. 1967), aus dem u.a. die Rote Zelle Groß Gerau (ROTZEGG bzw. ROTZGG – vgl. 23.5.1970) hervorgeht. Aus deren ML-Flügel wiederum entsteht die örtliche KPD/ML-ZB, bzw. zunächst deren KJVD (vgl. 7.7.1970).

Aktiv ist auch ein Arbeitskreis Kriegsdienstverweigerung (AK KDV vgl. 12.6.1969, Sept. 1969, 1.10.1969) der auch aus Frankfurt beeinflusst wird. Von der SAG Groß Gerau konnten wir nur wenig in Erfahrung bringen (vgl. 20.9.1969), außer dass diese vermutlich ebenso wie die SMV am PDG aus Darmstadt beeinflusst wurde und vermutlich aus der Lehrlingsgruppe Groß Gerau hervorging (vgl. 22.11.1970). Nicht nur aus Darmstadt (vgl. Feb. 1972), sondern vermutlich vor allem auch aus Mörfelden-Walldorf kommt auch die RJ/ML des KAB/ML nach Groß Gerau, vermutlich zunächst an die Berufsschule (vgl. 24.10.1970, 14.11.1970, 22.11.1970), später ans PDG und auch in den Metallbetrieb Faulstroh (vgl. 16.2.1971, 29.3.1971). Die Sympathisanten der RJ/ML allerdings arbeiten in Darsmtadt und auch die RJ/ML wird von dort angeleietet (vgl. März 1972).

Die Politik der DKP wird lediglich indirekt dargestellt (vgl. 15.6.1970), wobie die Zusammenarbeit mit der SDAJ Mörfelden (vgl. März 1972) interessant ist, da diese normalerweisw von DKP und SDAJ verweigert wurde, es sei denn die örtliche Vertretung war nicht linientreu oder sog. ‚linksradikalen’ Gruppen waren wirklich dominant, zumindest im betrieblichen Bereich, wenn auch zumindest zunächst eher borniert bodenständig auf Mittelbetriebe ausgerichtet, statt bolschewischisch beeinflusst auf den bundesweit bedeutenden Betrieb Opel Rüsselsheim wie der Revolutionäre Kampf Frankfurt und der Lotta Continua (LC). Trotzdem kommt es zur Zusammenarbeit der RJ/ML mit einer Gruppe von italienischen Genosen (vgl. Feb. 1972, März 1972, 1.5.972).

Wichtige Ereignisse und Themen

Ab dem Mai 1969 erscheint am Prälat-Diehl-Gymnasium die Schülerzeitung 'Vesper', die im Rahmen unserer Datenbank ausführlich als exemplarisches Beispiel für eine Schülerzeitung der antiautoritären Phase, von denen weder uns noch dem APO-Archiv ansonsten gute Sammlungen vorliegen, nahezu im Volltext dokumentiert wird, auch wenn sie erst relativ spät in der antiautoritären Phase erscheint. Es kommt umgehend zu Repressionen (vgl. Juni 1969). Schon ab September 1969 erscheint die 'Vesper' dann auch an der Kreisberufsschule (KBS) Groß Gerau, später (vgl. 4.5.1970) befasst man sich auch mit der Angelusschule und der Schillerschule.

Besonders aktiv zeigt sich die 'Vesper' bzw. der um sie gruppierte Kreis neben Äußerungen zur Sexualität vor allem in der antiklerikalen Agitation sowohl am PDG (vgl. 25.6.1969) als auch in der Stadt Groß Gerau (vgl. 6.5.1970) und dem Landkreis (vgl. 23.5.1970), wobei nicht nur erstmals die ROTZEGG erwähnt wird, sondern auch Kontakte zur RJ/ML Walldorf/Mörfelden und SDAJ Mörfelden vertieft werden (vgl. 31.5.1970). Fraglich bleibt ob die eifrige antiklerikale Agitation aufgrund von persönlichen Mitgliedschaften in den Kirchen oder deren Diskussionsbereitschaft (vgl. 6.5.1970) bzw. einer Einschätzung eines dort zu findenden kritischen Potentials beruhte oder eher aufgrund des zu erwartenden Skandals bei den Aktionen erfolgte, während man sich an der eigenen Schule dem Religionsunterricht durchaus reformistisch widmet (vgl. 25.6.1969) und andererentags gegegn die NPD in Darmstadt demonstriert (vgl. 26.6.1969). Aus Darmstadt stammt nicht nur das Mitbestimmungsmodell der SMV (vgl. Sept. 1969), sondern auch auf dem Kreisjugendtag (vgl. 20.9.1969) tritt die SAG Darmstadt auf, was vermutlich zur Bildung des Arbeitskreis Betrieb Groß Gerau (vgl. Nov. 1969) und später zur SAG Groß Gerau führt.

Die inhaltliche Weiterbildung der örtlichen Aktivisten geschieht auf verschiedenen Seminaren (vgl. 1.10.1969, 17.10.1969), wobei die Integration des Marxismus-Seminar in die Volkshochschule vermutlich nicht nur mehr Aufmerksamkeit, sondern auch die Räume sichert.

Zur Spaltung der Redaktion der ‚Vesper’ (vgl. 4.5.1970) kommt es aufgrund der Frage der strikten Politisierung oder der eher strikt Schul- und schülerorientierten Berichterstattung („wen interessiert schon der Tod von H.J. Krahl?“). Nach dem Vertriebsverbot auf dem Schulgelände des PDG (vgl. 29.6.1970) erscheint seitens der Projektgruppe Schule der ROTZEGG ein ‚Info’ als vertiefende Publikation (vgl. Juli 1970, Dez. 1970), wobei dies nicht nur diesem Zweck sondern auch der beginnenden Spaltung der ROTZEGG (vgl. 7.7.1970) geschuldet zu sein scheint, aus deren Ml-Flügel der KJVD der KPD/ML-ZB entsteht (vgl. 12.8.1970). Die ROTZEGG dagegen scheint die SV am PDG übernommen zu haben und spaltet sich endgültig (vgl. Dez. 1970), u.a. in einen größeren Teil der statt zum KJVD zur RJ/ML des KAB/ML geht und deren OG Groß Gerau bildet (vgl. 29.3.1971) sowie am PDG in der SV vertreten zu sein scheint (vgl. 19.4.1971).

Die eher antiautoritär-subkulturellen Schüler am PDG dagegen veröffentlichen das ‚Fallbeil’ (vgl. Dez. 1971), wobei auch diese zumindest für die MLSG werben.

Am PDG ist in der Folge eine Schülerbasisgruppe (SBG – vgl. 18.5.1971) als vermutlich legal konzipierte sog. Massenorganisation der schulischen Revolutionäre tätig, der trotzdem die Zulassung verweigert wird (vgl. 24.5.1971).

Die Jusos der SPD, die DKP und ihre SDAJ wenden sich gemeinsam in einer der frühen Umweltschutzaktionen, die bundeweit zu dieser Zeit überwiegend allein von ihnen getragen werden gegen ein Petro-Chemiewerk der Shell (vgl. 15.6.1970), gegen das später auch in Worms protestiert wird (vgl. Worms - 27.9.1971, 25.10.1071).

Gegen den Vietnamkrieg protestiert der Arbeitskreis Anti-Imperialismus Groß Gerau (vgl. 22.2.1971). Auch eine örtliche Demonstration findet am 1.Mai 1971 (vermutlich) statt, wobei uns die Teilnehmerzahl bisher unbekannt blieb.

Zur RJ/ML des KAB/ML gesellt sich später (vgl. Okt. 1971) auch dessen MLSG am Prälat Diehl Gymnasium (vgl. Okt. 1971), die sich auch nach Gernsheim ausdehnt (vgl. Apr. 1972). Besonders interessant ist die Erstellung von örtlichen Broschüren für den Verkauf eines jeden Zentralorganes der RJ/ML (vgl. März 1972).


Der Schüler-Kurier - Zeitung der MLSG fü die Prälat-Diehl-Schule, 2. Jg., Nr.1 (Titelseite)
Der Schüler-Kurier - Zeitung der MLSG fü die Prälat-Diehl-Schule

Den damals vermutlich maximalen, durchaus beachtlichen, Mobilisierungsrahmen der örtlichen KAB/ML-Vertretung nebst halbwegs befreundeter örtlicher Revolutionäre, gibt der Auftritt von deren Theatergruppe an (vgl. 30.6.1972).

Die Darstellung eneddet mit der Beschreibung der örtlichen Ortsgruppe des RJ/ML des KABD (vgl. Nov. 1972) sowie deren Aktivitäten zum 1. Mai 1973.


Auszug aus der Datenbank „Materialien zur Analyse von Opposition“ (MAO)

Dezember 1967: 
Ca. Ende 67/Anfang 1968 entwickelt sich in Groß Gerau ein Unabhängiger
Sozialistischer Schülerbund. Der USSB war mehr ein indifferentes Sammelsurium
links-politisierter Schüler, Produkt der Ausstrahlung der Studentenbewegung.
Mehrere Stränge kennzeichneten den USSB:
a) unpolitischer Subkulturflügel,
b) Juso-Flügel (Jungsozialisten der SPD),
c) eine die Mehrheit repräsentierende 'linke' bis 'revolutionäre' Richtung.
Für Groß Gerau war für die Jahre nach 1968 die 'linke' bis 'revolutionäre'
Richtung, aus der sich nach dem Zerfall des USSB zunächst die Rote Zelle Groß
Gerau (Rotzegg) und ihre Massenorganisation Unabhängige Schülergruppe (USG)
entwickelte, politisch relevant. Mit dieser Entwicklung ging ein
Politisierungsprozeß einher, der sich schwankend in der Schülerzeitung
'Vesper' niederschlug.
=Eigener Bericht,o.O. 1986

Mai 1969: 
In Groß Gerau erscheint erstmals die Schülerzeitung 'Vesper' am Prälat-
Diehl Gymnasium (vgl. 26.5.1969), die uns bisher nicht zugänglich war.
Enthalten ist ein Vietnam-Artikel, gefordert wird das Recht auf Nicht-
Teilnahme am Religionsunterricht.
Die 'Vesper' entwickelt sich bald zu einer Schulzeitung für Gymnasium und
Berufsschule.
=Vesper Nr.2,Groß Gerau Mai 1969

26.05.1969: 
In Groß Gerau erscheint frühestens heute die zweite Maiausgabe der
Schülerzeitung 'Vesper' am Prälat-Diehl Gymnasium (vgl. 26.5.1969, Juni
1969).
Das Titelbild wird geziert von einem Büchnerzitat (u.a. 'aber wer die
Wahrheit sagt wird gehenkt') und einer Comicbildfolge, in der dem Zitat
Zustimmende von einem Polizisten gehenkt werden.
Herausgeber ist die SMV, das Redaktionskollektiv besteht u.a. aus R.
Merz, G. Schulmeyer, K.-J. Rücker, D. Treber, N. Schwappacher, R. Himmel
und B. Heyl.
In einem weiteren Comic, der "Aktion Lust ohne Reue - Jüngste Weisung des
Vorsitzenden Paul", fragt ein Sektenvorsitzender (Papst) "Have you had
your pill today?"

In "Mißbrauch ministerieller Erlasse?" geht es um diesen widersprechende
Erteilung von Hausaufgaben über das Wochenende und die Anwendung von
'Erlassen', bei denen es sich erst um Entwürfe handele, gegen
Schülerzeitungen.
Die Fragebogenaktion der SMV in der Oberstufe ist abgeschlossen. Angegeben
wird Sekundärliteratur zum Vietnam-Artikel in der Nr.1.
Neben weiteren ketzerischen Comics, Witzen und Lehrersatiren wird auch
gefragt "Wer war Gustav Landauer?" und von Volker von Törne erscheint
"Ein neues Löbtau-Lied" über Fritz Teufel.
Ein Leserbrief von Pfarrer K.H. Geil wendet sich gegen einen Artikel der
Nr.1, in dem ein "Buhmann  Kirche" aufgebaut werde, den es gar nicht gäbe.
=Vesper Nr.2,Groß Gerau Mai 1969

31.05.1969: 
In Frankfurt findet, laut 'Vesper' Groß Gerau, der Kirchenreformtag der
Jungen Protestantischen Gemeinde statt:"
Nach abstrakter und miserabel geführter Podiumsdiskussion wurde dem
Plenum freundlicherweise erlaubt, einige Fragen zu stellen. Manche Fragen
glichen sich dem niedrigen Niveau der Veranstaltung an. Hier ein
Beispiel: 'Ist es nicht so, daß der Auftrag der Kirche aus dem
Transzendenten kommt und er gegen weltliche Einflüsse verteidigt werden
muß? Ich persönlich habe es in der Zeit von 1933-45 getan, als ich mich
gegenüber den Nazis stets auf mein Ordinationsgelübde berufen habe.' Doch
gab es Gott sei Dank auch Fragen, die etwas anspruchsvoller waren:
'Früher gab es überall kleine Läden, in denen die Heringe neben den
Zigaretten lagen. Die Besitzer hießen Gemischtwarenhändler. Sieht man
sich nun das Amt eines Pfarrers an, der sich um die Bibelstunden, um die
Konfirmanden, um die Frauenhilfe, um den Posaunenchor, um die
sonntägliche Predigt und um den neuesten Stand der Theologie kümmern muß,
so drängt sich unweigerlich die Frage auf, ist der Pfarrer ein
Gemischtwarenhändler.' - Diese Frage wurde nicht beantwortet. 'Soll die
Kirche nicht der Vertreter der Geschlagenen, der Ausgebeuteten und
Getretenen sein?' - Diese Frage wurde nicht beantwortet. 'Ist es nicht
besser, um Theologie zu betreiben, ein Buch von Bloch zu lesen, anstatt
zwei Semester Theologie zu studieren?' - Diese Frage wurde nicht
beantwortet."
=Vesper Nr.3,Groß Gerau Juli 1969,S.11

Juni 1969: 
In Groß Gerau erscheinen vermutlich diesen Monat am Prälat Diehl Gymnasium
(PDG) eine zweiseitige Sonderausgabe der 'Vesper' (vgl. 26.5.1969, 1.7.1969)
und zuvor ein Flugblatt ihres Redaktionskollektivs:"
DIESES BLATT SOLL DEM HESSISCHEN LANDE DIE WAHRHEIT MELDEN, ABER WER DIE
WAHRHEIT SAGT WIRD GEHENKT;

Diesen Ausspruch Georg Büchners konnte man auf der Titelseite der zweiten
Ausgabe der Vesper lesen; jetzt wurde die Vesper 'gehenkt'. Die Redaktion
sieht sich außerstande dem immer stärkeren Druck der Schulbürokraten und
reaktionären Elternvertreter standzuhalten. Die Anzeigen, die gegen die
Vesper gestellt wurden, konnte man noch verkraften, untragbar ist aber,
wenn Herr Dr. Klingler die Eltern von Redakteuren zu sich bestellt und
ihnen von den 'Schandtaten' ihrer Kinder berichtet. Im
Schülerzeitungserlaß (vgl. 13.8.1964,d.Vf.) heißt es, daß den
Schülerzeitungen volle Pressefreiheit zu gewährleisten ist; Herr Klingler
denkt aber nicht daran, Kritik zu dulden.
Bisher konnte man die Vesper noch ertragen, aber als sie daran ging
schulische Mißstände aufzuzeigen wurde sie untragbar. Man wies ihr einen
Verstoß gegen das Pressegesetz nach und erklärte einfach, sie sei keine
Schülerzeitung! Eine sehr einfache Methode unliebsame Kritiker mundtot zu
machen.

An diesem Beispiel sehen wir deutlich, welche Aufgabe die Schule in der
BRD hat. Ihr offizielles Ziel, nämlich mündige Menschen, verdeckt nur den
wahren Charakter der Schule. In der Schule herrscht nicht
Meinungsfreiheit, geduldet werden nur die Kräfte, die das bestehende
System anerkennen. ...

Diese Vorgänge am PDG passen genau in die Hetze des aus CDU/CSU, NLA, NPD
und anderen reaktionären Kräften bestehenden Rechtskartells, gegen alle
Demokraten und fortschrittlichen Kräfte.

An der Spitze dieses Rechtsblocks steht an unserer Schule der Vorsitzende
des Elternbeirats Dr. Klotz, zweiter Direktor der Wick, und Dr. Klingler,
der sich um den Posten des Konrektors bewirbt. Diese Leute haben
gesellschaftliche veränderungen zu fürchten, sie stemmen sich mit allen
Mitteln gegen diese Veränderungen und dagegen, daß die Schüler ihre
Interessen selbst vertreten. Deshalb mußten sie die Vesper entweder ganz
ausschalten oder zähmen, und dies war ihnen trotz der 'fortschrittlichen'
hessischen Schulgesetze möglich!

SOLCHE ÜBERGRIFFE AUF UNSERE DEMOKRATISCHEN RECHTE DÜRFEN WIR UNS NICHT
LÄNGER GEFALLEN LASSEN, WIR MÜSSEN ORGANISIERT DEN KAMPF GEGEN DIE
REAKTIONÄRE AUFNEHMEN!!"
Verantwortlich zeichnet G. Dotzauer in Groß Gerau.

In der zweiseitigen Sonderausgabe befaßt man sich mit einem Artikel von
Rainer Neuderth im 'Fenster', einer weiteren Schülerzeitung, vermutlich
an der Berufsschule, der die Nr.2 der Vesper u.a. dahingehend
kritisierte, daß sie Protest um des Protestes willen übe.
Die 'Vesper'-Redaktion erklärt sich zunächst zur Diskussion bereit und
führt u.a. aus:"
Einige Berufsschullehrer haben festgestellt, daß das Niveau der Vesper zu
hoch sei! Auf viele Schüler, vor allem Berufsschüler trifft zu, daß sie
unfähig sind, die zu lösenden Probleme überhaupt zu erkennen. Das ist in
keiner Weise die Schuld der Schüler! Von der Schule (miserabler
Sozialkundeunterricht) nicht vorbereitet, gehen sie ins öffentliche
Leben; werden mit 'BILD, den vielen Illustrierten und Zeitschriften wie
dem 'Fenster' konfrontiert. Wie sollten sie sich gegen diese Manipulation
der Hinterwelt (...) wehren?"
=Vesper Sdr.ausgabe,Groß Gerau o.J. (1969);
Vesper-Redaktionskollektiv:Dieses Blatt soll dem hessischen Lande die
Wahrheit melden, aber wer die Wahrheit sagt wird gehenkt,Groß Gerau o.J.
(1969)

12.06.1969: 
In Groß Gerau findet, nach eigenen Angaben, eine Diskussion des
Arbeitskreises Kriegsdienstverweigerung (AK KDV) (vgl. Sept. 1969) über
die Frage "Die Bedrohung der Bundesrepublik durch den Ostblock?" statt:"
Ausgangspunkt für die Diskussion bildet ein Referat über 'die Theorie der
friedlichen Koexistenz', das von einer Frankfurter Genossin vorgetragen
wurde.
Sie ging zunächst darauf ein, daß diese Theorie seit 1956 von der UdSSR
proklamiert wird und in deutlichem Widerspruch zur Theorie der
aggressiven Sowjetunion steht. Diese Theorie geht auf Lenin zurück, der
während der russischen Revolution die Ansicht vertrat, daß die Revolution
auch in Deutschland ausbrechen würde. Als diese Revolution ausblieb,
erklärte er den Aufbau des Sozialismus in einem Land für möglich.
Vorrangig war nun für Lenin die Fortführung der eigenen Revolution,
Voraussetzung dafür war seine Theorie, daß ein Krieg mit den
kapitalistischen Ländern unter bestimmten Umständen zu vermeiden sei.
Die Fortführung dieser Theorie kommt unter Stalin deutlich zum Ausdruck,
der während des Zweiten Weltkrieges bedenkenlos mit den imperialistischen
Regierungen (USA, England, Frankreich) zusammenarbeitete."
Vor den Sommerferien finde keine Diskussion des AK KDV mehr statt,
sondern "lediglich noch eine Organisationsdebatte im internen Rahmen".
=Vesper Nr.3,Groß Gerau Juli 1969

25.06.1969: 
In Groß Gerau findet am Prälat Diehl Gymnasium eine Diskussion der 'Vesper'
mit den Religionslehrern über die Umgestaltung des Religionsunterrichtes
statt, von der die 'Vesper' so berichtet:"
Anwesend waren: evangelische Religionslehrer und Geistliche (Leider war
kein Katholik erschienen), die SMV und das Vesper-Redaktionskollektiv.
Einigkeit herrschte weitgehendst, daß der Religionsunterricht
herkömmlicher Art bei der Mehrheit der Schüler auf kein Interesse stößt.
Herr Berges meinte, die Religionslehrer wollten keine Informationen in
'ein Faß ohne Boden' füllen. Als Lösung bot Dr. Klingler an, abzuwarten
und sich 'gesund zu schrumpfen'. Vesper bot als Alternative an, den
Religionsunterricht in Form von Kursen zu organisieren, katholischen und
evangelischen Schülern gemeinsam ein vorher diskutiertes Fächerangebot
vorzulegen."
=Vesper Nr.3,Groß Gerau Juli 1969

26.06.1969: 
In Darmstadt findet eine Demonstration gegen eine Veranstaltung der NPD mit
Adolf von Thadden statt.
Die 'Vesper' aus Groß Gerau berichtet:"
4 000 waren erschienen. Schon Stunden vor dem Beginn der Versammlung
hatten sich die zu 75% aus Jugendlichen bestehenden Demonstranten dicht
um den Haupteingang des Liebig-Hauses aufgestellt. 4 Hundertschaften
Polizei aus Frankfurt und Wiesbaden hatten schon zuvor eine Kette um den
gesamten Komplex gebildet. 20 Pferde standen im Innenhof des Schlosses
für den 'äußersten Notfall' bereit. Die Demonstranten bildeten Ketten vor
dem Haupteingang, um dem Publikum den Zutritt zu versperren, hinter
diesen wiederum stand die Polizeikette, die die Aufgabe hatte, die
Versammlung der NPD zu schützen. Rufe wie 'Deutsche Polizisten - schützen
die Faschisten!' und 'Macht aus Polizisten - gute Sozialisten!' klangen auf.
Am Anfang war es zu Ausschreitungen gekommen, als einige Demonstranten
Farbeier warfen, und die Polizei mit ihren 'schlagenden Argumenten'
antwortete. Durch Megaphone wurde immer wieder dazu aufgerufen, jeden
Neofaschismus mit allen Mitteln zu verhindern. Viele Leute, denen der
Zutritt zu ihrer NPD verwehrt blieb, versuchten es mit Gewalt, aber die
dichten Ketten hielten dem Ansturm stand. So gab es nur verschmutzte
Anzüge und wütende Beschimpfungen. Einigen wenigen gelang es aber doch,
durch einen Nebeneingang und mit Polizeihilfe durch die Sperrkette der
Demonstranten ins Innere des Hauses zu gelangen. Um 20 Uhr, dem
Zeitpunkt, an dem die Veranstaltung beginnen sollte, waren ganze 28 Leute
in dem 300 Personen fassenden Liebig-Haus, in dem sich zur
'Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung' 20 uniformierte Polizisten
aufhielten. Gegen 20 Min. nach 20 Uhr, vor nunmehr 70 Zuhörern, begann
Adolf von Thadden, der vorher heimlich durch den Keller eingelotst worden
war, mit seinen Ausführungen. Vorher hatte 'Adolf 2' dem Aufruf,
herauszukommen und offen über sein Parteiprogramm zu diskutieren, nicht
Folge geleistet. Seine Schlägertrupps waren diesmal, wohl dank der großen
Menge der Anti-Faschisten, nicht zu sehen. Am Ende der zweistündigen Rede
kamen die wenigen Zuhörer durch das Spalier der 'Sieg Heil' rufenden
Genossen ins Freie, und Adolf verließ erst Stunden später, wieder durch
den Keller, seine belagerte Festung, allerdings diesmal unter dem Hagel
von Farbeiern, faulen Eiern und Stinkbomben.
Im Großen und Ganzen kann man unsere Aktion als völlig gelungen
bezeichnen. Es wäre zu hoffen, daß die nächsten Aktionen gegen die
Neo-Faschisten ebenso erfolgreich verlaufen."
=Vesper Nr.3,Groß Gerau Juli 1969,S.15

01.07.1969: 
In Groß Gerau erscheint am Prälat Diehl Gymnasium (PDG) die Nr.3 der
'Vesper' (vgl. Juni 1969, Sept. 1969) in einem Umfang von 16 Seiten, von
denen uns leider bisher die S.13 fehlt. Das Titelbild wendet sich gegen
Vorbeugehaft und Notstandsgesetze. Die Auflage beträgt ca. 150 Stück.
Man befaßt sich mit sexueller (Nicht-)Aufklärung und läßt den Arbeitskreis
Kriegsdienstverweigerung (KDV) zu Wort kommen (vgl. 12.6.1969), berichtet von
der eigenen Diskussion mit den Religionslehrern (vgl. 25.6.1969), vom Thadden
(NPD) Besuch in Darmstadt (vgl. 26.6.1969) und kündigt für Mitte Juli eine
NPD-Versammlung in Mörfelden an.

In "Kirche - progressiv?" wird die Diskussion mit Pfarrer Geil fortgeführt,
indem diesem konkrete Beispiele für die begründete Ablehnung der Kirche aus
Frankfurt (vgl. 31.5.1969) und Rüsselsheim (vgl. 1.6.1969) bekanntgemacht
werden. An diesen Beispiele zeige sich:"
Die Kirche versucht 'modern' zu sein, um verlorene Aktualität
zurückzugewinnen. Sie proklamiert 'Demokratie' oder sogar 'Revolution'. Wenn
aber tatsächlich versucht wird, etwas zu kritisieren oder zu ändern, treten
die autoritären, hierarchischen und faschistoiden Strukturen der Kirche
deutlich zutage.
Einerseits würgt man wirklich kritische Fragen ab und versucht sie in der
Diskussion zu umgehen, andererseits holt man die Polizei und glaubt dadurch
das Problem zu lösen. Auch diese Veranstaltungen zeigen, daß man in der
Kirche nicht ernsthaft bemüht ist, sich mit der Jugend auseinanderzusetzen,
die Probleme werden nur oberflächlich behandelt, aber es wird nicht versucht
wirklich etwas zu ändern. Die reaktionären und autoritären Kräfte der Kirche
behalten nach wie vor die Oberhand, und solange sich dies nicht ändert, ist
es vielleicht besser aus der Kirche auszutreten, als weiterhin im alten Trott
mitzumachen und ein veraltetes System durch Reformen zu stützen."

Über die Abiturfeier heißt es:"
Schon von der formalen Seite her, machte die Abiturabschlußfeier einen
denkbar antiquierten Eindruck; sogar die ehemaligen 'USSB-Revolutionäre'
saßen in Anzug und Krawatte, durchaus bürgerlich, unter den übrigen
Abiturienten und warteten darauf, vom 'verhaßten Establishment' die
Bestätigung ihrer Reife entgegenzunehmen.
Einzig Christa Sickert raffte sich auf, die Schule einer letzten Kritik zu
würdigen. Sie bemühte sich dabei allerdings peinlichst, allgemein zu bleiben
und ihre 'Kritik' in einem, wie in der Heimatzeitung zu lesen war,
versöhnlichen Ton abzufassen. Ganz bewußt bot sie keine
Alternativmöglichkeiten an, so daß sich jeder zu ihrer Forderung nach einer
'gewissen Mitbestimmung' seinen Teil denken konnte."
Man selbst fordert u.a. die Bekanntgabe der Abiturnoten.

In "Gerücht" heißt es:"
Nach Angaben aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen soll demnächst 'quem
iuccet' Nr.2 erscheinen. Wir rufen alle Schüler auf, sich mit der nur noch
dreiköpfigen Redaktion zu solidarisieren. KAUFT 'quem iuccet'. Wenn sie
überhaupt noch erscheint."
=Vesper Nr.3,Groß Gerau Juli 1969

16.07.1969: 
Heute beginnt in Stuttgart der dreitägige Evangelische Kirchentag (KT)
1969.
Die 'Vesper' Groß Gerau berichtet:"
Wer sich von diesem Kirchentag fromme Sprüche und Gottes Segen für
unseren Staat erwartete, wurde enttäuscht. Der KT wurde so weit wie
möglich umfunktioniert. Die KT-Leitung glaubte wahrscheinlich mit Halle
10 für die kritische Jugend genug getan zu haben, aber diese Halle bot
selbst Anlaß zu harter Kritik. Offiziell als Jugendcafe benannt, sollte
sie (?) den Protest der jungen Generation abfangen. Die miserable Akustik
und die Tatsache, daß in der Halle eine Discothek untergebracht war, die
durch ständige Lärmberieselungen Diskussionen fast verhindert hätte (sie
mußte jedoch später aufgrund eines Mehrheitsbeschlusses abgestellt
werden), lassen diesen Schluß zu. Doch: die Rechnung ging nicht auf.
Halle 10 wurde Ausgangspunkt der verschiedenen Aktionen und
Koordinationszentrum der verschiedenen Gruppen und insbesondere der
Studentengemeinden. Erfreulich war, daß einige äußerst progressive
Resolutionen (...) von der Mehrheit des Plenums der entsprechenden
Arbeitsgruppen angenommen wurden. Höhepunkt dieses KT war zweifellos der
Marsch zum Stuttgarter Landtag.
'Die AG Demokratie wollte demonstrieren. Der Diskussionsleiter wollte
nicht. Erst nach einer zweiten Abstimmung stimmte das Präsidium dem
Beschluß der Mehrheit zu und löste die Veranstaltung offiziell auf. Doch
geschlagen gab sich der Überstimmte nicht. Er forderte die Teilnehmer
nicht auf, im Sinne des Demonstrationsbeschlusses an dem Protestmarsch
teilzunehmen. Er verwies auf die Mittagspause und wünschte "Guten
Appetit" Was gab es doch: Kotzfleisch'. (entnommen aus PROTEST -
kritische KT Zeitung).
Trotz der massiven Gegenrede zogen etwa 800 KT Besucher zum Landtag. Die
KT leitung und die öffentliche Presse versuchte diesen Marsch mit allen
Mitteln in ein negatives Licht zu rücken. Man sprach von einem
'Kinderkreuzzug' usw.. Die KT Leitung erklärte auch, daß die Resolutionen
keinerlei Bedeutung hätten und rechnete es sich noch als Verdienst an,
daß sie die Resolutionen den jeweiligen Adressaten zuschicken werden. Wie
Wichtig! Kaum eine der etwa dreißig Resolutionen wurde in vollem Wortlaut
der gesamten deutschen Öffentlichkeit zugänglich gemacht, und natürlich
wurde auf der Schlußveranstaltung schön gesungen und gesabbert, aber die
gesamten Resolutionen wurden nicht vorgelesen. Waren sie vielleicht zu
links?
Das Aufbegehren der Christen wurde eingedämmt. Die Wogen wieder
geglättet; die drei Tage der Unruhe sind wieder vergessen. Wie lange noch
wird die Kirchenhierarchie in der Lage sein die Christen mundtot zu
machen?"
=Vesper Nr.4,Groß Gerau Sept. 1969,S.10

18.07.1969: 
Über die heutige Wahlkampfrede von Franz Josef Strauß (CSU) über die
Vorfälle in Bamberg bzw. Ebrach berichtet die 'Vesper' aus Groß Gerau so:"
Das liebste Wahlkampfthema des Herren Strauß ist der 'Apo-Auftritt' in
Bamberg. Der Genosse Wetter wurde wegen Landfriedensbruchs verurteilt.
Während der Tatzeit war er zwanzig Jahre alt. Als die Gerichtsverhandlung
stattfand, war er bereits 21. Trotzdem wurde er nicht nach dem Erwachsenen-
sondern noch nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Damit wurde ihm die
Möglichkeit genommen in die Berufung zu gehen. Dies nahmen 40 Genossen zum
Anlaß nach Bamberg zu reisen, um dort eine Seminarwoche durchzuführen. Ein
junger Bauer hatte sich bereit erklärt ihnen seine Wiese als Zeltplatz zur
Verfügung zu stellen. Durch eine Schikane des Landrates wurde der Bauer
jedoch gezwungen sein Versprechen zurückzuziehen. Darauf erschienen 39
Genossen im Sprechzimmer des Landrates, wo ihnen jedoch eine Unterredung mit
dem Landrat versagt wurde. Nun verschaffte man sich Zutritt zum Amtszimmer.
Eine Mappe mit Briefen wurde aus dem Fenster geworfen, ein Kruzifix von der
Wand entfernt und Kerzen angezündet. Alle 39 wurden wegen Haus- und
Landfriedensbruch festgenommen. Der einzige Schaden (150 DM) entstand, als
die Inhaftierten im Gefängnis randalierten.

Aber:

Die Bamberger Bürger wollten Selbstjustiz üben, und nicht immer konnte die
Polizei den faschistoiden Methoden dieser Bürger Einhalt gebieten. Selbst für
die Polizei war der Schaden so gering, daß die Inhaftierten bereits nach
einem Tag wieder freigelassen wurden.

Ergebnis:

Zehn Genossen wurden von Bürgern krankenhausreif geschlagen, fünf weitere
Personen wurden zusammengeprügelt (darunter 3 14jährige Schüler), im
Postershop 'Smash' wurde die gesamte Einrichtung demoliert. Die Polizei war
nicht in der Lage (?) ein im achten Monat schwangeres Mädchen, das nur gerade
noch vor den Bürgern fliehen konnte, zu schützen.

Ein französischer Lehrer mit Bart wurde mit einem Hammer niedergeschlagen,
und so schwer verletzt, daß er mit Nierenblutungen ins Krankenhaus gebracht
werden mußte. Ein Pfleger empfing ihn mit den Worten: 'Besser wär's, man
hätte Dich Sau totgeschlagen'.

Fazit:

Eine verlorene Schlacht für die Demokratie. Kreisrat Nestvogel meint: sollte
sich so etwas wiederholen, so 'müsse man der Bevölkerung eine Stunde frei
Hand lassen'. Denn so Kreisrat Vollhammer: 'Demokratische Mittel helfen hier
nicht weiter'."
=Vesper Nr.4,Groß Gerau Sept. 1969,S.15

September 1969: 
In Groß Gerau erscheint die Nr.4 der Schülerzeitung 'Vesper' (vgl.
1.7.1969, Nov. 1969) in einem Umfang von 16 Seiten. Auf dem Titelbild sitzt
Orge aus Bertolt Brechts "Baal" auf der Toilette und ißt. Die Auflage wird
mit 500 Ex. angegeben. Als Mitglieder des Redaktionskollektives werden
benannt vom Prälat Diehl Gymnasium (PDG):
H. Merz, G. Schulmeyer, K.J. Rücker, D. Treber, N. Schwappacher, R. Himmel,
B. Heyl, W. Rühl, U. Pietz und A. Reichstein;
und von der Kreisberufsschule Groß Gerau u.a.: B. Melchior, W. Gimbel, K.
Gimbel, B. Benz, G. Schaub, J. Goetz und H. Ruchelshaußen.

Man befaßt sich mit dem Hunger in der Dritten Welt, dem Lied des NPD-
Ordnungsdienst Hessen und der al-Fatah in Palästina, deren Bezeichnung als
'verbecherisch' hinterfragt und dadurch abgelehnt wird.
Der AK KDV (vgl. 12.6.1969, 1.10.1969) kündigt regelmäßige Beratungen im
Anne-Frank-Heim an.
Weitere Ankündigungen, nebst einem Artikel, kommen von der späteren
Sozialistischen Arbeitergruppe (SAG) Groß Gerau (vgl. 20.9.1969) und dem
Marxismus-Seminar (vgl. 17.10.1969).
Berichtet wird vom Kirchentag in Stuttgart (vgl. 16.7.1969) und dem Auftritt
von Franz Josef Strauß in Bamberg (vgl. 18.7.1969).
"Ho Chi Minh - Ein Leben für das Volk" befaßt sich mit dessen Biographie.

In "Bundestagswahl - Wahl ohne echte Alternative" heißt es neben
Schilderungen über die NPD in Frankfurt (vgl. 25.7.1969) u.a.:"
Natürlich läßt sich nicht bestreiten, daß es einige 'Unterschiede' zwischen
NPD und CDU/CSU gibt, aber gerade darin liegt auch die Gefährlichkeit der
CDU/CSU: im Gegensatz zur NPD verstehen es die Christdemokraten, die Wähler
über ihre wahren Ziele und Absichten im Unklaren zu lassen und ihren
teilweise schon faschistischen Charakter zu verschleiern. ...
Die verhängnisvolle Rolle der SPD während der Weimarer Republik ist
hinreichend bekannt, aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg erhebt diese Partei
keinen revolutionären Anspruch, sondern sie paßt sich nach einigem Hin und
Her den gegebenen REALITÄTEN an, um noch hier und da einmal als
'reformerische Kraft' in Erscheinung zu treten, die aber faktisch nichts oder
nur sehr wenig bewirken konnte. ... Auch die SPD stellt keine echte
Alternative dar, sie kann n u r  das kleinere Übel sein. ...
Aber auch die FDP bietet berechtigten Anlaß zur Kritik, denn das 'linke'
Image der FDP täuscht nicht darüber hinweg, daß hier nur versucht wird, sich
der linken Bewegung z.T. anzuschließen, um damit Jungwähler und auch
Unzufriedene zu 'fangen'.
Die Tatsache, daß die FDP die Mitbestimmung ablehnt, zeigt, daß sie nach wie
vor die Partei der Unternehmer, Wirtschaftsbosse und Kapitalisten ist; auch
die Schwierigkeiten der FDP mit ihrem Studentenverband (LSD) werfen ein
bezeichnendes Licht auf diese Partei.
Bleibt die ADF, ein Bündnis von DKP und DFU, sowie anderen linken
Gruppierungen: über diese Partei läßt sich bis jetzt recht wenig sagen, es
gibt gewiß einige Ansätze, die deutlich zeigen, daß es der ADF um eine
Veränderung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse geht.
Andererseits aber läßt sich eine gewisse Anlehnung an Moskau und Ostberlin
(SU bzw. DDR,d.Vf.) nicht leugnen, was in der Billigung des Sowjet-
Einmarsches in der CSSR zum Ausdruck kommt. Man kann vielleicht mit Professor
Abendroth sagen: 'Jede Stimme für die ADF würde mindestens helfen, einen
Druck auf die SPD dahin auszuüben, daß sich in ihr wieder Kräfte entfalten
können, die den Kampf gegen die Gefahren des Faschismus und das
Wiedererwachen von Vorstellungen des deutschen Imperialismus für wichtiger
halten, als opportunistische Unterordnung unter die CDU/CSU.'
Nun, warten wir diese Entwicklung ab, versprechen wir uns aber nicht
allzuviel davon. ...
Die große Ratlosigkeit und die allgemeine Unzufriedenheit, die seit Bildung
der Großen Koalition herrscht, besteht auch weiterhin, eine grundlegende
Änderung scheint sich auch in absehbarer Zukunft nicht zu zeigen.
Deshalb heißt die Parole für diese Bundestagswahl:
W A H L B O Y K O T T
und Intensivierung des außerparlamentarischen Kampfes."

Ein weiterer Artikel ist:"
Die SMV des Prälat-Diehl-Gymnasiums möchte an dieser Stelle eim
Mitbestimmungsmodell zur Diskussion stellen, daß sie am Gymnasium zu
verwirklichen gedenkt. Es wird bereits an einer Darmstädter Schule
praktiziert. Wesentlicher Bestandteil ist die Vollversammlung, an der alle
Schüler teilnahmeberechtigt UND stimmberechtigt sind. ... Nicht in der
Vollversammlung erfaßte Personen (Lehrer, Direktor etc.) können durch
Abstimmung (einfache Mehrheit) ausgeschlossen werden. ... Besondere Aufgaben
(wie z.B. Protokoll führen, Resolutionen verfassen, Rechtsfragen klären,
Parties organisieren etc.) übernehmen spontan gebildete Ausschüsse, denen
sich jeder Schüler anschließen kann. Diese Ausschüsse arbeiten befristet und
weisungsgebunden. ... Die SMV ist abgeschafft."

"An alle Mädchen" wendet sich ein Artikel "Schülerinnen, Sexualität - Pille",
in dem kein Anhalt für medizinische Risiken der Pille gefunden wird:"
Zum ersten Mal steht uns ein Mittel (außer der Sterilisation) zur Verfügung,
daß gestattet, nicht auf Lust zu verzichten, weil ständig die Gefahr besteht,
daß ein Kind gezeugt wird. ...
Elternhaus, Schule und Kirche predigen dagegen auch heute noch für uns alle
die sexuelle Enthaltsamkeit. ...
Bei uns Schülerinnen ist der Zwang sexuelle Gefühle zu unterdrücken,
wesentlich größer als bei einer Jungarbeiterin, die sich in einer materiell
unabhängigen Situation von den Eltern befindet. Von uns dagegen verlangt man,
solange wir uns in der Ausbildung befinden, Enthaltsamkeit zu üben, d.h.
einen Teil unserer Persönlichkeit zu verleugnen und zu unterdrücken. ...
Es ergeben sich aus alledem zwei Konsequenzen:
Einerseits den Prozeß der Aufklärung fortzuführen, der immer mehr Schülern
den Zusammenhang zwischen schulischer, sexueller und politischer
Unterdrückung klarmacht; dadurch emanzipatorisch zu wirken, dahingehend, daß
immer mehr Schüler ein unverklemmtes Verhältnis zur Sexualität finden, aus
den Mechanismen der Unterdrückung ausbrechen und sich gegen die Unterdrückung
behaupten.
Andererseits durch praktische Hilfe bereits emanzipierte Schülerinnen zu
unterstützen, dazu gehören Beratungen und Adressen von Ärzten, die beim
Redaktionskollektiv zu erfahren sind."
=Vesper Nr.4,Groß Gerau Sept. 1969

20.09.1969: 
In Groß Gerau soll heute erstmals ein Arbeitskreis tagen, der die auf dem
Kreisjugendtag (KJT) aufgeworfenen Fragen, die leider nicht genannt werden,
weiterbehandeln soll:"
Alle politisch interessierten Schüler und Lehrlinge (Jungarbeiter) sind, auch
wenn sie am KJT nicht teilgenommen haben, recht herzlich eingeladen. Die
fachliche Beratung wird Horst Keimig übernehmen."
Keimig wurde vor allem durch seine Mitarbeit in der Sozialistischen
Arbeitergruppe (SAG) Darmstadt und als Vertrauensleutesprecher bei Merck
bekannt. Vermutlich aus diesem Arbeitskreis geht die SAG Groß Gerau hervor.
Aufgerufen wird u.a. in der 'Vesper' (vgl. Sept. 1969) durch einen Artikel
"Ausbeutung statt Ausbildung!", in dem es u.a. heißt:"
Was wird aus unserer Zukunft, wenn neben den Schülern und Studenten unsere
Lehrlinge weiterhin eine solch erbärmliche Ausbildung erhalten. ...
Der Lehrling lernt bei seiner Ausbildung in der Hauptsache den blinden
Gehorsam gegenüber jedem arbeitsmäßig höhergestellten; dabei bildet sich
unwillkürlich ein Denkverzicht, der sich dann auch im privaten und
gesellschaftlichen Bereich fortsetzt.
Der Lehrling wird zum Arbeitstier!
Eine weitere Förderung des Denkverzichts erfährt der Lehrling in seiner
schulischen Ausbildung. ...
Da vorerst von den zuständigen Organ (Kultusministerium) keine wesentliche
Änderung zu erwarten ist, liegt es an den Lehrlingen selbst, Möglichkeiten
auszuarbeiten, um diese zu verwirklichen. Als Beispiel hierfür könnte die
Gründung einer Lehrlingsgewerkschaft, die außerhalb des Deutschen
Gewerkschaftsbundes steht und in Essen bereits verwirklicht wurde, dienen.

In diesem Zusammenhang wird auf die heutige Veranstaltung in Schloß Dornberg
hingewiesen:"
Hier treffen sich zum ersten Mal Leute, die sich mit Fragen der
Lehrlingsausbildung befassen."
=Vesper Nr.4,Groß Gerau Sept. 1969,S.*

01.10.1969: 
Der Arbeitskreis Kriegsdienstverweigerung (AK KDV) Groß Gerau (vgl. Sept.
1969) will Anfang Oktober auf einem Seminar eine Militarismusanalyse
durchführen.
=Vesper Nr.4,Groß Gerau Sept. 1969,S.9

17.10.1969: 
In Groß Gerau wird, laut 'Vesper', das bisherige Marxismus-Seminar nun als
Arbeitsgruppe der Volkshochschule (VHS) fortgeführt.
=Vesper Nr.4,Groß Gerau Sept. 1969,S.9

November 1969: 
In Groß Gerau erscheint die Nr.5 der Schülerzeitung 'Vesper' (vgl. Sept.
1969, Dez. 1969) in einem Umfang von 20 Seiten, von denen uns leider die
Seiten 5 bis 10 fehlen. Auf dem Titelbild hetzt F.J. Strauss einen
Schäferhund auf.
Die Auflage wird mit 630 Ex. angegeben. Als Mitglieder des
Redaktionskollektives werden benannt vom Prälat Diehl Gymnasium (PDG):
Gertrud Bischoff, Heiner Scherer, Harald Merz, Kl.-Jürgen Rücker, Dirk
Treber, Norbert Schwappacher, Susi Himmel, Bernd Heyl, Wulf Rühl, Uschi
Pietz und Angelika Reichstein, von der Kreisberufsschule Groß Gerau u.a.:
Bernd Melchior, Wolfgang Gimbel, Klaus Gimbel und Burkhard Benz, andere
Mitarbeiter sind Ernst Sperling, Gerda Meinelschmidt, Angelika Stork,
Jürgen Goetz und Dagmar Dotzauer.

"In eigener Sache" wird erklärt:"
1. Als wir im Mai dieses Jahres die erste Ausgabe der Vesper
herausbrachten, war es unser Ziel, die Schüler, die unsere Zeitung lesen,
anzuregen kritisches Bewußtsein zu entwickeln. Weiter war es unsere
Absicht 'allen Schülern die Möglichkeit zu bieten ihre Meinung zu
Problemen, die für sie von Interesse sind, darzulegen' (Vesper 1). Damit
die Schüler keine Angst vor Repressalien zu haben brauchen verzichten wir
auf den Abdruck der Namen. Wir stellen noch einmal fest, daß wir alle uns
zugesandten Artikel ohne Zensur drucken (Wenn Kürzungen wegen Platzmangel
notwendig sind, werden wir den Verfasser bitten diese selbst
vorzunehmen). Bisher erhielten wir lediglich eine Zuschrift; sie war von
einem Pfarrer. Wir fordern a l l e  Leser dazu auf mitzuarbeiten und
kritisch Stellung zu nehmen.

2. Es ist unerträglich und schlicht als Schweinerei zu bezeichnen, wenn
Lehrer Artikel von uns im Unterricht in diffamierender Weise besprechen
und uns nicht die Möglichkeit zur Gegendarstellung bieten. Das ist
Manipulation und Verdummung übelster Machart, und wir sind nicht gewillt
das hinzunehmen. Wir fordern alle Schüler auf uns zu berichten wenn
Lehrer unsere Zeitung im Unterricht besprechen und von dem betreffenden
Lehrer zu verlangen, daß ein Mitglied des Redaktionskollektivs an der
Besprechung teilnehmen kann.

3. Das Redaktionskollektiv hat sich seit der ersten Ausgabe stark
vergrößert; trotzdem sind wir auch weiterhin an der Mitarbeit anderer
Schüler interessiert.
Auch das neuentstandene Redaktionskollektiv an der Berufsschule fordert
die Schülerschaft zu verstärkter Mitarbeit auf."

Zur Bundestagswahl äußert sich "Wahlwittchen" frei nach den Brüdern Grimm.
In "Phrasen, Schlagwörter, dummes Gewäsch, z.B.: Faschismus" heißt es
u.a.:"
Uns geht es aber nicht darum, irgendwelche 'Traumtänzer' zum mitträumen
zu gewinnen, sondern unser Ziel ist es vielmehr, dem Einzelnen
aufzuzeigen, in welchem 'Scheißstaat' er eigentlich lebt, anders
ausgedrückt: in einem spätkapitalistischen Staat mit faschistischen
Tendenzen".

In "Über die Funktion der Betriebshierarchie" heißt es:"
Insgesamt ist zu erkenn, daß die autoritär hierarchische
Gesellschaftsordnung Ursache für ständigen Unfrieden in der breiten Masse
ist. Die Lohnabhängigen sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß sie
nicht in der Lage sind, die eigentlichen Ursachen, die für ihre jetzige,
unbefriedigende Lage verantwortlich sind, zu erkennen. ...
Es ist jedoch auf jeden Fall notwendig, daß die Arbeiter i h r e
Betriebe selbst leiten und die Betriebshierarchie durch ein System der
Arbeiterselbstverwaltung ersetzt wird (Jugoslawien-Modell). ...
Jetzt ist noch die Frage zu klären, wie man die bestehenden Verhältnisse
verändern kann. ... Die Gewerkschaften können uns hier nicht viel helfen,
sie sind bereits so mit der Betriebshierarchie verbunden, daß sie unfähig
sind wirksame Kritik zu üben. Es ist daher dringend erforderlich, daß wir
uns selbst organisieren."
Eine Möglichkeit dazu sei der Arbeitskreis Betrieb Groß Gerau, der sich
jeden Samstag im Schloß Dornberg trifft.

In "Die Stellung der Frau in Beruf, Familie, Politik und Sexualität" wird
u.a. auf den Paragraphen 1356 BGB eingegangen.

In "Vom Parlamentarismus zur autoritären Demokratie" befaßt man sich mit
Carl Schmitt und stellt fest:"
Manipulation hat ja nur dann langfristigen Erfolg, wenn sie auf die
Bereitschaft stößt, sich manipulieren zu lassen, wenn ihr bestimmte
Bedürfnisse der Masse entgegenkommen. Das ist ohne Zweifel in Deutschland
zur Zeit der Fall."
=Vesper Nr.5,Groß Gerau Nov. 1969

Dezember 1969: 
In Groß Gerau erscheint die Nr.6 der Schülerzeitung 'Vesper' (vgl. Nov.
1969, Jan. 1970) in einem Umfang von 24 Seiten.
Die Auflage wird mit 600 Ex. angegeben. Als Mitglieder des
Redaktionskollektives werden benannt vom Prälat Diehl Gymnasium (PDG):
Gertrud Bischoff, Heiner Scherer, Kl.-Jürgen Rücker, Dirk Treber, Norbert
Schwappacher, Bernd Heyl, Wulf Rühl, F. Schopf, Uschi Pietz und Angelika
Reichstein, von der Kreisberufsschule Groß Gerau u.a.: Bernd Melchior,
Wolfgang Gimbel, Klaus Gimbel und Burkhard Benz, andere Mitarbeiter sind
Ernst Sperling, G. Dewald, U. Müller, R. Brückner, H. Graf, C. Drott, Gerda
Meinelschmidt, Angelika Stork, Jürgen Goetz und Dagmar Dotzauer.

Das Titelbild wird von einem Phantasiewesen eingenommen, man befaßt sich mit
Musikkritik (Bob Dylan, Amon Düll II, Canned Heat), mit der Stellung der Frau
in der Familie und veröffentlicht einen "Leitfaden für Junglehrer".
In "Zur Problematik der SMV" befaßt man sich mit der derzeitigen Diskussion
eines 4. Entwurfes (vgl. 31.7.1969) zu einem neuen SMV-Erlaß:"
Am Prälat Diehl Gymnasium wurde ein Ausschuß aus Lehrern und Schülern
gebildet, der die Aufgabe hat, Verbesserungsvorschläge auszuarbeiten und ein
Modell für eine Satzung zu entwerfen.
Von Schülerseite wurden Forderungen vorgebracht, ohne die ein wirklich
demokratisches Mitbestimmungsmodell für die Schule undenkbar ist."
Hierzu zählen das allgemeinpolitische Mandat, paritätisches
Mitbestimmungsrecht bei allen Konferenz bzw. falls dieses nicht gewährt wird,
Vetorecht des Vermittlungsausschusses.

Man wendet sich gegen Nazis, Christen und Sozialdemokraten und veröffentlicht
"Alle Macht den Räten!!! - Eine Analyse des Rätesystems von der Pariser
Kommune bis zum rätedemokratischen Modell Jugoslawiens", wobei Jugoslawien
quasi als Vorbild dargestellt wird, da dort die Arbeiter den wirtschaftlichen
Entscheidungen ausdrücklich oder stillschweigend zustimmen müssen:"
Insofern sind die Jugoslawen auf dem Weg zur realen Demokratie den
kapitalistischen Ländern und den Ländern des autoritären Kommunismus ein
weites Stück voraus."
Die SDAJ Mörfelden ruft zum Vietnam-Aktionstag vgl. 13.12.1969) auf.
Abgedruckt werden auch verschiedene eher unpolitische Beiträge aus der
Schülerschaft.
=Vesper Nr.6,Groß Gerau Dez. 1969

Januar 1970: 
In Groß Gerau erscheint vermutlich im Januar die Nr.7 der Schülerzeitung
'Vesper' (vgl. Dez. 1969, Feb. 1970) am Prälat Diehl Gymnasium (PDG) und der
Berufsschule, die uns bisher leider nicht zugänglich war.
=Vesper Nr.9,Groß Gerau Mai 1970

Februar 1970: 
In Groß Gerau erscheint vermutlich im Februar die Nr.8 der Schülerzeitung
'Vesper' (vgl. Jan. 1970, 4.5.1970) am Prälat Diehl Gymnasium (PDG) und der
Berufsschule, die uns bisher leider nicht zugänglich war.
Eingegangen wird u.a. auf den Tod von Hans Jürgen Krahl (SDS Frankfurt).
=Vesper Nr.9,Groß Gerau Mai 1970

04.05.1970: 
In Groß Gerau erscheint vermutlich in dieser Woche die Nr.9 der
Schülerzeitung 'Vesper' (vgl. Feb. 1970, 29.6.1970) am Prälat Diehl Gymnasium
(PDG) und der Berufsschule.
Über "Die neue Vesper" heißt es:"
Aufgrund des sehr schlechten Echos auf die letzte Vesper kam es in der
Redaktion zu sehr starken Differenzen. Ein Teil war der Auffassung, daß
die Vesper politische Information bringen sollte und auf Satiren und
Witze ganz verzichten sollte. Die andere Gruppe vertrat die Auffassung,
daß die Vesper ja schließlich eine Schülerzeitung sei und daher auf die
Interessen der Schüler eingehen müsse. Und da es nun einmal nicht
hauptsächliches Interesse der Schüler ist, sich über politische Fragen zu
informieren (wen interessiert schon der Tod von H.J. Krahl?), müsse die
Zeitung mindestens wieder auf den alten Kurs gebracht werden, wenn nicht
sogar noch mehr auf allgemein interessierende Dinge eingehen. Es wurde
dann eine Abstimmung durchgeführt, bei der sich diejenigen, die sich für
eine radikale Politisierung der Vesper einsetzten, nicht durchsetzen
konnten. Der andere Teil ging nun daran eine neue Konzeption für die
Vesper zu entwickeln. Daraufhin zogen sich diejenigen, die für eine
politische Vesper eintraten, zurück. (Ein Teil dieser Schüler hätte
sowieso mit Abschluß der Schule seine Mitarbeit beendet.) Es wurde im
allgemeinen die Auffassung vertreten, daß sich die Vesper mehr mit
schulischen Fragen beschäftigen sollte, und die Schüler mehr an der
Vesper zu beteiligen seien. ... Das neue Redaktionskollektiv bemüht sich
darüber hinaus, Themen aufzugreifen, die für die Schüler von Interesse
sind (Sexualaufklärung, und ansonsten wie bisher kein Blatt vor den Mund
zu nehmen)."

Als Mitglieder des Redaktionskollektives werden benannt vom Prälat Diehl
Gymnasium (PDG):
M. Passet, Gertrud Bischoff, Kl.-Jürgen Rücker, Wulf Rühl, H. Pietz, H.
Lipp, R. Hanus, S. Himmel und G. Breidert, von der Kreisberufsschule Groß
Gerau u.a.: G. Melchior, Klaus Gimbel und M. Klier, andere Mitarbeiter
sind C. Drott, Gerda Meinelschmidt, Angelika Stork, Jürgen Goetz und
Dagmar Dotzauer.
Die Auflage wird mit 600 angegeben.
Berichtet wird u.a. von einzelnen Lehrerübergriffen gegen Schüler, wobei
die Redaktion auffordert Berichte über derlei Umtriebe am PDG, der
Berufsschule und der Angelusschule zu verfassen.
Begonnen wird mit einer Serie zur Sexualaufklärung, die in Groß Gerau
fast nur am PDG halbwegs ordentlich betrieben, an der Berufsschule, der
Angelusschule und der Schillerschule aber vernachlässigt werde.
Eingegangen wird auch das Rauchen am PDG, die Prüfungsangst, Diskotheken
und den SV-Satzungsentwurf am PDG, zu dem der Arbeitskreis SV bereits ein
'Info' herausgegeben habe. Derzeit beschäftige sich der Arbeitskreis mit
der Prüfungsangst.
In einem vermutlich für die Berufsschule geschriebenen Artikel heißt es
u.a.:"
Die Gewerkschaften machen zwar hin und wieder Verbesserungsvorschläge für
die Berufsausbildung, aber andererseits tun sie nichts für die
Durchsetzung dieser Vorschläge. Sie sind nicht bereit, die
Unzufriedenheit der Lehrlinge zu organisieren.

Die Lehrlinge müssen ihre Probleme selbst in die Hand nehmen. Deswegen
müssen sie ihren Widerstand überbetrieblich organisieren.
=Vesper Nr.9,Groß Gerau Mai 1970

06.05.1970: 
In Groß Gerau-Nord soll heute in der Evangelischen Versöhnungsgemeinde das
"3. Gespräch mit jungen 'Linken' zum Thema: Frieden und Aggressivität"
stattfinden.
=Vesper Nr.9,Groß Gerau Mai 1970,S.11

15.06.1970: 
Für die DKP berichtet M. T. vermutlich aus dieser Woche:"
EIN GO-IN BEIM LANDRAT

'UNS STINKT ES!' - GEMEINSAME AKTION VON DGB, DKP UND JUSOS

'Uns stinkt es', sagten der DGB, die Jungsozialisten (der SPD,d.Vf.) und die
DKP in der südhessischen Kreisstadt Groß Gerau und riefen zu einer
Protestkundgebung gegen die Pläne des Shell-Konzerns und der hessischen
Landesregierung auf, sechs Millionen Quadratmeter Erholungsgebiet für ein
Petro-Chemiewerk (CPK-Bereich,d.Vf.) in Beschlag zu legen. Der Vorsitzende
der Aktionsgemeinschaft Mensch-Umwelt, Pfarrer Oesner, betonte auf der
Kundgebung, daß diese Kundgebung sich nicht gegen den Fortschritt richte. Die
DKP verteilte Flugblätter, in denen sie darauf hinwies, daß die Konzernbosse
in feudalen Villen in der freien Natur lebten. Deshalb dürfe der Wald als
Erholungsgebiet für die Arbeiter nicht den Profitinteressen geopfert werden."
=Unsere Zeit Nr.26,Essen 27.6.1970,S.1

29.06.1970: 
In Groß Gerau erscheint spätestens heute die Nr.10 der Schülerzeitung
'Vesper' (vgl. 4.5.1970) mit einem Umfang von 20 Seiten u.a. am Prälat
Diehl Gymnasium (PDG) und der Kreisberufsschule (KBS).
Dies ist die letzte uns bisher bekanntgewordene Ausgabe. Die Auflage beträgt
700 Exemplare.

Vom Redaktionskollektiv werden nicht mehr die Mitglieder aufgeführt, sondern
es wird nur bekanntgegeben:"
Das Redaktionskollektiv setzt sich aus Berufsschülern, Gymnasiasten und
freien Mitarbeitern zusammen.

In eigener Sache heißt es:"
Die Vesper wird so gut, wie die Schüler sie machen!
Unser Redaktionskollektiv ist von Euren Informationen abhängig!
Nur Ihr könnt die Vesper zu einer Zeitung machen, die allen Leser aktuelle
Informationen bietet. Ihr wißt selbst, daß viele miese Pauker nur deswegen so
überheblich und autoritär auftreten können, weil ihnen die Noten die
Möglichkeit bieten, sich immer durchzusetzen, selbst wenn sie im Unrecht
sind. Jetzt könnt Ihr Euch endlich durch die Vesper gegen solche Typen zur
Wehr setzen.
Schreibt sofort Protokolle, wenn Eure Lehrer Euch ungerecht behandeln oder
autoritäre und faschistische Äußerungen von sich geben. Dies ist die einzige
Möglichkeit um den Druck dieser Lehrer zu brechen!"

Genau solche Berichte finden sich denn auch mehrere vom PDG, einer von der
Johannes Angelus Schule und auch ein Artikel "Mißstände an der KBS" beginnt:"
In der Kreisberufsschule gibt es einige sehr autoritäre Lehrer."

Eine Anzeige wirbt für den Arbeitskreis Kriegsdienstverweigerung (AK KDV)
Groß Gerau, der Beratungen zur KDV durchführt. Dem selben Thema widmet sich
auch ein Artikel "Praktisches über Kriegsdienstverweigerung".

In "Berufsschüler dürfen keine Sexualität haben" wird auf die Strafen für
unerlaubte Körperlichkeit während der Pausen und Freistunden eingegangen und
gefolgert:"
Die Lehrer versuchen uns zu nicht kontaktfähigen seelischen Krüppeln zu
erziehen, im Geiste der Großväter und das nur, weil es ein paar Leuten nicht
in den Kram paßt, daß es ihre antiquierte Welt nicht mehr gibt, sie in
unsere, in die neue Welt nicht mehr hineinpassen!"

Weiter befaßt man sich satirisch mit der Kirche und mit dem örtlichen
Freibad. Die Serie zur "Aufklärung" wird fortgesetzt.

Über den Verkauf der 'Vesper' am PDG berichtet die Projektgruppe Schule der
Roten Zelle Groß Gerau (ROTZEGG) in ihrem 'Info' (vgl. Juli 1970):"
Die Tatsache, daß der stellvertretende Direktor Jung am Montag, den 29.6.1970
16 Exemplare der Vesper Nr.10 mit den Worten: 'Ich beschlagnahme diese
Zeitungen, Herr Adamiak, sie sind mein Zeuge!' sicherstellte und offiziell
ein Verkaufsverbot aussprach, zeigt deutlich, daß der mit allen Mitteln
verschleierte Konflikt zwischen dem reaktionären Teil der Lehrerschaft und
den Schülern, der Masse der Schülerschaft nicht durch differenzierte
politische Argumentation, sondern nur durch relativ unsachliche Angriffe auf
die autoritären Methoden einzelner Lehrer bewußt gemacht werden kann. Nachdem
dieser Konflikt nun offen ausgebrochen ist, ergibt sich für den bewußten Teil
der Schülerschaft die Aufgabe, die bisherigen Ereignisse kritisch zu
verarbeiten und Konsequenzen für die Praxis zu ziehen. Dazu ist es nötig, die
Ereignisse der letzten Tage kurz darzustellen, um den Schülern ein
selbständiges Urteil zu ermöglichen.

Am Montag den 29.6.1970 waren bereits 250 der 700 Exemplare verkauft, als der
Vertrieb auf dem Schulgelände untersagt wurde. Das Verbot begründete der
Direktor dem Vesperkollektiv gegenüber in einem ersten Gespräch mit dem
Fehlen der Namen der verantwortlichen Redakteure im Impressum. Weiter stellte
der Direktor fest, daß die Vesper seit mindestens zwei Ausgaben keine
Schülerzeitung mehr sei, da, wie er behauptete, der Verkauf der Vesper nicht
mehr offiziell auf dem Schulgelände stattgefunden habe. Er führte weiterhin
als Rechtfertigung für seine Behauptung an, daß im Redaktionskollektiv auch
freie Mitarbeiter tätig sind. In einem zweiten Gespräch vor einem Teil der
Schülerschaft wiederholte er diese 'Argumentation'.
Es stellt sich jetzt die Aufgabe, durch eine Analyse des Vesperstils bzw.
Inhaltes, sowie seine Änderung in den letzten beiden Ausgaben, im einzelnen
aufzuzeigen, durch welche Methoden die Reaktion gezwungen werden kann, ihre
Verschleierungstaktik aufzugeben und ihr wahres Gesicht zu zeigen.
Die Schülerzeitung Vesper begriff sich lange Zeit als rein politische Zeitung
und brachte dementsprechend im wesentlichen nur rein politische Artikel.
Diese Artikel hatten zwar oft einen der Meinung von vielen Lehrern nicht
entsprechenden Inhalt, doch wurden sie von dem Inhalt nicht viel berührt, da
sich auch die Masse der Schülerschaft nicht weiter um den Inhalt der Zeitung
kümmerte. Als nun in der vorletzten Vesper fast nur die Schule betreffende
Artikel standen, gab es unter den Lehrern große Aufregung, denn nun sahen
sich viele persönlich, in ihrem Unterrichtsstil und ihrem allgemeinen
Verhalten angegriffen. Diese Tendenz verstärkte sich in der letzten Ausgabe
der Vesper noch erheblich.
Die Artikel griffen oft in Form von Polemik einzelne Lehrkräfte scharf an,
und zeigten anhand von bestimmten Ereignissen klar deren autoritäres bzw.
deren völlig unpädagogisches Verhalten auf. Die Reaktion dieser Lehrkräfte
konnte nur sein, den sich anbahnenden Konflikt, der ihre fragwürdigen
Unterrichtsmethoden entlarvt hätte, dadurch zu beenden, daß sie den weiteren
Verkauf der Vesper untersagten. Man zog sich zunächst auf rein formale
Rechtfertigungen für das Verbot zurück, um sich bei einer Argumentation gegen
den Inhalt nicht in Widersprüche zu verstricken. Die Absicht, die hinter dem
Verkaufsverbot stand, ist also klar: Einige Lehrer sehen sich in ihrer
ohnehin fragwürdigen Autorität angegriffen, und mußten feststellen, daß die
Vesper sehr wesentlich am Abbau ihrer Autorität beteiligt war, in dem sie
ihre Fragwürdigkeit anhand von Beispielen für jeden klar erkennbar darlegte.
Um weiterhin auf ihrem Unterrichtsstil und ihren Methoden beharren zu können,
war es für diese Lehrer notwendig, den Zerfall ihrer Autorität zu stoppen; um
dies wirkungsvoll erreichen zu können, mußte als erstes etwas gegen die
Vesper unternommen werden. Daraus folgt auch, daß alle offiziell gegen die
Vesper ergriffenen Maßnahmen nur zur Verschleierung des wahren Sachverhalts
dienen.
Das Versehen der Redaktion, nämlich im Impressum keine Namen zu nennen, kam
daher der Schulbürokratie nur gelegen, sie hatte so einen billigen Vorwand,
um gegen die Zeitung vorgehen zu können. Die Einschaltung des
Regierungspräsidiums in Darmstadt, mit dem Ziel, die Vesper zumindest auf
Zeit zu verbieten, dient offensichtlich dazu, den innerschulischen Konflikt
aus der Schule hinaus den Bürokraten zu übertragen und so eine
Grundsatzdiskussion über Pädagogik zu verhindern. Denn den reaktionären
Lehrern ist an der Vermeidung dieser Diskussion, in die dann
selbstverständlich auch die Schüler miteinbezogen würden (bzw. sich
einschalten würden) sehr viel gelegen, da sie in keiner Weise daran
interessiert sind ihren Unterrichtsstil aufzugeben, wozu sie im Laufe einer
solchen Diskussion vielleicht gezwungen werden könnten. ...
Es geht jetzt hauptsächlich darum, den Konflikt nicht in schlichtender Weise
beizulegen, sondern in seiner vollen Breite auszutragen. Bei geschicktem
Vorgehen dürfte dann durch die Diskussion eine Aktivierung und Politisierung
von zumindest einem Teil der Schülerschaft möglich sein."
=Vesper Nr.10,Groß Gerau o.J. (29.6.1970);
ROTZEGG-PG Schule:Info Nr.1,Groß Gerau 1970,S.3ff

Juli 1970: 
Vermutlich im Juli gibt die Projektgruppe Schule der Roten Zelle Groß
Gerau (ROTZEGG) erstmals ihr 'Info' mit einem Umfang von 12 Seiten DIN A
4 heraus.
Das Deckblatt wird eingenommen von einer Faust.
Verantwortlich zeichnen W. Kirstein und G. Schulmeier.
Der Leitspruch wird von Wilhelm Reich übernommen:"
Der Wille der Jugend zur Lebensfreude wird die gewaltigste Revolution
sein!"

Einleitend wird bemerkt:"
Nachdem die Vesper lange Zeit vergeblich versuchte, die
Verschleierungsmechanismen, die dem Prälat Diehl Gymnasium sein liberales
Gepräge geben, zu durchbrechen, ist es ihr durch formale und inhaltliche
Änderungen gelungen latente Konflikte zu aktualisieren. Da die Zeitung
ihre Hauptaufgabe darin sieht, der Masse der Schülerschaft die
reaktionären und faschistoiden Strukturen bewußt zu machen, ist sie
gezwungen, sich am Bewußtseinsstand der Schüler zu orientieren; sie kann
also nicht die Aufgabe erfüllen, politisch bewußten Schülern als
Diskussionsforum zu dienen, und ihnen Zusammenhänge zu vermitteln. Daraus
ergab sich die Notwendigkeit für die politisch bewußten Schüler ein
Informationsorgan zu schaffen, das diese Aufgaben erfüllt.
Dem Info fällt es zu, die politischen Hintergründe schulischer Fragen
aufzuzeigen und darüber hinaus zu allgemeinen politischen Fragen Stellung
zu nehmen.

Eingegangen wird auf das Vertriebsverbot der 'Vesper' (vgl. 29.6.1970)
auf dem Gelände des Prälat Diehl Gymnasiums (PDG) und Aktionen der
Schüler am Hessenkolleg Rüsselsheim (vgl. 22.6.1970).
=ROTZEGG-PG Schule:Info Nr.1,Groß Gerau 1970

07.07.1970: 
Die RJ/ML Ortsgruppe Walldorf/Mörfelden (vgl. Juni 1970, 24.7.1970) des
KAB/ML wird von einem Teil der Mitglieder der bisherigen RJ/ML Walldorf/
Mörfelden gegründet.
In einem Bericht darüber an das ZK der RJ/ML (vgl. Juni 1970, 12.8.1970)
heißt es über den ehemaligen ML-Flügel innerhalb der Roten Zelle Groß Gerau
(ROTZEGG) und die neue örtliche Vertretung der KPD/ML-ZB, "nach vertraulichen
Informationen sollen sich diese Leute dem KJVD angeschlossen haben."
=RJ/ML-X.X.:An Y.Y.,Walldorf o.J. (Juli 1970)

12.08.1970: 
Die RJ/ML Ortsgruppe Walldorf/Mörfelden (vgl. 11.8.1970, 13.8.1970)
berichtet heute ihrem ZK (vgl. 7.7.1970, 23.8.1970). Bezüglich des Gerüchtes
über den Austritt von Jürgen Ossenberg aus dem KJVD der
KPD/ML-ZB (vgl. 28.7.1970) heißt es:"
Ein Genosse der RJ(ML) hat daraufhin einen Genossen vom KJVD Aufbaukollektiv
Groß Gerau um Stellungnahme gebeten. Dieser behauptete, daß Ossenberg aus dem
KJVD ausgetreten sei, um Diskussionen über 'Fragen' in Gang zu bringen,
später wolle er aber wieder eintreten. Aus Frankfurt erhielten wir die
Nachricht, daß uns das KJVD Aufbaukollektiv einen Bären aufgebunden hatte.
Ossenberg soll immer noch Mitglied des KJVD sein."
Trotzdem will man sich am 2.9.1970 mit dem KJVD Groß Gerau treffen.
=RJ/ML-Ortsgruppe Walldorf/Mörfelden:An ZK der RJ/ML,Walldorf 12.8.1970

24.10.1970: 
In Frankfurt und Groß Gerau wird in dieser oder der nächsten Woche ein
Flugblatt "Arbeiterjugend fordert:
60% vom Ecklohn einheitlich für alle Lehrlinge!
Für Arbeit in der Produktion - Arbeiter- oder Gesellenlohn!
Einheitlicher Tarifvertrag für Arbeiter und Lehrlinge!
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!" verteilt.
Herausgegeben wird es von den Revolutionären Jugend (ML) - RJ/ML
Berufsschulgruppen (BSG) Heinrich von Kleyer Schule, Bethmannschule,
Phillip Holzmann Schule und Gutenberg Schule.
Nicht erwähnt wird in dem Flugblatt, daß es sich um die BSG der RJ/ML
Ortsgruppe Walldorf/Mörfelden (vgl. 8.10.1970, 29.10.1970) handelt.
Ausgeführt wird:"
Während die Profite der Kapitalisten (Unternehmer) ins unermeßliche
gestiegen sind, hat sich die Lage der Arbeiterklasse nicht verbessert.
Besonders die Arbeiterjugend wird im verstärkten Maße ausgebeutet. Die
'Ausbildungsbeihilfe', dieses Almosen, das wir für unsere Arbeit erhalten
ist ein reiner Hohn. Viele glauben dem Spruch: 'Lehrjahre sind keine
Herrenjahre', und lassen sich damit vertrösten, daß sie ja später einmal
mehr verdienen werden, wenn sie ausgelernt haben und älter sind. Diese
Haltung ist falsch. Wir müssen anders diese Frage herangehen. Wir müssen
fragen:

WEM NÜTZT DIESE AUSBILDUNG?

Im Kapitalismus nützt unsere Ausbildung einzig und allein dem
Unternehmer! Warum? Im Kapitalismus muß jeder, der keinen Besitz an
Produktionsmitteln hat, seine Arbeitskraft verkaufen, um leben zu können.
Weil der Wert der Produkte, die jeder von uns in seiner Arbeitszeit
herstellt, unseren Lohn um ein Mehrfaches übersteigt, erzielt der
Unternehmer Profite. Wenn wir also eine anständige Bezahlung während der
Ausbildungszeit fordern, ist das also nur recht und billig. Unsere Lage
ist zur Zeit völlig untragbar!

WIE IST UNSERE WIRTSCHAFTLICHE LAGE?

Als Lehrlinge bekommen wir zwischen 130 DM und 250 DM monatlich. Das
steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir brauchen. Die gestiegenen
Preise, die von den Kapitalisten in die Höhe getrieben werden, betreffen
uns Lehrlinge genauso wie die erwachsenen Arbeiter. Unsere 'Vergütung'
hat sich seit Jahren kaum verbessert, aber die Preise sind stark
angestiegen. Wir fordern deshalb:

60% VOM ECKLOHN EINHEITLICH FÜR ALLE LEHRLINGE!

Das heißt, daß die Unterschiede zwischen den Lehrjahren aufgehoben
werden. Warum bekommt einer im ersten Lehrjahr weniger als im zweiten und
dritten? Darauf gibt es nur eine Antwort:
Es ist das Interesse der Kapitalisten, die Arbeiterjugend aufzuspalten.
Die Kapitalisten versuchen, unsere Einheit dadurch zu schwächen, daß sie
uns je nach Alter bezahlen. Dasselbe versuchen sie auch bei den jungen
Arbeitern, indem sie gleiche Arbeit je nach Alter bezahlen. Das muß
abgeschafft werden! Deshalb:

WEGFALL DER LOHNSTAFFELUNG NACH ALTERSGRUPPEN!
GLEICHER LOHN FÜR GLEICHE ARBEIT!

Diese Forderung ist ein wichtiger Schritt zur Verbesserung unserer
wirtschaftlichen Lage. Es soll davon ausgegangen werden, daß als
Grundlage für die Berechnung der Lehrlingsvergütung für alle 60% des
Ecklohns zugrunde gelegt werden. Darüber hinaus muß jede Stunde, die der
Kapitalist uns in der Produktion arbeiten läßt, voll mit 100%
Effektivlohn bezahlt werden, das heißt mit dem vollen Arbeiter- oder
Gesellenlohn. Denn durch unsere Arbeit in der Produktion schaffen wir oft
die gleichen Werte, wie unsere älteren Kollegen, bekommen aber einen viel
geringeren Lohn als sie. Das heißt: Die Kapitalisten beuten in einer noch
viel brutaleren Weise aus, als unsere älteren Kollegen.

Deshalb:
FÜR ARBEIT IN DER PRODUKTION - ARBEITER- ODER GESELLENLOHN!"

Die Anschrift ist ein Frankfurter Postfach von H.Schmidt, hingewiesen
wird, darauf, daß Jungarbeiter und Lehrlinge den 'Rebell' der RJ/ML lesen.
=RJ/ML-OG Walldorf/Mörfelden:Arbeiterjugend fordert,Frankfurt o.J. (1970)

14.11.1970: 
In Frankfurt und Groß Gerau wird vermutlich in dieser Woche (eine Woche
vor den Weihnachtsferien) an 5 Berufsschulen ein Flugblatt der RJ/ML mit
dem Titel "Wie sieht die wirtschaftliche Lage der Arbeiterjugend aus?"
verteilt.
Nicht bekanntgegeben wird, daß es von der OG Walldorf/Mörfelden der RJ/ML
(vgl. 22.11.1970, 9.2.1971) stammt.
Ganz oben in einem Kasten wird mitgeteilt:"
Die Tarifverhandlungen in der Metallindustrie sind beendet. Die
Kapitalisten und die rechte Gewerkschaftsführung haben sich gegen den
Willen der Kollegen auf Abschlüsse von 10 bis 13% geeinigt. Diese
Abschlüsse sind faule Kompromisse, mit denen die rechte
Gewerkschaftsführung dem Kampf der Metaller in den Rücken gefallen ist."

Dann wird noch einmal auf die Forderung nach 60% vom Ecklohn für
Lehrlinge eingegangen und im zweiten Teil gefragt:"

WIE IST UNSERE POLITISCHE LAGE?

Unsere politische Lage ist zur Zeit durch das reaktionäre
Betriebsverfassungsgesetz (BVG) bestimmt. Das BVG ist das juristische
Mittel, mit dem die Kapitalistenklasse uns politisch unterdrückt. Daß wir
kein Streikrecht haben und daß unsere Jugendvertreter keinen
Kündigungsschutz genießen, sind Dinge, die im BVG verankert sind. Jeder,
der im Betrieb den Mund aufmacht, kann mit diesem Maulkorbgesetz fertig
gemacht werden.
Deshalb:

DAS BVG MUSS WEG!

Wir Lehrlinge haben kein Streikrecht. Was heißt das?

Die Kapitalisten wollen uns gegen unsere erwachsenen Kollegen ausspielen.
In Essen haben wir vor kurzem ein Beispiel für diese hinterhältige und
widerliche Taktik der Kapitalisten erlebt. Während eines Streiks wurden
die Lehrlinge gezwungen, in der Produktion zu arbeiten und zusammen mit
den Meistern den Laden zu schmeißen. Dadurch gelang es den Kapitalisten
die einheitliche Kampffront der Arbeiter zu schwächen. Wir können also
mit Hilfe des BVG als Streikbrecher gegen unsere älteren Kollegen
eingesetzt werden. Schluß mit dieser schmutzigen Spaltertaktik:

STREIKRECHT FÜR LEHRLINGE!

Genauso entschieden müssen wir dafür eintreten, daß unsere gewählten
Jugendvertreter nicht länger hilflos den durch das BVG legalisierten
Unterdrückungsmaßnahmen der Kapitalisten ausgeliefert sind.
Wir müssen dafür sorgen, daß unsere Jugendvertreter im Betriebsrat Sitz
und Stimme bekommen. Dazu ist selbstverständlich notwendig, daß unsere
Vertreter für die anfallenden Arbeiten (Sitzungen usw.) freigestellt
werden.
Solange aber unsere Jugendvertreter keinen Schutz vor den Übergriffen der
Kapitalisten haben, solange es den Kapitalisten möglich ist, ihnen
unangenehme Jugendvertreter, die unsere Interessen aktiv vertreten,
jederzeit zu kündigen, solange wird die Jugendvertretung keine Stütze
unseres wirtschaftlichen und politischen Kampfes im Betrieb werden
können. Deshalb:

KÜNDIGUNGSSCHUTZ FÜR JUGENDVERTRETER!

Um unsere gerechten Forderungen durchsetzen zu können, müssen wir
geschlossen gegen die Kapitalistenklasse vorgehen.

Jungarbeiter und Lehrlinge, die dies erkannt haben, organisieren sich in
der REVOLUTIONÄRE JUGEND (ML) - RJ (ML)", die über das Frankfurter
Postfach von H. Schmidt erreichbar ist.
=RJ/ML-OG Walldorf/Mörfelden:Wie sieht die wirtschaftliche Lage der
Arbeiterjugend aus?,Frankfurt o.J. (1970)

22.11.1970: 
Die RJ/ML-Ortsgruppe Walldorf/Mörfelden (vgl. 29.10.1970, 14.10.1970)
verfaßt einen Bericht an ihr ZK (vgl. 8.10.1970, 9.2.1971) für die Zeit
vom 9.10.1970 bis heute:" ...
2. Groß Gerau

Nach dem offensichtlich wurde, daß der Groß Gerauer KJVD immer mehr zum
treuen Vasallen der Weinfurth-Genger-Gruppe (d.h. der KPD/ML-ZB,d.Vf.)
wurde, betrieben wir eine Arbeit an der Kreisberufsschule Groß Gerau, die
sich im wesentlichen auf das Verteilen der ALP ('Aktuelle Lehrlings
Presse' der RJ/ML Darmstadt,d.Vf.) und von Flugblättern beschränkte.
Innerhalb der Roten Zelle Groß Gerau kam es nach Abspaltung des KJVD zu
einer Neubestimmung der Schülerarbeit auf Grundlage des Artikels in Nr.8
des Roten Pfeils (vgl. ****1970,d.Vf.). Ob diese Neubestimmung in der
praktischen Arbeit konsequent verwirklicht wurde, kann von uns nicht
überprüft werden. Auf jeden Fall kam es an der Groß Gerauer Oberschule zu
einem Streik gegen den Lehrermangel, dem sich nach Agitation der ROTZGG
auch die Berufsschüler anschlossen. Aus diesen Lehrlingen entstand eine
Berufsschulgruppe in der auf Aufforderung durch die ROTZGG auch zwei
Genossen der RJ/ML mitarbeiten. Es ist vereinbart, daß die Schüler der
ROTZGG so bald wie möglich aus der Mitarbeit in der Lehrlingsgruppe
ausscheiden. Wir benötigen für die Weitergabe an die ROTZGG ausgewähltes
Material über die korrekte Arbeit einer Schülermassenorganisation. Bitte
schickt uns dieses umgehend zu."

Anlagen sind u.a. die Flugblätter:
- "Arbeiterjugend fordert" Frankfurt/Groß Gerau (vgl. 24.10.1970);
- Flugblätter des KJVD Groß Gerau und der Lehrlingsgruppe Groß Gerau, die
zur gleichen Zeit vor der KBS verteilt worden seien, uns aber leider
nicht vorliegen. Der KJVD habe der ROTZGG vorgeworfen eine Gleichmacherei
zwischen Oberschülern und Lehrlingen zu betreiben.
=RJ/ML-OG Walldorf/Mörfelden:Bericht der Ortsgruppe für die Zeit vom
9.10.1970 bis 22.11.1970,o.O. o.J. (1970)

Dezember 1970: 
In Groß Gerau kommt ein 'Info' als Organ der Roten Zelle Groß Gerau
(Rotzegg) / Projektgruppe Schule heraus, in dem sich die Gruppe einer
Hinwendung zur Arbeiterklasse befleißigt. Zugunsten dieses 'Infos' wurde
die bisherige Schülerzeitung 'Vesper' für das Prälat-Diehl-Gymnasium
eingestellt, aber dafür auch noch 'SV-Informationen' herausgegeben, von
denen 1970 zumindest noch eine erschien (vgl. April 1971). Damit setzte
sich, laut ehemaligen Mitgliedern, eine 'Mehr-Politik-Linie' in der
Schülerarbeit durch.

Damit setzt nun allerdings auch ein Fraktionierungsprozeß ein. Die Suche
nach Orientierung innerhalb der Rotzegg, die einzelne Arbeitskreise
aufgebaut hatte (AK Jugendclub, AK Schule, AK Berufsschule/Betrieb), führte
zu einer Favorisierung des AK Berufsschule/Betrieb. Ende 1970 wurde die
Rotzegg vor die Alternative gestellt, entweder in den KJVD einzutreten,
oder den "Misthaufen der Geschichte" zu bevölkern. Eine Mehrheit blieb
zunächst indifferent.
Aufgrund der Kontakte zur RJ/ML in Darmstadt, entschied sich dann später
ein Teil der Rotzegg für den KAB/ML und dessen RJ/ML, ein kleiner Rest für
den KJVD.
=Eigener Bericht,o.O. 1986;
SV-Information Nr.1,Groß Gerau 1970;
Rotzegg-PG Schule:Info,Groß Gerau Dez. 1970

16.02.1971: 
In Groß Gerau verfaßt Jakob Faulstroh, Presse- und Stanzwerk, einen Brief
an die 'Jungarbeiter und Lehrlings Presse' (JLP) (vgl. 15.2.1971,
29.3.1971):"
Den Artikel über die Berufsausbildung in unserem Hause haben wir mit
Interesse zur Kenntnis genommen.
Leider mußten wir jedoch feststellen, daß Ihr Bericht einige krasse
Fehlinformationen, Halbwahrheiten und Unwahrheiten enthält. Damit sie sich
von den tatsächlichen betrieblichen Gegebenheiten und der von uns
praktizierten Berufsausbildung ein objektives Bild machen können, laden wir
Sie zu einem Informationsbesuch ein. Sie erhalten dabei die Gelegenheit,
unser Berufsausbildungssystem kennenzulernen und die Herren des
Betriebsrates, der Lehrlingsmeister und die Lehrgesellen stehen Ihnen zur
Beantwortung von Fragen zur Verfügung.

Bitte nennen Sie uns einen Termin für Ihren Besuch."

Das Redaktionskollektiv der JLP antwortet:"
Sehr geehrte Damen und Herren!
Wir haben uns über Ihren Brief sehr gefreut, fanden jedoch keine
Auseinandersetzung mit unserem Artikel über Lehrlingsausbildung in Ihrem
Betrieb. Sie werfen uns vor, daß unser Artikel 'einige krasse
Fehlinformationen, Halbwahrheiten und Unwahrheiten enthält, weisen uns dies
jedoch nicht nach. Wir können hierzu nur sagen, daß der Artikel von einem
Lehrling bei Faulstroh an die Redaktion der JLP geschickt wurde, der doch
wohl über die Zustände in diesem Betrieb Bescheid weiß. Außerdem wurde uns
die Glaubhaftigkeit dieses Berichtes von weiteren Lehrlingen bei Faulstroh
bestätigt.
In Ihrer Einladung zu einer Betriebsbesichtigung können wir aus diesem
Grunde nur den Versuch einer Täuschung erkennen. Sollten sie immer noch an
einer Gegendarstellung interessiert sein, senden sie uns diese bitte bis
zum Redaktionsschluß der JLP am 25.März zu."
=Der Faulstroh-Arbeiter Nr.1,Groß Gerau o.J. (1971),S.8

22.02.1971: 
Frühestens heute gibt in Groß Gerau ein vermutlich am Prälat Diehl
Gymnasium (PDG) angesiedelter Arbeitskreis Imperialismus eine "Information
über Laos" heraus, für die Bernd Heyl verantwortlich zeichnet.
Neben dem Deckblatt, auf dem ein US-Flugzeug abschmiert, während unten
ein(e) Befreiungskämpfer(in) stolz das Gewehr hochhält, finden sich für 10
Pf. auf 5 Seiten Informationen und zum Schluß die Parole:
"Für den Sieg im Volkskrieg Indochinas!".
=Arbeitskreis Imperialismus Groß Gerau:Information über Laos,o.O. (Groß
Gerau) o.J. (1971)

29.03.1971: 
In Groß Gerau gibt die Ortsgruppe der RJ/ML vermutlich in dieser Woche die
bisher einzige Ausgabe ihres 'Faulstroh-Arbeiters' bei einem Preß- und
Stanzwerk heraus. Kontakt ist möglich über ein Postfach von H. Schmidt in
Walldorf.
Die 8 Seiten teilen sich in 4 Seiten für Erwachsene, die mit denen des 'T+N -
Arbeiters' in Frankfurt (vgl. 29.3.1971) identisch sind, und 4 Seiten unter
dem Titel 'Der Faulstroh-Lehrling'.
Dort wird gefordert die Freistellung zum Berichtsheftschreiben und in einer
Dokumentation die Reaktion der Firma  auf die erste Beschäftigung der 'JLP'
der RJ/ML mit Faulstroh dargestellt (vgl. 16.2.1971).
Auch einen Leserbrief eines Faulstroh-Lehrlings, der den JLP-Artikel
kritisiert, hofft man zu widerlegen.
=Der Faulstroh-Arbeiter Nr.1,Groß Gerau o.J. (1971)

19.04.1971: 
Vermutlich in dieser Woche gibt in Groß Gerau der Ausschuß für Information
der Schülervertretung (SV) des Gymnasiums Prälat Diehl Schule (PDG bzw.
PDS) eine Sondernummer der 'SV-Information' zum 1.Mai heraus.
Der Umfang beträgt 14 Seiten DIN A 4, die Auflage 400 Exemplare, der Preis
20 Pfennig.
Verantwortlich zeichnen G. Bischoff, H. Ewald und B. Heyl.
In "Warum ein SV-Info zum 1.Mai?" heißt es:"
Die Schüler in Groß Gerau haben im letzten Jahr von sich reden gemacht. Ein
Streik gegen den Numerus Clausus, ein Streik gegen den Lehrermangel;
Demonstrationen. Doch was war das Ergebnis? Den Numerus Clausus gibt es
nach wie vor, oder er wurde nur verschleiert (Eingungsprüfungen,
zusätzliche Prüfungen während des Studiums, Vorsemester). Zwar hat die PDS
ein paar neue Lehrer bekommen, doch grundsätzlich hat sich nichts geändert.
Wir Schüler haben unsere politische Rolle maßlos überschätzt. Wir konnten
bei geschlossenem Vorgehen zwar kleine Erfolge erzielen, generelle
Veränderungen aber nicht. Warum?

Wir haben völlig isoliert von den wichtigsten Vorgängen der Gesellschaft,
nur orientiert an unseren eigenen Wünschen, Vorstellungen und Erfahrungen
Forderungen gestellt und versucht sie durchzusetzen. Damit sind wir nicht
über eine ständische Interessenpolitik, die niemanden außerhalb des
Schulbereiches interessierte, hinausgekommen. Unser Anspruch auf
persönliche Entfaltung ohne Leistungsdruck, auf Mit- und Selbstbestimmung
stieß sehr bald auf die Grenzen des innerhalb des bestehenden
Gesellschaftssystems Möglichen. Diese Grenzen bestehen darin, daß in
unserer Gesellschaft die Ausbildung an den Interessen weniger, an den
Interessen derjenigen, die über die Produktionsmittel, die Industrie
verfügen, an den Interessen derjenigen, die die Macht in Händen halten,
orientiert ist. Die Verwirklichung unserer Ziele kann also nur erreicht
werden, wenn die Klassengesellschaft beseitigt ist, die Macht in den Händen
der arbeitenden Menschen liegt.

Die Grenzen der bisherigen Schulpolitik sind also erkannt, und damit ist
klar geworden, daß wir unsere Ziele nur als Bündnispartner der
Lohnabhängigen, Arbeiter und Angestellten, erreichen können. Deshalb, und
nicht nur zum 1.Mai, sollten wir uns über den Stand der Kämpfe in den
Betrieben, über die Forderungen der Arbeiter informieren."

In "Zum 1.Mai 1971" wird nach den Abschnitten:
- Der 1.Mai ist der internationale Kampftag der Arbeiterklasse;
- Gegen den ständigen Abbau der demokratischen Rechte;
- Weg mit dem reaktionären Betriebsverfassungsgesetz (BVG)
  Für eine fortschrittliche Betriebsverfassung;
- Unabhängigkeit der Gewerkschaften;
- Kampf dem Imperialismus und
- Für ein einiges sozialistisches Deutschland zum Besuch der Maikundgebung
in Groß Gerau aufgefordert.

In "Internationale Arbeiterbewegung" wird berichtet aus Polen,
Großbritannien, Spanien, USA, Guinea-Conakry, Italien, den Niederlanden und
der SU.

In "Westdeutschland" wird eingegangen auf Metalltarifrunde,
Arbeitslosigkeit und einige Streiks.

In "Zur Situation in Groß Gerau" wird ein Artikel der RJ/ML Darmstadt aus
dem 'Info' des AStA der TH Darmstadt zum 1.Mai 1970 (vgl. Apr. 1970)
nachgedruckt:"
Lehrlinge fordern: Ausbildung statt Ausbeutung

In letzter Zeit häufen sich die Berichte über Lehrlingsaktionen, die sich
gegen Ausbeutung und Unterdrückung richten. Bild schrieb: 'Jetzt fangen
unsere Lehrlinge auch noch an!'
Die Proteste richten sich hauptsächlich gegen folgende Punkte:

1) Ausbeutung:
Die Lehrlinge müssen im Betrieb produktive Arbeit verrichten, bekommen aber
nur eine sog. Erziehungsbeihilfe zwischen 120 und 200 DM. Dadurch macht der
Unternehmer beträchtliche Extra-Profite (der Kaufhof in Darmstadt spart
durch seine Lehrlinge pro Monat über 50 000 DM!).

2) Ausbildung:
Im Handwerk beschränkt sich die Ausbildung auf einige spezielle Bereiche,
z.B. müssen manche 2 1/2 Jahre an der Stanzmaschine stehen oder 1 Jahr lang
Schweizer Käse verkaufen. In der Industrie machen sie eine einjährige
Grundausbildung durch, die aus Feilen oder Bohren besteht; dadurch werden
sie so abgestumpft, daß sie es direkt als Erleichterung empfinden, die
restliche Zeit in der Produktion arbeiten zu dürfen.
Nach dem 'neuen' Berufsbildungsgesetz ist es auch in die Hand der
Unternehmer gelegt, ob die Ausbildung 1, 2 oder 3 Jahre dauert (Paragraph
26, Stufenplan, der von Krupp übernommen wurde).
Durch dieses reaktionäre Gesetz wird festgelegt, daß 70% aller Lehrlinge
Hilfsarbeiten zu Hilfsarbeiterlohn verrichten müssen.

3) Unterdrückung:
Die Lehrlinge müssen meist die letzten Drecksarbeiten verrichten, werden
geschlagen und schikaniert, wo es nur geht.

Um sich dagegen zu wehren haben sich im Raum Darmstadt Lehrlinge und
Arbeiter in Gruppen zusammengeschlossen und begonnen eine Organisation
aufzubauen, die Revolutionäre Jugend (Marxisten-Leninisten).
Wir haben unsere Kameraden und Kollegen in einer Flugblattserie über das
'neue' Berufsbildungsgesetz informiert.
Wir werden gegen die Auswüchse der Unternehmer und Ausbilderwillkür den
Kampf aufnehmen!
Die grundsätzliche Änderung unserer Lage, die Beseitigung der Macht der
Unternehmer, wird die Arbeiterklasse, deren Teil die Arbeiterjugend ist,
erreichen, wenn sie ihre Macht erkennt und anwendet!
KAMPF DEM REAKTIONÄREN BERUFSBILDUNGSGESETZ!"

So wird. fortgefahren:"
Er zeigt deutlich, wie die Lage der Lehrlinge heute ist.
Angesichts dieser Mißstände, die im Raum Groß Gerau oft noch verstärkt
auftreten (18% der Lehrlinge haben keine Ausbilder, in 50% der Firmen gibt
es keinen Ausbildungsplan, 41,4% der Lehrlinge müssen Nebenarbeiten
verrichten, in 62,3% der Betriebe gibt es keine Jugendvertreter, 24% der
Lehrlinge werden mit Akkord-, Fließband- oder Prämienarbeit beschäftigt;
Zahlen nach DGB Untersuchung für den Raum Groß Gerau - Darmstadt) haben
sich im Herbst 1970 Lehrlinge aus Groß Gerau zu einer Lehrlingsgruppe
zusammengeschlossen. Diese Gruppe der RJ/ML hat bereits eine Reihe von
Flugblättern verteilt und gibt regelmäßig eine Zeitung, die 'Jungarbeiter
und Lehrlingspresse' heraus. In dieser Zeitung werden die Mißstände, die in
den Ausbildungsbetrieben und an der Berufsschule herrschen aufgegriffen und
kritisiert. Das Ziel der RJ/ML ist es in allen Betrieben des Kreises
Betriebsgruppen aufzubauen, da der Kampf der Arbeiter hauptsächlich am
Arbeitsplatz, nämlich im Betrieb geführt werden muß. Der erste Erfolg war
schon zu verzeichnen. Anfang April (vgl. 29.3.1971,d.Vf.) wurde die erste
Nummer des 'Faulstroharbeiters' vor der Firma Faulstroh verteilt.
Viele Schüler der PDS unterstützen durch technische Hilfe (Verteilen von
Flugblättern und Zeitungen vor der Berufsschule und vor Betrieben) aktiv
den Kampf der Lehrlinge und Jungarbeiter.
Die RJ/ML fordert alle Lehrlinge und Arbeiter zur Teilnahme an der
diesjährigen Mai-Kundgebung auf; auch wir Schüler sollten uns an den
demonstrationen und Kundgebungen beteiligen, denn wir können unsere
Interessen nur als Bündnispartner der lohnabhängigen Arbeiter und
Angestellten wahrnehmen, wir müssen sie aktiv unterstützen."

Eingegangen wird auch noch auf die Geschichte des 1.Mai.
=SV-PDG:Information Sdr.Nr.1.Mai,Groß Gerau 1971

01.05.1971: 
In Groß Gerau beginnt eine Mai-Demonstration um 9 Uhr Am Sandböhl und
endet mit einer Kundgebung um 10 Uhr an der Kreisberufsschule.
Aufgerufen wird auch von der SV des PDG.
=SV-PDG:Information Sdr.Nr.1.Mai,Groß Gerau 1971,S.14

18.05.1971: 
In Groß Gerau findet am Prälat Diehl Gymnasium (PDG) eine Gesamtkonferenz
statt, auf der, laut SV, 11 Lehrer gegen Ende eine Resolution zur
SV-Satzung vorlegen und durchsetzen.
Strittig sind hier die Fragen der kollektiven Verantwortung, die die
Schüler fordern oder die alleinige Verantwortung des Schulsprechers für
alle SV-Veröffentlichungen und die Frage der Zulassung von Schülergruppen
(konkret besonders Schülerbasisgruppe - SBG).
=SV-PDG:Information Nr.4,Groß Gerau 1971

24.05.1971: 
Vermutlich in dieser Woche gibt in Groß Gerau am Prälat Diehl Gymnasium
(PDG oder PDS) der SV-Ausschuß für Information die 'SV Information' Nr.4
(vgl. Apr. 1971) im Umfange von 12 Seiten DIN A 4 heraus. Verantwortlich
zeichnet der genannte Ausschuß, in dem H. Ewald, G. Henisch, G. Bischoff,
B. Dörwald, G. Breidert und B. Heyl tätig sind.
Die Auflage wird mit 1 200 angegeben.
Der Leitartikel, "Keine demokratischen Rechte für Schüler!", befaßt sich
mit der letzten Gesamtkonferenz am PDG (vgl. 18.5.1971).
Weitere Artikel sind u.a. "Abitur - was dann?" und "Keine Bundeswehrwerbung
an der Schule!", der Kassenbericht und eine Anfrage an die Bundesbahn wegen
dem Zugverkehr zwischen Groß Gerau und Mörfelden.
Über die SV sind noch erhältlich Informationen zu Laos (vgl. 22.2.1971) und
zum 1.Mai (vgl. Apr. 1971) sowie von Karl Marx "Lohnarbeit und Kapital" und
"Lohn-Preis-Profit".
=SV-PDG:Information Nr.4,Groß Gerau 1971

03.07.1971: 
Zwischen heute und dem 5.7.1971 zeigt die RJ/ML des KAB/ML in Groß Gerau
den Film 'Kuhle Wampe'.
=RJ/ML-OG Frankfurt:Gruppenbericht für die Zeit vom 7.4.1971-17.7.1971,S.4

Oktober 1971: 
Ab Ca. Oktober 1971 dominieren in Groß-Gerau wieder die Nachfolger der
Roten Zelle Groß Gerau, RJ/ML und MLSG.
Die MLSG gibt die lokalen 'MLSG Informationen' heraus.
=Eigener Bericht 1986,o.O.

04.11.1971: 
Die OG Groß Gerau der RJ/ML des KAB/ML will im Anne Frank Heim einen Film
"Lohnkampf ist Klassenkampf" zeigen.
=Jungarbeiter und Lehrlingspresse Nr.8,Frankfurt/Groß Gerau Dez. 1971,S.8

Dezember 1971: 
In Groß Gerau erscheint am Prälat Diehl Gymnasium (PDG) erstmals die
Schülerzeitung das 'Fallbeil'. Weitere Ausgaben wurden uns bisher nicht
bekannt. Die Verantwortung für die 16 Seiten DIN A 4 übernimmt B. Becker in
Walldorf, Kontaktperson ist D. Berz in Groß Gerau.
Auf der Titelseite findet sich unter der Abbildung einer Guillotine der
Hinweis:"
Ähnlichkeiten mit bereits lebenden oder noch toten 'Vespern' sind
beabsichtigt".
Fortgeführt wird die eher reichistische Tradition eines Flügels der ehemaligen
'Vesper'-Redaktion (vgl. .5.1970), wie es sich in dem Artikel "Familie im
Dienst des Staates" und auch in "Demokratie im Kapitalismus", die
hauptsächlich aufgrund der Sozialisation angezweifelt wird, ausdrückt.
Weiter finden sich u.a. Comics, Kritiken am Schulleiter, der aufgefordert
wird sein Amt niederzulegen, ein Artikel "Nixon in Peking ein
Schwächezeichen der USA", ein Nachruf auf eine andere Schülerzeitung am
PDG, die 'j'accuse', eine Ergänzung zum 'SV-Info' über Drogen unter dem
Titel "Anpassung an das System durch Drogen", ein Leserbrief und eine
Anzeige für das 'Rote Signal' der MLSG des KAB/ML.
=Das Fallbeil Nr.1,Groß Gerau Dez. 1971

Februar 1972: 
Die OG Groß Gerau der RJ/ML des KAB/ML, die aus der OG Walldorf/Mörfelden
hervorging, berichtet ihrem ZK (vgl. 7.4.1971, März 1972) über den Februar:"
Seit dem letzten Gruppenbericht hat sich in unserer Ortsgruppe zwar einiges
geändert (die Sympathisantengruppe funktioniert besser, die politische und
ideologische Diskussion ist stärker angegangen worden), wir sind jedoch
immer noch ohne konkrete Ansätze zur Verankerung in Groß Gerauer Betrieben.
Unter unseren Sympathisanten sind zwar fähige Leute, diese arbeiten jedoch
meist in Darmstadt. Die Leute mit denen wir Kontakt haben, und die in Groß
Gerau sind, sind teilweise Fachschüler, teilweise in Kleinbetrieben. Wir
hatten zwar schon Kontakt mit Leuten aus Mittelbetrieben, uns gelang es
jedoch nicht richtig sie vom gemeinsamen Kampf gegen den Kapitalismus zu
überzeugen. Bei uns wirkt sich auch beschwerlich aus, daß wir in den
Betrieben von Groß Gerau nicht verankert sind. Um in besseren Kontakt mit
Kollegen aus Groß Gerauer Betrieben zu kommen, arbeiten wir nun verstärkt
in der Gewerkschaftsjugend in Groß Gerau mit.
Unsere Ziele für das nächste halbe Jahr haben wir nun grob umrissen. Wir
sind jedoch nicht in der Lage einen genaueren Arbeitsplan aufzustellen, da
uns genauere Vorstellungen fehlen. Es zeigt sich bei uns immer wieder, daß
die Einsetzung von Bezirksinstrukteuren dringend notwendig ist, um eine
konkrete Anleitung in für uns schwierigen Fragen zu bekommen.
Die Kontakte mit der Ortsgruppe Frankfurt und der Ortsgruppe Darmstadt
lassen ebenfalls zu wünschen übrig. Schon allein die Tatsache, daß wir
immer wieder mit Leuten zu tun bekommen, die in Darmstadt arbeiten, bei uns
aber mitarbeiten wollen, zeigt die Notwendigkeit auf, eine engere
Zusammenarbeit der Ortsgruppen zu schaffen, die auch für uns dringend
notwendig ist, um eine Hebung des ideologischen Niveaus vorantreiben zu
können. Wir bitten Euch deshalb so bald wie möglich einen
Bezirksinstrukteur einzusetzen.
Ein weiteres Problem zeigt sich darin, daß sich eine Gruppe von Italienern
mit uns in Verbindung gesetzt hat, wir jedoch nicht genau wissen, wie wir
uns ihnen gegenüber verhalten sollen. Sie bezeichnen sich als
Marxisten-Leninisten, das tun jedoch auch die Unione-Trotzkisten. Wir
bitten Euch deshalb uns über die korrekte Kommunistische Partei Italiens zu
informieren und uns die Kontaktpflege mit ausländischen Kollegen zu
beschreiben."
=RJ/ML OG Groß Gerau:Betrifft:Gruppenbericht der Ortsgruppe Groß Gerau,Groß
Gerau o.J. (1972)

März 1972: 
Die Ortsgruppe Groß Gerau der RJ/ML des KAB/ML berichtet ihrem ZK (vgl.
Feb. 1972, Mai 1972) über den März:"
Wir haben in der letzten Zeit damit begonnen unsere Arbeit zu
systematisieren und die Aufgaben der einzelnen Genossen genauer
festzulegen. Es lassen sich auch schon Erfolge unseres Vorgehens
verzeichnen. Unsere Sympathisantenarbeit hat sich hierauf verbessert. In
diesem Zusammenhang haben wir beschlossen die Kulturarbeit zu
intensivieren, um den Genossen eine Alternative zum bürgerlichen
Kulturbetrieb zu bieten. (Wir wollen zusammen mit Genossen aus Frankfurt
und Darmstadt eine Freizeit über ein Wochenende durchführen. Für die
Durchführung der Freizeit sprechen (natürlich eingeschränkt) die gleichen
Gründe wie für die Durchführung des zentralen Zeltlagers.)
Mit einigen Schwierigkeiten in Bezug auf die Sympathisantenarbeit haben wir
jedoch immer noch zu kämpfen. Kaum ein Sympathisant wohnt direkt in Groß
Gerau und einige haben ihren Arbeitsplatz in Darmstadt.
Die Agitation ist verstärkt worden, so geben wir jetzt vorläufig vor jedem
Rebellverkauf eine Broschüre heraus, die auf den Inhalt des jeweils neuen
Rebell hinweist. (...)
Die ersten Vorbereitungen für den 1.Mai sind mittlerweile getroffen worden.
Wir sind eben dabei mit verschiedenen fortschrittlichen Gruppen aus Groß
Gerau und Umgebung in näheren Kontakt zu treten (Jusos, DKP). Demnächst
werden wir noch versuchen mit dem Ortskartell des DGB übereinzukommen. In
der Gewerkschaftsjugend ist bereits beschlossen worden den 1.Mai möglichst
kämpferisch zu gestalten.

Aufgrund einer Aktionseinheit von MLSG Groß Gerau und SDAJ gegen eine
Veranstaltung der Jungen Union in Walldorf, haben wir zusammen mit der SDAJ
Mörfelden beschlossen eine Aktionseinheit gegen Ultrarechtsblock und
Faschismus einzugehen. Diese Aktionseinheit soll unter dem Namen
Demokratische Aktion auftreten und auch einen Kampf um mehr demokratische
Rechte führen, d.h. die Demokratische Aktion ist auch gegen die Angriffe
der SPD ausgerichtet. Die SDAJ-Vertreter billigten dies alles und stimmten
zu, die SPD als momentane Hauptstütze des Kapitals anzusehen. Wir haben zu
allen Vorstellungen, die von uns kamen, die volle Zustimmung erhalten. Wir
haben auch die ideologische Auseinandersetzung in Angriff genommen, indem
wir der SDAJ u.a. eine Diskussion über die 'Fünf Grundrechte' angeboten
haben, die wir im Mai durchführen werden. Die Diskussion wird
selbstverständlich öffentlich stattfinden.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, daß wir nun damit
begonnen haben die LSK (Lenin-Studienkampagne,d.Vf.) durchzuführen. Ein
Genosse aus Darmstadt hat sich bereit erklärt als Schulungsleiter zu
fungieren. Beim ersten Treffen wurde noch einmal festgestellt, daß die
Nichtdurchführung der LSK stark zu kritisieren ist, da dies im höchsten
Maße organisationsschädigend ist. Uns war die Wichtigkeit der LSK einfach
nicht klar. An der LSK nehmen auch Genossen aus der Frankfurter Ortsgruppe
teil, von denen die Nichtdurchführung der LSK in ihrer Ortsgruppe ebenfalls
stark kritisiert wurde.
Wir haben noch weiter Kontakt mit den italienischen Genossen, wissen jedoch
immer noch nicht genau, wie wir uns ihnen gegenüber verhalten sollen. Sie
wollten ursprünglich einen Sprachunterricht durchführen, bei dem wir
Hilfestellung leisten sollten. Dies hat sich jedoch aus ziemlich
fadenscheinigen Gründen zerschlagen. Die Italiener, die wie sie behaupten
auch Kontakt zu italienischen Kollegen bei der Firma Faulstroh haben, haben
zu Leuten von Lotta Continua (LC,d.Vf.) Kontakt, die bei Opel Rüsselsheim
zusammen mit dem Revolutionären Kampf (RK,d.Vf.) Betriebsarbeit machen. Es
ist die Frage, inwieweit das Einschlafenlassen der Kontakte auf die
Aktivitäten der Leute von Lotta Continua zurückzuführen ist. Wir werden auf
jeden Fall versuchen mit den Leuten aus Groß Gerau weiter Kontakt zu halten
und versuchen mit ihnen eine ideologische Auseinandersetzung zu führen. Wir
hoffen, daß Ihr uns bald eine Anleitung zur Arbeit mit ausländischen
Kollegen schickt und uns Näheres über Lotta Continua und die korrekte
italienische Partei berichten könnt.
Über unsere Arbeit in der VHS (Volkshochschule,d.Vf.) Groß Gerau werden wir
im nächsten Gruppenbericht Näheres berichten. Vorauszuschicken wäre auf
jeden Fall, daß ein Mitglied der KSG/ML Frankfurt eine Volkshochschulgruppe
in Ginsheim leitet und an der Schülerpresse, einer Zeitung für Haupt- und
Realschulen, mitarbeitet. Die Seminare, die zur Arbeit an der Schülerpresse
notwendig sind, werden teilweise von der VHS getragen. Demnächst findet ein
Seminar für diese Zeitung statt an dem auch ein Mitglied der RJ/ML
Frankfurt teilnehmen wird. Wir wollen versuchen diese Zeitung, an der auch
DKP-Sympathisanten mitarbeiten (2 Realschüler), zu einem Organ der RJ/ML
für Haupt- und Realschulen im Landkreis Groß Gerau zu gestalten. ...

Wir begrüßen die Durchführung des zentralen Zeltlagers, wir können jedoch
noch keine Zusage in Punkt auf Teilnehmerzahl machen, da ungefähr zur
gleichen Zeit eine Freizeit für Kinder des Kreises Groß Gerau stattfindet,
für die sich 4 Genossen unserer Ortsgruppe als Betreuer gemeldet haben.

Wir möchten noch einmal darauf hinweisen, daß wir eine Einsetzung des
Bezirksinstrukteurs für dringend notwendig halten."
=RJ/ML-Ortsgruppe Groß Gerau:Betrifft: Gruppenbericht der Ortsgruppe Groß
Gerau (März 1972),Groß Gerau o.J. (1972)

01.05.1972: 
In Groß Gerau führt der DGB, laut RJ/ML, eine Saalveranstaltung durch. Die
RJ/ML habe dagegen gemeinsam mit Italienern ein Transparent und einen
Infostand auf dem Marktplatz aufgebaut.
=Rebell Nr.5,Tübingen Mai 1972

30.06.1972: 
Der KABD (ex-KAB/ML - vgl. 7.8.1972) berichtet über seine Theatergruppe
'Roter Zünder' (vgl. 7.8.1972):"
In Groß-Gerau griff der 'Rote Zünder' noch besonders den hessischen
Zivilschutz-Unterricht an: 150 Jungarbeiter, Lehrlinge und Schüler wurden
begeistert und zum Kampf ermutigt."
=Rote Fahne Nr.8,Tübingen Aug. 1972,S.6

November 1972: 
Die Ortsgruppe Groß Gerau der RJ/ML des KABD verfaßt vermutlich im November
einen Bericht (vgl. **********, **********):"
Situation der OG Groß Gerau

Industrie in Groß Gerau
Größere Betriebe in GG sind die Zuckerfabrik (Südzucker AG) (NGG-
Bereich,d.Vf.), die ungefähr 250 Beschäftigte hat. Während der
Zuckerrübenkampagne sind dort allerdings 1 000 Leute beschäftigt. Der nächst
größere Betrieb ist das Jakob Faulstroh Press- und Stanzwerk (Metall) mit
ungefähr 600 Beschäftigten.
Richardson Merell (Wick) (NGG-Bereich,d.Vf.) mit ungefähr 350 Beschäftigten
ist der drittgrößte Betrieb. Die restlichen Mittelbetriebe sind hauptsächlich
metallverarbeitende Betriebe und haben zwischen 30 und 150 Beschäftigte,
wobei die Betriebe mit der geringeren Beschäftigtenzahl bei weitem
überwiegen.
Die meisten Lehrlinge, die die Berufsschule in Groß Gerau besuchen, sind
Lehrlinge aus kleinen Handwerksbetrieben aus Groß Gerau und den umliegenden
Ortschaften. Der größte Teil der arbeitenden Bevölkerung Groß Geraus und der
umliegenden Ortschaften arbeitet entweder in Darmstadt, Frankfurt oder bei
Opel (IGM-Bereich,d.Vf.) in Rüsselsheim (ungefähr 32 000 Beschäftigte).
Landwirtschaftliche Betriebe sind hier auch noch relativ stark vertreten;
auch die Nebenerwerbstätigkeit von ehemaligen Bauern, die der
wirtschaftlichen Konzentration nicht mehr standhalten konnten und als
Hilfsarbeiter in die Fabriken mußten ist ebenfalls noch vorhanden.

Unsere Ortsgruppe besteht zur Zeit aus 7 Mitgliedern. Davon ist ein Genosse
seit dem 2. Oktober bei der Bundeswehr (...) (Metallfacharbeiter,d.Vf.). Die
restlichen Mitglieder sind zwei Schüler (Schülergrundeinheit), ein
Schlosserlehrling (Arbeitsplatz in Darmstadt), ein Schreinerlehrling, ein
Betriebsschlosser (der gerade Abitur macht) und ein Student. Die Ortsgruppe
ist relativ gefestigt, es bestehen keine Differenzen zur politischen Arbeit.
Es besteht jedoch ein Mangel an politischen Grundlagen. Wir sind dabei unsere
Arbeit nach außen zu intensivieren, wir haben damit begonnen eine
Berufsschulgruppe (BSG,d.Vf.) aufzubauen. Auch wurde beschlossen, daß die
Genossen in den verschiedenen Jugendclubs, die es in Groß Gerau und Umgebung
gibt, mitarbeiten sollen. Für die Berufsschulgruppe ist ein Stamm von
Sympathisanten vorhanden, es mangelt jedoch noch an Planmäßigkeit von uns, um
die Sympathisanten näher an uns zu binden. Durch geselliges Zusammensein und
kulturelle Betätigung (Sport und Liederabende etc.) sollen diese
Sympathisanten näheren Kontakt mit uns bekommen. Dies kann jedoch die
politische Arbeit mit den Symptahisanten nicht ersetzen, wobei uns die
Planmäßigkeit immer noch Schwierigkeiten bereitet. Wir sind nur ansatzweise
bei der Herstellung des Arbeitsplans. Konkrete Vorstellungen fehlen immer
noch, was eine große Hinderung bedeutet. Im großen und ganzen ist die
Situation in unserer Ortsgruppe jedoch recht positiv zu beurteilen, da wir
die Isolation, die vor ungefähr einem Jahr noch bestand, größtenteils
überwunden haben. Die OG muß jetzt noch hauptsächlich organisatorisch und
ideologisch gefestigt werden. Wir wollen in diesem Zusammenhang demnächst die
Durchführung einer Schulung diskutieren.
Unsere Arbeit in der Gewerkschaft haben wir vorläufig aufgegeben, da diese
uns wenig weiter brachte und wir die Arbeit der RJ-Ortsgruppe nach außen für
vorrangiger halten, was uns bei der Beibehaltung der Gewerkschaftsarbeit wie
bisher nicht möglich gewesen wäre."

Ebenfalls von der OG oder von dem Bezirksinstrukteur (BI) stammt noch eine:"
Ergänzung:
Die Arbeit der Ortsgruppe ist in der letzten Zeit lebendiger geworden,
schlecht wirken sich die objektiven Bedingungen (wenig Industrie) aus. Der
Entwicklung von Führungskräften wurde bisher wenig Aufmerksamkeit gewidmet."
=N.N.(RJ/ML-BI Südhessen):ohne Titel (Bericht an ZK der RJ/ML),o.O. o.J.
(1972)

01.05.1973: 
In Groß Gerau hatte die RJ/ML, nach eigenen Angaben, zu ihrer
Maiveranstaltung, deren genauen Termin wir bisher nicht kennen, Jusos und DKP
eingeladen. Am 1.Mai selbst beteiligt sich die RJ/ML an der DGB Kundgebung.
=Rebell Nr.5,Tübingen Mai 1973;
Rote Fahne Nr.5,Tübingen Mai 1973

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